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zottel

Unterhaltung - Geschichte: "Füreinander"

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(Bevor ich das Forum für einige Zeit verlasse, möchte ich euch eine Kurzgeschichte hinterlassen, die ich mal vor einiger Zeit unter dem Pseudonym "LyvAra" veröffentlicht habe. Viel Spaß beim Lesen und eine kommende, schöne Osterzeit euch allen!)


Füreinander

Moritz hieß der Typ. Das war der, der immer seine Nase so grässlich hoch zog und den Rotz dann lautstark durch den Mund ausspuckte. Und genauso hatte ich ihn damals auch eingeschätzt: hochnäsig.
Als ich eben aus dem Supermarkt kam, war da plötzlich neben mir das gleiche Geräusch. Ich drehte mich zur Seite und stellte fest: Es war auch der gleiche Typ. Das war Moritz! Nur cirka 30 Jahre älter, eingemummt in eine zerschlissene Decke. Die Wollhandschuhe an den Fingern hatten schon Löcher, doch die Pudelmütze auf seinem Kopf schien noch ganz neu zu sein. Die Farben waren frisch und die Mütze sauber, was man von seiner sonstigen Kleidung, die unter der Decke ab den Oberschenkeln hervor lugte, nicht gerade behaupten konnte.
In der kleinen Plastikschale vor seinen Füssen lagen eine Unmenge 1-und 2 Centstücke. Einige 10, 20 und 50-Centstücke waren wohl auch dabei und vielleicht versteckten sich unter all dem Kupfer ja auch noch 1-Euromünzen. Allerdings würde er aus dieser Summe kaum gut Kirschen essen können.

Einige Stunden später-, es war schon dunkel draußen und auch in meiner Wohnung brannte nur noch eine Kerze und die kleine Leselampe auf dem Beistelltisch, der direkt neben meinem Schaukelstuhl stand, - ein Überbleibsel meiner verstorbenen Oma -, war Moritz friedlich auf dem kleinen Sofa eingeschlafen.
Moritz versprühte noch den Duft meines Cokosshampoos. Er hatte sich sogar im Gesicht rasiert.
Manchmal legte ich das Buch in meinen Schoß, hob mich leicht aus dem Schaukelstuhl etwas nach oben, beugte mich dann etwas vor und horchte, ob Moritz auch wirklich noch atmen würde. Er war so leise. Uns trennten nur zwei Meter und doch schien er weit weg, in einer anderen Welt versunken. In seiner.

Seltsamerweise hatte er gar nicht viel gegessen.
"Schmeckt es dir nicht?", hatte ich gefragt.
"Doch. Sehr.", hatte er gemeint, schluckte den Bissen Schnitzel hinunter, auf dem er ewig gekaut hatte und vermied es mir in die Augen zu sehen. Ich hatte es ihm nachgemacht, kümmerte mich lieber um die Falte auf der Tischdecke, strich sie wieder glatt, salzte mein Fleisch etwas nach, welches bereits ausreichend gewürzt war, steckte mir meinen Knoten nebenbei neu ins Haar, rückte mein Glas an eine neue Stelle, an die "richtige" sozusagen, schob den Bastkorb mit dem aufgeschnittenen Baguette etwas weiter in Moritz Richtung und bemerkte, dass er mir aufmerksam zugeschaut hatte in allem, was ich tat. Und ich hatte so getan als würde ich es nicht bemerken.

Seine Klamotten hatte ich noch vor dem Abendessen in die Waschmaschine geworfen. Auch die Decke, in die er beim Supermarkt eingehüllt war. Sie war schon so gebraucht, dass man durch die Fasern hindurch blicken konnte. Einen Wärmeschutz bot sie sicherlich kaum noch.
"Brauchst du die wirklich noch?"
Moritz hatte sofort die Hand nach der Decke ausgestreckt und "bitte...nicht!" gerufen.
Da hatte ich mich gefühlt als stünde ich auf einer Klippe, würde gerade in den Abgrund springen wollen und Moritz würde rufen: "Bitte ... nicht!" Und ich könnte einfach springen. Es würde ihm nichts ausmachen. Und noch während des Sprunges würde ich hören wie er mir hinterher riefe: "...nicht die Decke!"

Wir hatten an diesem Abend nicht viel miteinander gesprochen.
Hätte ich fragen sollen: Was machst du denn sonst noch so den ganzen Tag? Wie ist es dir denn in all den Jahren ergangen? Hast du Familie? Kommst du klar mit deinem Leben und bist zufrieden? Oder hätte ich etwa etwas aus meiner Welt erzählen sollen? Von Beruf, Familie, Freunde usw.?
Es gab einfach nichts zu sagen. Und es gab verdammt noch mal nichts zu fragen.
Sein Gestern und meines wiegten schwer bleiernd in der Luft und hatte uns den Atem genommen.

Mitten in der Nacht war ich dann irgendwann aufgestanden, hatte aufgehört mich im Stuhl hin und herzuwiegen, aufgehört uns beide zu wiegen in der empfundenen Traurigkeit und bin in mein Bett gegangen. Ich musste gehen, denn es wäre mir peinlich gewesen, wenn ich dort eingeschlafen wäre und er mitbekommen hätte, dass ich neben ihm gesessen bin wie eine Bulldocke und über ihn wachte.

Es vergingen zwei, drei Tage und Moritz war noch immer da. Und jedes mal wenn er eingeschlafen war, schlich ich mich in den Schaukelstuhl, wog uns lautlos hin und her und las in meinem Buch weiter. In der vierten Nacht hatte ich das Buch zu Ende gelesen. Moritz schlief seelenruhig, nur manchmal zuckten seine Beine. Seine alte, durchlöcherte Decke legte er immer über das Kopfkissen und darauf ruhte sein Gesicht.

Am nächsten Abend ging ich als Erste zu Bett. Kurz darauf hörte ich Schritte. Moritz blieb an meiner Schlafzimmertür stehen, die einen kleinen Spalt offen war. Dann entfernten sich die Schritte wieder und ich hörte, wie er sich nebenan aufs Sofa legte. Er drehte sich mehrmals hin und her. Jedes Geräusch drang deutlich zu mir. Wahrscheinlich hatte er die Zimmertür weit offen stehen lassen.
Plötzlich waren da wieder Schritte. Es klopfte an meiner Tür.
"Entschuldigung, schläfst du schon?", fragte Moritz.
"Nein." Ich hob den Kopf und sah Moritz in die Augen. Es war gar nicht DER Moritz. Es war ein ganz anderer.
"Darf ich dich etwas fragen?"
Ich setzte mich auf: "Klar."
"Würdest du zu mir rüber kommen?" Moritz sah meine großen Augen und fuchtelte verlegen mit den Armen. "Ich meine, rüber, in den Schaukelstuhl da ..., dich dort hin setzen. Nur ein Weilchen?"
Einen kleinen Moment fühlte ich mich ertappt. Schließlich ging ich mit ihm hinüber.
"Wenn du magst, kannst du ja auch noch lesen." Moritz lächelte kurz und schlüpfte unter die Zudecke.
"Und wenn DU magst, kann ich dir ja auch vorlesen", lächelte ich zurück.
Moritz nickte. Ich begann das Buch noch einmal zu lesen: Füreinander, von L.RL. Die Autorin begann mit folgender Widmung:

Für dich, der schweigt.
Für mich, die schweigt.

Auf einmal spürte ich einen Stich. Nein, es waren mehrere: in der Brust, im Herzen, im Magen.
Ich las noch als der Morgen schon dämmerte und Moritz lauschte noch immer. Und so war es auch in der darauf folgenden Nacht und noch in der nächsten.
In der letzten Nacht, noch bevor ich die letzten Seiten des Buches vorzulesen begann und Moritz sich hingelegt hatte, breitete ich seine alte Decke auf das Kopfkissen für ihn aus. Für einen Augenblick wollte ich das Ding zerreißen, denn diese Decke zerriss auch mich. Und ich war auch ein wenig eifersüchtig auf sie. Na ja, vielleicht auch ein bisschen mehr, denn diese Fasern schienen ihm alles zu bedeuten. Sie waren sein Leben, ein Teil von ihm, den Teil, an dem ich nie teilhaben würde. Das Buch endete auch mit einer Widmung:

Ich weiss nicht,
für wen ich all das schrieb.
Ich weiss nur, es ist:
Füreinander.


Moritz und ich weinten. Ganz leise. So leise wie der Schaukelstuhl hin und her wippte und dabei kaum ein Geräusch verursachte.
"Wer hat das Buch geschrieben?", wollte Moritz wissen und zog die Nase wieder hoch. Nur irgendwie anders als sonst. Er versuchte dabei so still wie möglich zu sein.
"L.RL", gab ich zur Antwort.
"Ach ja, ich erinnere mich. Du hattest es anfangs erwähnt."

Am nächsten Tag war ich viel unterwegs und kam erst spät nach Hause. Es war still in der Wohnung und kalt. Moritz hatte das Bett vom Sofa fort geräumt. Alles war wieder an Ort und Stelle gerückt, so, als wäre Moritz niemals dagewesen.
"Moritz?"
Keine Antwort. Ich ging in die Küche.
"Moritz?"
Da war auch kein Moritz. Dann rannte ich zum Bad. Mein Herz schlug heftig. Ich riss die Badezimmertür auf : "Moritz?", obwohl ich bereits wusste, dass er auch dort nicht zu finden wäre.
Ich weinte den ganzen Abend. Dann fiel mir mein Buch ein und ich lief rasch ins Lesezimmer. Das Buch war weg.
"Du hast es mitgenommen", sagte ich leise.
Es gab nur diese eine Ausgabe. Ich hatte es selbst mit der Hand gebunden. Und es waren meine Gedanken, die darin standen.
"Du hast es einfach mitgenommen", stammelte ich noch einmal und dann folgte das Entsetzen, denn mir fiel ein, dass ich das Buch, als ich es damals fertig eingebunden hatte, den Text anschließend von meiner Festplatte gelöscht hatte. Es sollte etwas Einmaliges sein. Etwas, was man behütet, worauf man besonders acht gibt. Im nächsten Augenblick fühlte ich mich bestohlen.
"Du hast es einfach mitgenommen! Ein Teil von mir!"

Als ich erschöpft zu Bett ging und das Licht im Schlafzimmer an machte, erst da sah ich Moritz alte, zerschlissene Decke, die er, bevor er gegangen war, noch über mein Kopfkissen ausgebreitet haben musste. Auf der Decke lag ein Zettel und darauf stand:

"Für L. RL - Füreinander."
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