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Thema: Interessante Fundstücke aus dem Netz

  1. #11
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    Re: Diverse Unterhaltungen

    Ein Netzfundstück. Ich fand interessant. Ich hoffe, dass sich dadurch niemand irgendwie auf die Füße getreten fühlt...

    Frohes Fest Euch allen!

    http://www.theintelligence.de/index.php ... bolik.html

  2. #12
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    Re: Diverse Unterhaltungen

    Ein Netzfundstück. Ich fand interessant. Ich hoffe, dass sich dadurch niemand irgendwie auf die Füße getreten fühlt...

    Frohes Fest Euch allen!

    http://www.theintelligence.de/index.php ... bolik.html


    die einzigen, die sich auf die Füße getreten fühlten sind ggf. nur die fundamentalisten

    lg mike
    um apollo 11 auf den mond zu bekommen, war eine rechnerleistung von DREI commodore 64 notwendig...
    um heute einen ticket zu lösen, ist EIN pentium-prozessor nicht ausreichend.


  3. #13
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    Re: Interessante Fundstücke aus dem Netz

    Monsanto unter Druck


    Der ehemalige Lieferant von Agent Orange hat viel Dreck am Stecken.

    Günter Giesenfeld


    Monsanto, einer der größten Nahrungsmittel-Konzerne der Welt, hat in den 1960er und 1970er Jahren viele Millionen verdient, als er dem Pentagon u. a. das Herbizid Agent Orange verkaufte. In der Zeit nach dem Krieg hat er sich auf die Produktion von genetisch manipuliertem Saatgut und chemischen Substanzen verlegt, die bei landwirtschaftlichen Nutztieren eines Steigerung der Produktivität bewirken sollen – mit gefährlichen Risiken und Nebenwirkungen.

    Die Firma Monsanto wurde 1901 in St. Louis, Missouri gegründet. Sie ist inzwischen ein multinationaler Konzern und setzte mit 17.500 Angestellten im Jahre 2007 7,5 Mrd. US-$ um. Seit etwa 1997 hat sich der Konzern ganz auf die Entwicklung und Produktion von genetisch manipulierten Pflanzen (GM) konzentriert und diese Entwicklung mit einer ungeheuren Propagandakampagne verbunden, die das Image eines Rettungsengels für die globale Lebensmittelkrise zu installieren versuchte. Mit dem Slogan „Food, Health and Hope“ wurde die rasante Einführung von GM als einzige und wichtigste Waffe gegen den Hunger in der Welt hingestellt. Der Erfolg ist beeindruckend: 2007 sind weltweit schon 100 Mio. Hektar mit genetisch veränderten Kulturen bepflanzt, die Hälfte davon in den USA. Monsanto ist zwar nicht der einzige Hersteller von GM-Saatgut, aber die Firma hält 90 % der Patente dafür. Betroffen sind vor allem Massen-Nutzpflanzen wie Mais, Soja, Baumwolle und Raps. Diese Ausbreitung ist in Europa noch nicht flächendeckend gelungen, aber die britische Regierung wurde schon früh zu einem Unterstützer von GM, in anderen Ländern gibt es vorerst nur Versuchsfelder. Zu einem regelrechten Verbot haben sich in Europa nur die Länder Österreich, Griechenland, Ungarn, Polen und die Schweiz durchgerungen. Die EU ist derzeit noch mehrheitlich pro-GM.

    Die Durchsetzung von genmanipuliertem Saatgut wird vor allem mit dem Argument betrieben, daß es resistent gegen allerlei Arten von Unkraut sei, wobei mit hinterhältigen Tricks gearbeitet wird. Die GM-Kulturen sind nicht selbst gegen die Unkräuter resistent, sondern nur gegen ein neues Unkrautvernichtungsmittel, das diese Resistenz erst bewirken soll. Es heißt Roundup und wird ausschließlich hergestellt von Monsanto. Wer also GM-Saatgut aussät, muß auch Roundup kaufen.

    Die Klage der vietnamesischen Dioxin-Opfer richtet sich somit gegen eine Firma, die wie keine andere auch in der Gegenwart skrupellos und ohne Rücksicht auf moralische und bevölkerungspolitische Konsequenzen ihre Macht zur Erzielung von Profiten ausübt, die sehr beträchtlich ist. Es kann in unserem Zusammenhang Vietnam nicht die ganze „Monsanto-Story“ ausgebreitet werden, einige Element davon sollen jedoch dazu dienen, auch den Stellenwert des geführten Prozesses etwas deutlicher erscheinen zu lassen.

    Agent Orange

    Times Beach war einmal ein kleiner Ort in Missouri, ca. 30 km südlich von St. Louis. Times Beach wurde zerstört und planiert, denn es ist ein kontaminierter Ort, an dem früher Monsanto Dioxin produziert hat. Planiert und dem Vergessen anheim gegeben wurde damit auch einer der größte Skandale der Chemiebranche in dern USA.

    Times Beach war zunächst nur eine Ansammlung von Wohnwagen gewesen, in denen Arbeiter von Monsanto seit den 1930er Jahren wohnten. Ab 1970 entwickelte sich der Ort zu einem kleinen Städtchen. Aber da begann schon die Zeit rätselhafter Vorfälle. Haustiere, Nutztiere und später auch Kinder wurden von einer rätselhaften Krankheit befallen. Die Einwohner sammelten körbeweise tote Vögel auf. Erst nach vielen vergeblichen Eingaben der Stadtverwaltung wurden medizinisch-toxikologische Untersuchungen unternommen, die ergaben, daß der Boden der Stadt eine hohe Konzentration von Dioxin aufwies. Die amerikanische Bundes-Umweltbehörde Environment Protection Agency (EPA) machte diskret weitere Tests, die ziemlich deutlich auf den Verursacher Mon*santo hindeuteten.

    „Niemand konnte uns sagen, was das alles für unsere Gesundheit bedeuten könnte“ erinnerte sich später eine Anwohnerin. Die Sache wird überregional bekannt, die Presse dringt in die Idylle ein und die Einwohner haben Angst. Der Bürgermeister tritt zurück, sein Stellvertreter verschwindet plötzlich, später stellt sich heraus, daß er ein hoher Angestellter von Monsanto war. Die Stadt ist dem Untergang geweiht. Sie soll komplett von der Regierung aufgekauft, die Einwohner entschädigt werden. Dann soll sie dem Erdboden gleichgemacht und dieser dann dekontaminiert werden.

    Bei der Suche nach den Schuldigen behauptet die EPA, man könne nicht nachweisen, woher die Giftstoffe gekommen seien, weil alle Dokumente über Monsanto (und eine andere involvierte Firma; Russell Bliss) in der Behörde plötzlich verschwunden waren. Das war jedoch kein zufälliges Verschwinden. Der Befehl zur Beseitigung des Beweismaterials war vielmehr von ganz oben gekommen: Präsident Reagan hatte Anweisung gegeben, daß alle Dokumente, die große Industriekonzerne belasten könnten, vernichtet werden sollten. (1)

    Monsanto, inzwischen einer der größten Produzenten von Herbiziden, wußte also aus diesem und vielen anderen Vorfällen, daß sein Produkt, genannt 2,4,5-T (2) extrem gefährlich für Umwelt und Lebewesen war. (3) Kurz nach dem Vorfall von Times Beach begann die enge Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Militär. Schon 1948 hatte Mon*santo eine Firma für die Produktion solcher Substanzen in Nitro (West-Virginia) eröffnet. Auch dort lief die Produktion nicht ohne Zwischenfälle: 1949 erkrankten 70 Arbeiter an einer bis dahin unbekannten Hautkrankheit. Einige von ihnen wiesen überdies psychopathologische Symptome auf. Monsanto gab eine Untersuchung in Auftrag, deren Ergebnisse bis 1985 geheim gehalten wurden.

    Partner für Monsanto und andere Chemiekonzerne war der Chemical War*fare Service der Armee. Bei späteren gerichtlichen Untersuchungen stellte sich heraus, daß der 597 Seiten umfassende Briefwechsel zwischen dieser Stelle und Monsanto 1987 als Secret Defense-Dokumente klassifiziert wurden. Behörden und Wissenschaftler dürfen sie nicht einsehen.

    „Fakt ist, daß die Handvoll multinationaler Konzerne, die den Markt der Düngemittel und der chemischen Herbizide, im Krieg reich geworden sind.“, schreibt Brian Tokar (4) und meint damit den 2. Weltkrieg. Es galt dasselbe für den Vietnamkrieg.

    Ranch Hand (5)

    Im zweiten Weltkrieg hatte die US-Army bereits große Vorräte an Giftstoffen (DDT) zur militärischen Verwendung in Europa angelegt. Man hat aber von ihrem Einsatz abgesehen, „wegen der Gesetzeslage und weil man Repressalien des Feindes fürchtete“ (6). Die Verschärfung des kalten Krieges und der Kampf gegen den „Kommunismus“ ließen solche Hemmungen als überflüssig erscheinen, und in Vietnam kam es dann zum fast unbegrenzten Einsatz von chemischen Giftstoffen. Dessen Einzelheiten sollen hier nicht erneut dargestellt werden.

    Hier interessiert vor allem die Verantwortung der Herstellerfirmen (in der Hauptsache Dow Chemical und Monsanto) für die Folgen dieses Einsatzes, um die es ja in dem Prozeß der vietnamesischen Opfer geht. Dabei verweist die Regierung der Vereinigten Staaten oft darauf, daß sie über die schädlichen Folgen des Dioxins erst sehr spät (Ende der 1960er Jahre) informiert worden sei. Ob dies stimmt, sei dahin gestellt. Für diese These spricht, daß die beteiligten Firmen, die jetzt vor Gericht stehen, alles getan haben, um ihnen bekannte Folgen zu vertuschen. Sie „haben bewußt Fakten verschwiegen, die ihnen zur Verfügung standen, um nicht einen sehr lukrativen Markt zu verlieren. Ich habe keine Angst, zu sagen, daß es sich sehr wohl um eine Verschwörung gehandelt hat“, sagt Edward J. Derwinski, Anwalt der amerikanischen Vietnamveteranen. Und Gerson Smoger, Spezialist für Umweltverschmutzungsprozesse (und Verteidiger der Einwohner von Times Beach), der Tausende von Dokumenten gesammelt hat, sagt: „Ich kann beweisen, daß die Haltung von Dow Chemical und Monsanto kriminell war: Einmal weil sie, im Gegensatz zu den Versicherungen ihrer Direktoren, regelmäßig ihre Produkte auf ihren Diuoxingehalt getestet, die Resultate dieser Tests aber niemals den medizinischen oder militärischen Institutionen mitgeteilt haben. Und der Fall Monsanto ist besonders schwer, weil das Agent Orange, das die Firma in ihrer Fabrik in Sauget herstellte, den höchsten Anteil an Dioxin von allen vergleichbaren Produkten aufwies.“

    Am 22. Februar 1965 gab es sogar eine Gipfelkonferenz der Firmenleitungen von Monsanto, Dow Chemical und Hercules, um „toxikologische Probleme mit einigen hochgiftigen Verunreinigungen bei den Proben von 2,4,5-T“ zu diskutieren. Interne Tierversuche hatten erheblich Schädigungen an der Leber und anderen Organen ergeben. Man diskutierte vor allem die Frage, ob die Regierung informiert werden solle. Monsanto hatte sich in einem Brief (7) an Dow Chemical beklagt, daß diese Firma anscheinend das Geheimnis lüften wolle. Es wurde auf dieser streng geheimen Konferenz beschlossen, keine Informationen weiterzugeben, und so geschah es mindestens die vier Jahre lang, in denen die Sprühaktionen in Vietnam ihren Höhepunkt erlebten.

    Aber mindestens für die Zeit nach 1969 kann die US-Regierung nicht mehr behaupten, nicht auf dem Laufenden gewesen zu sein. Das nationale Gesundheitsamt hatte Versuche an Mäusen durchgeführt, die nach dem Kontakt mit 2,4,5-T Gebärmutterschädigungen aufwiesen und mißgebildete Junge zur Welt brachten. Am 15. April 1970 wurde öffentlich das verbot verkündet, dieses Herbizid „im Umkreis von Seen, Erholungsgebieten, Siedlungen und landwirtschaftlich genutzten Flächen“ einzusetzen, und zwar „wegen der Gefahr für Leib und Leben der Menschen“. In der Diskussion um die Opfer in Vietnam bestand die Regierung trotzdem weiterhin auf ihrer These, die Sprühaktionen hätten nichts zu tun mit den in Vietnam und bei amerikanischen Veteranen beobachteten Folgen.

    Von da an betrieb Monsanto eine intensive Kampagne gegen die evidente und sich immer deutlicher auch in der Öffentlichkeit durchsetzende Erkenntnis, daß diese Firmen sehr wohl wußten, welche Folgen sie für ihre Geschäfte in Kauf nahmen. Die erste Klage gegen die Firma erfolgte nicht wegen der Versprühungen in Vietnam, sondern wegen eines Eisenbahnunfalls in Sturgeon, Missouri, der sich am 10. Januar 1979 ereignete. Ein Zug entgleiste, und 17.000 Liter Chlorophenol flossen aus. Die EPA ermittelte, daß die Substanz Dioxin enthält. 65 Einwohner der Ortschaft klagten gegen Monsanto in einer class action (8). Gleichzeitig klagten Hunderte von US-Vietnamveteranen, die an Krebs und andren Krankheiten litten, ebenfalls gegen Monsanto.

    Die Konzernleitung erkannte die Gefahr dieser Klagen und arbeitete eine sehr aufwendige und komplexe Verteidigungslinie auf, die sich vor allem auf zwei Argumente stützt:

    Einmal die offenbar unhinterfragt in der Wissenschaft anerkannte These, daß Dioxin überall in der Natur vorhanden sei, so auch in der US-amerikanischen Bevölkerung, deren Umwelt und deren Nahrung. Monsanto ließ heimlich in St. Louis auf dem Friedhof Leichen von Verkehrsunfallopfern ausgraben und auf Dioxin untersuchen. Und siehe da, die Proben enthielten Dioxin, wenn auch in sehr geringen Dosen.

    Das zweite Verteidigungsargument leitet sich aus dem ersten ab: Wenn man von der Allgegenwart des Dioxin ausgeht, ist es sehr schwierig, eine epidemiologische Untersuchung durchzuführen, weil es praktisch unmöglich ist, eine völlig unbelastete Vergleichsgruppe zu finden. Außerdem müßte man massenhafte und genau dokumentierte Untersuchungsergebnisse aus früheren Jahren haben. Und die einzige Institution, die über solche Daten verfügt, ist – Monsan*to! So kann der Konzern unbesorgt aktiv werden und Untersuchungen in Auftrag geben, die von einigen unabhängigen, vor allem aber firmeneigenen Experten an firmeneigenem Material durch geführt werden und deren Ergebnisse man nach Gutdünken manipulieren kann. George Roush, medizinischer Direktor von Monsanto, hat sie 1980, 1983 und 1984 in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht, und ihre Ergebnisse waren die erwarteten: Es gebe keinen Zusammenhang zwischen 2,4,5-T und Krebs!

    Seither gelten diese Untersuchungen als das letzte, autoritative Wort der Wissenschaft, und die Veteranen hatten keine Aussicht mehr auf Erfolg. Bei der entsprechenden Verhandlung am 7. Mai 1984 legten die Vertreter von Monsanto einen Scheck über 180 Mio. US-$ auf den Tisch und verließen als Sieger den Gerichtssaal. Vorsitzender Richter war Jack Weinstein, eben derselbe, der die Klage der vietnamesischen Opfer abgelehnt hat.

    Blieb noch die Sammelklage „Kemmer vs. Monsanto“. Dieser Prozeß lief ab, als sei er ein in Hollywood konzipierter Politthriller. Das Wallstreet Journal berichtete im Januar 1987 ausführlich über diesen „längsten Prozeß in der Geschichte der USA“: „Monsanto wird von zehn Anwälten vertreten, die einander alle vier Stunden ablösen, um die Verhandlungen durchzustehen.“ Sie verfügten über unbegrenzte finanzielle Mittel, weil es hier um einen negativen Präzedenzfall ging, der alle potentiellen Kläger entmutigen sollte. Ihre Taktik war ganz einfach, den Prozeß so ungehemmt in die Länge zu ziehen, daß am Ende kaum mehr eine akzeptable Entscheidung herbeigeführt werden konnte. „Eine so böswillig verzögerte Gerechtigkeit ist eine verweigerte Gerechtigkeit“, schrieb die Zeitung North Eastern Reporter. Nach acht Wochen täglicher Verhandlungen erging das Urteil: An Entschädigung wurde den Klägern je 1 (ein!) Dollar zugesprochen, eine symbolische Summe, die damit begründet wurde, daß sie den Zusammenhang mit ihrem Krankheitsbild und dem Unfall nicht hätten beweisen können. Monsanto wurde zu einer Zahlung von 16 Mio. US-$ verurteilt, aber nur deshalb, weil die Jury fand, die Firma sei unverantwortlich leichtsinnig mit den gesundheitlichen Risiken des Dioxins umgegangen. Mon*santo ging in Berufung und wurde freigesprochen, weil man keine Schadensersatzansprüche stellen könne, wenn der Zusammenhang nicht bewiesen sei. Später stellte sich heraus, daß die wissenschaftlichen Untersuchungen von 1980 bis 1984, auf die sich das Gericht bei der Beurteilung der Klagen berief, manipuliert waren. Wären sie korrekt durchgeführt und ausgewertet worden, hätten sie genau die gegenteiligen Ergebnisse gehabt. Aber eine offizielle Revision ist nicht möglich, weil diese Unterlagen Eigentum von Monsanto sind und eine Überprüfung verweigert wird.

    So bezieht sich noch heute die Regierung im Prozeß der vietnamesischen Opfer auf solche Studien, und Richter Weinstein formuliert in seiner Ablehnungsbegründung zynisch: „Wenn die Tatsache, Herbizide zu verkaufen, ein Kriegsverbrechen darstellte, dann hätten die Produzenten sich weigern können, sie zu liefern. Wir sind eine Nation von freien Frauen und Männern und gewohnt, uns sofort dagegen zu stellen, wenn die Regierung die Grenzen überschreitet, die ihre Autorität ihr setzt.“

    Roundup

    Roundup heißt soviel wie „Razzia“ und ist der Name, den Monsanto seinem neuen Unkrautvernichtungsmittel, das weitgehend aus Glyphosat besteht. Diese Chemikalie wurde aus eine Aminosäure (Glycin) in St. Louis Ende der 1960er Jahre entwickelt. Es ist kein selektives Herbizid, sondern zerstört jegliche Form von Vegetation, weil es von allen Pflanzen aufgenommen und bis in die Wurzeln verbreitet wird. Die Pflanze stirbt ab. Roundup wurde 1974 auf den Markt gebracht und war sofort ein Riesenerfolg in den USA. Mit diesem neuen Produkt will der Konzern seitdem gezielt gegen das negative Image angehen, das ihm die verschiedenen Prozesse trotz der juristischen Siege eingebracht hat. Deswegen wird die Werbung ganz auf den Themenbereich „Umwelt“ konzentriert: „Umweltverträglich“, „zu 100 % biologisch abbaubar“, „hinterläßt keine Rückstände im Boden“, sind die weltweite verbreiteten Slogans. Solche Versprechen haben dazu beigetragen, daß die Farmer in den USA das Produkt massenhaft kauften und einsetzten. Auch Stadtverwaltungen „säuber*ten“ damit öffentlich Parks und Grünflächen. Mit Schutzanzügen wie Astronauten gingen überall die Bediensteten auf die Jagd nach dem „Wildwuchs“. Ihre spektakulären Outfits mußten die Arbeiter allerdings alle zwei Wochen wegwerfen, denn das Mittel zerfraß den Gummi. Damals wurden schon Zweifel an seiner Harmlosigkeit laut.

    Während dessen liefen im Fernsehen Werbespots, in denen man den Familienvater in Shorts beim Versprühen von Roundup sah, während nebenan die Kinder im Gras spielten. Im Jahre 1993 sponsorte Monsanto freiwillige Spontaneus Weed Attack Teams (SWAT). „Die Idee dahinter ist, eine allgemeine Phobie gegen Unkraut in der Öffentlichkeit hervorzurufen und Roundup als eine Marke der sozialen Verantwortung zu positionieren“, urteilt das Institute for Agriculture and Trade Policy in Minnesota (9).

    Bald erscheinen vereinzelt Studien, die negative gesundheitliche Folgen von Roundup behaupten und beweisen. Ihre Urheber werden regelmäßig von der Firma verleumdet und die EPA vertritt in dieser Zeit eher nicht die Interessen von Umweltschützern. Die Direktorin der Abteilung für Pestizide und giftige Substanzen der EPA geht 1995 als Chef-Lobbyistin für Monsanto nach New York und wird 2001 wieder als Vizedirektorin an die EPA zurückberufen. Diese allenthalben praktizierte enge Verflechtung zwischen der großen Industrie und der Regierung nennt man in den USA das Prinzip der revolving doors (Drehtüren). Insofern ist es nicht verwunderlich, daß sich Monsanto fast immer, wenn es sich wehren mußte gegen neue Vorwürfe aufgrund neuer unabhängiger Untersuchungen, auf die EPA verlassen konnte.

    1996 warf allerdings zum ersten Mal eine staatliche Institution, nämlich das Justizministerium Monsanto „lügenhafte Werbung über die Sicherheit des Herbizids Roundup“ vor. In einem außergerichtlichen Vergleich mußte sich die Firma verpflichten, ihre entsprechenden Werbesprüche zu unterlassen. Wenig später wurde Monsanto erneut verurteilt, weil die Firma behauptet hatte, man könne Roundup auch in unmittelbarer Nähe von Trinkwasserquellen benutzen, und zwar zu einer Buße von 75.000 US-$ – zahlbar aus der Portokasse. Diese Urteile betrafen wohlgemerkt nur die irreführende Werbung, der Verkauf lief natürlich unbehindert weiter.

    Die Affaire Roundup, die keineswegs zu Ende ist und hier nur sehr verkürzt dargestellt werden kann und überdies nur eine von vielen ist, beweist, daß „Monsanto ein Paradigma ist für die Irrwege, in die sich die Industriegesellschaft verlaufen hat, weil sie auf sich gestellt ist bei der ungehemmten – und damit automatisch umweltschädlichen – Verbreitung von chemischen Giften, die den Planeten seit dem 2. Weltkrieg immer weiter überschwemmen.“ (10) Inzwischen sind die Beweise, daß Roundup die menschlichen Fortpflanzungsorgane beeinträchtigen kann und weitere schwere Gesundheitsschäden verursacht, unwiderlegbar, aber nur wissenschaftlich. Vor den Gerichten macht Monsanto dasselbe wie beim Dioxin: leugnen, Zeit gewinnen, durch alle Instanzen gehen, so daß der Profit so lange fließt wie irgend möglich.

    Gentechnik

    Wie erwähnt, tötet Roundup alle Pflanzen, die mit ihm „behandelt“ werden, also auch die eigentlich vor Unkraut zu schützenden Nutzpflanzen. Damit das nicht geschieht, hat man einen Weg gefunden, diese (zumeist Mais oder Baumwolle) gegen das Herbizid immun zu machen: die Gentechnik. Genmanipulierte Pflanzen sind deshalb das ideale Pendant zu Roundup: Wer letzteres benutzen will, muß erstere kaufen. Damit hat sich Monsanto auf den Weg begeben zur weltweiten Beherrschung des Lebensmittelmarktes. Denn die massenhafte Propagierung von GM-Saatgut hatte zur Folge, daß in vielen Ländern Teile der Landwirtschaft nun völlig von den Produkten des Konzerns abhängig sind.

    Beim Streben nach der absoluten Macht über die Nahrungsproduktion der Menschheit setzt Monsanto Zwangsmittel ein, die bereits schwere soziale Konsequenzen sichtbar werden lassen. In den USA und Europa wird der Kampf gegen die immer weniger werdenden „Inseln“ einer natürlichen biologischen Produktion systematisch vor den Gerichten geführt. Wenn ein solcher Anbau durch Wind oder Pollenflug gegen den Willen des Bauern und ohne daß diese es verhindern könnte, mit GM-Saatgut „infiziert“ wird, verlangt die Firma, das dieser an sie dieselben Gebühren bezahlt, so als hätte er das Saatgut bei ihr gekauft, und setzten bis vor kurzem solche Forderungen vor Gericht stets durch.

    In anderen Ländern (Brasilien, Indien) wurde (mit Mitwirkung der jeweiligen Regierungen) GM-Saatgut so massiv propagiert, daß arme Bauern sich mit dem obligatorischen Kauf von Saatgut zu Tausenden zugrunde richten – vor allem weil dieses Saatgut nur einmal benutzt werden darf, also keine Vorräte davon beiseite gehalten werden dürfen für die Aussaat im nächsten Jahr. Auch dieser „Vertragsbruch“ wird gnadenlos gerichtlich geahndet.

    Erfolgreich kann eine solche Rücksichtslosigkeit nur sein, weil die Gentechnik fast auf der ganzen Welt als der Inbegriff des Fortschrittlichen in der Wissenschaft gilt. Marie-Monique Robin hat bei ihren Interviews etwa mit französischen Wissenschaftlern erfahren, daß eine kritische Haltung gegenüber GM sehr schädlich für die Karriere sein kann, so daß auch qualifizierte Forscher, ebenso wie Politiker, solche Kritik bewußt bei sich behalten, oder wenig geneigt sind, kritische Befunde oder Fragen zu erforschen oder gar publik zu machen..

    Aber dies hat sich in den letzten Monaten anscheinend geändert. Nicht nur viele Betroffene, Farmer in den USA oder arme Bauern in Indien wehren sich inzwischen organisiert gegen das GM-Diktat, auch prominente Personen ergreifen das Wort. So der britische Thronfolger Prinz Charles, der seit einiger Zeit mit sehr deutlichen Aktionen und Worten gegen die Gentechnik zu Felde zieht. Er läßt die Behauptung der Monsanto-Werbung nicht gelten, daß die Produkte dieser Firma eine starke Waffe im Kampf gegen den Hunger seien, sondern spricht deutlich aus, daß die Firma damit „Millionen Menschen in den Hunger treibt und treiben wird.“ Und keineswegs sei die GM-Landwirtschaft ertragreicher als die herkömmliche. Wäre man ausschließlich auf GM angewiesen, würde man im Jahr 2050 nur noch ein Zehntel der Erdbevölkerung ernähren können. Er verweist auf Untersuchungen zum Ertrag, die in Brasilien und Äthiopien klar bewiesen hätten, daß GM-Pflanzen weit weniger ertragreich seien und GM-Kulturen weit mehr Geld kosten als die herkömmlichen Anbaumethoden, wenn man alle Möglichkeiten der natürlichen Zucht und Kreuzung einsetze.

    Prompt wurde der Prinz angegriffen, von der Industrie ebenso wie von Regierungsvertretern und der Presse. Er sei kein Fachmann, sondern ein naiver Maschinenstürmer, und er sei zu reich, um das Recht zu haben, für die Armen zu sprechen! Aber auch sehr angesehene Institutionen polemisierten gegen ihn, so Robert Watson von der UN-Kommission zur Zukunft der Landwirtschaft, die schon stets eine Verfechterin der GM-Technik war.

    Der Prinz läßt sich davon nicht beeindrucken. In seiner berühmten Ansprache Sir Albert Memorial Lecture in Neu Delhi am 2. Oktober 2008 girff er unter Hinweis auf die Tausende von indischen Bauern, die sich umgebracht haben, weil sie keine Lebensperspektive mehr hatten, einen Ausspruch von Mahatma Gandhi auf: „In der Welt herrscht jetzt der Kommerz ohne Moral, eine Wissenschaft ohne Menschlichkeit“.

    Gerade in betroffenen Ländern und unter betroffenen Menschengruppen, also Bauern, Farmern und Lebensmittelkonsumenten hat sich in den letzten Monaten ein Widerstand entwickelt, der sch in unzähligen kleinen und großen Gruppen organisiert. Seitdem verliert Mon*santo mehr Prozesse als die Firma gewinnt. In einem der wichtigsten Agrarstaaten, Kalifornien, wurde die Praxis, Farmer zu verklagen, die unfreiwillig durch Windübertragung GM-Pflanzen auf ihren Feldern vorfanden, schlicht verboten. Gouverneur Schwarzenegger unterschrieb das sogenannte Gesetz AB541 am 27. September 2008. Es untersagte auch die bisher legale Praxis des Ausspionierens von Feldern durch Angestellte von Monsanto.

    „Dies ist ein guter erster Schritt zu der Erkenntnis, daß Monsanto – und nicht die Farmer – verantwortlich ist für die ökonomischen, gesundheitlichen und Umweltschäden, die ihre patentierten und unkontrollierten Produkte anrichten“ sagte Renata Brillinger vom Genetic Engineering Policy Project.

    Es entstand in den USA eine einflußreiche Organisation, die Soil Association, die sich vor allem um die Aufklärung der Verbraucher kümmert. Ihr Vorsitzender, Lord Melchett, sagt: „Je mehr US-Verbraucher über GM erfahren, umso weniger wollen sie solche Produkte kaufen.“ Er schätzt die gegenwärtig laufenden Kampagnen gegen GM als „Anfang von Ende für GM“ ein. Das ist vielleicht eine zu optimistische Sicht, obwohl eine Umfrage jetzt ergab, daß 85 % der US-Amerikaner für eine Kennzeichnung der Produkte als genmanipuliert sind und 53 % solche Produkte niemals kaufen würden. Aber mächtige Regierungen (die der USA und Großbritanniens vor allem) sowie internationale Organisationen (wie die WTO) propagieren nach wie vor GM.

    Chance für die vietnamesischen Opfer?

    Monsanto gerät also unter Druck, hat aber immer noch so viel Macht, daß es sich der Attacken erwehren kann. Trotzdem kann man von einem Meinungs-Wandel in der Öffentlichkeit sprechen, der sich gegen die chemischen und Lebensmittelkonzerne richtet und allgemein gegen genmanipulierte Nahrungsmittel. Die Rückbesinnung auf die chemische Kriegsführung der US-Army und die Rolle der Industrie dabei könnten jetzt auf eine größere Beachtung treffen als noch zu Beginn des Prozesses.

    Die Firmen konnten bislang damit rechnen, daß die Regierung ihnen bedingungslos den Kopf freihält und daß sie jede neue Anschuldigung lange genug in Gerichtsverfahren hinauszögern kann, bis genügend Profite gemacht worden sind. Dann war meist schon ein neues Produkt auf dem Markt, und das Ganze ging von vorne los: Erst glaubt man den Werbekampagnen, dann werden sie durch immer häufigere Tests widerlegt, bis diese schließlich eingestellt werden müssen. Aber die Produktion geht immer noch weiter. Dann kommen konkrete Entschädigungsklagen, und die werden ebenfalls so lange „ausgesessen“ wie es geht und dann mit außergerichtlichen Geldzahlungen abgewendet.

    Mit der neuen, in den USA und auf der ganzen Welt jetzt sehr populären Kampagne für die Auszeichnungspflicht für GM-Produkte hat dieses Spiel eine andere Qualität erreicht: Jetzt geht es um das öffentliche Interesse und um die Aufklärung der Verbraucher, ohne deren Bereitschaft zu kaufen keine Profite gemacht werden können. Deswegen der beharrliche Widerstand gegen diese Auszeichnungspflicht, die die Regierungen der USA und Großbritanniens durch Moratorien bislang verhindern. Gefährlich sind auch neue Bestrebungen wie die Initiative der organisierten Natural Food Producers, dann eben nicht-genveränderten Produkte entsprechend zu kennzeichnen (eine Forderung, die Präsidentschaftskandidat Obama im Wahlkampf unterstützt hat).

    Vor dem Hintergrund dieses allgemeinen Stimmungswandels in der Öffentlichkeit, der im Zusammenhang zu sehen ist mit der Hoffnung auf einen Politikwandel durch den neu gewählten Präsidenten, erklärt sich auch das Aufsehen, das der Besuch der drei Agent Orange-Opfer aus Vietnam in den USA erregt hat. Damit ist nicht schon eine Hoffung gerechtfertigt, die Opfer könnten ihren Prozeß nun doch gewinnen. Die Komplizenschaft zwischen Administration und den Konzernen ist noch ungebrochen. Aber es könnte sein, daß ein negatives Urteil öffentliche Kritik hervorrufen könnte von einem Ausmaß, das vorher undenkbar war.

    Letzte Nachrichten

    Die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), Prof. Beate Jessel hat sich sehr deutlich gegen den Anbau von GM-Kulturen in der Bundesrepublik ausgesprochen. Zumindest müßten „Naturparks, und Gebiete, die für den Erhalt geschützter und seltener Arten von Bedeutung sind, vom Anbau transgener Pflanzen freigehalten werden.“ Generelle Anbau-Verbote am Rande sensibler Gebiete seien denkbar, um die natürlichen Pflanzen zu schützen.

    „Die Gentechnik hat kein Monopol auf resistente Pflanzen“, betonte sie und verwies auf erfolgreiche Züchtungen widerstandsfähiger Sorten. Gleichzeitig stellt sie die Wirksamnkeit von GM in dieser Hinsicht in Frage. Vor allem wisse man noch zu wenig über die tatsächlichen Auswirkungen von GM-Kulturen auf die Natur. Nur längerfristige Untersuchungen und Mehrgenerationen-Tests könnte hier Klarheit schaffen. Auch in mehr als 15 Jahren der Erforschung habe nicht nachgewiesen werden können, daß GM wirklich die Erträge steigere, auch die Preise für die Verbraucher seien nicht gefallen und die Lebensmittel mit GM seien nicht gesünder als die traditionellen.

    Die Präsidentin stellt vor allem den Nutzen von GM für die Entwicklungsländer in Frage. Dort „stünden traditionelle Anbaumethoden und angepaßte Pflanzen zur Verfügung, die auch unter klimatisch ungünstigen Bedingungen eine Versorgung sichern können“. Überdies werde gern übersehen oder verschwiegen, daß „Ertragssteigerungen in der Intensivlandwirtschaft durch einen hohen Input an Pflanzendünger, chemischen Bekämpfungsmitteln und fossilen Brennstoffen erkauft werden“.
    Quelle: FR, 29.12.2008

    Kuwait hat am Jahresende einen Auftrag in Höhe von 17,4 Mrd. US-$ mit der Firma Dow Chemical platzen lassen. Die Firma hatte gehofft, mit den Profiten aus dem Auftrag Schulden abdecken zu können, die sie beim Kauf ihrer Konkurrenzfirma Rohn & Haas gemacht hatte.

    Vor allem der Handel mit Produkten dieser Firma sollte es Dow Chemical erlauben, seine Marktchancen in der Chemieindustrie zu vergrößern. Kuwait sollte Produkte wie Plastikflaschen, CD-Rohlingen und chemische Substanzen für die landwirtschaftliche Nutzung erwerben. Damit erhoffte sich der Konzern eine weitere Ausweitung seines Engagements im Nahen Osten.

    Hauptgrund für das Scheiterns des Geschäfts sind nach Angaben aus Kuwait die „globale Finanzkrise“ und der „starke Preisverfall in der petrochemischen Sparte“. Aber auch innenpolitische Auseinandersetzungen um den Premierminister Scheich Nasser al-Mohammed al Sabah, der im November sogar kurzfristig zurückgetreten war, werden als Gründe vermutet. Ihm werfen viele Parlamentarier vor, zu sehr die Interessen ausländischer Konzerne wie Dow Chemical zu vertreten.

    Anmerkungen:
    (1) Diese hier etwas vereinfacht dargestellten Fakten sind entnommen dem Buch von Marie-Monique Robin: Le monde selon Monsanto. Paris 2008. Alle im Folgenden nicht weiter belegte Zitate stammen aus diesem Buch. Es erschien kurz nach der Entstehung eines gleichnamigen Films der Autorin, der bei arte lief und auch auf deutsch (Titel: Monsanto. Mit Gift und Genen) bei der arte edition (absolut medien) als DVD erworben werden kann für € 19,80. http://www.arte-edition.de.
    (2) Dieses war nicht das einzige von Monsanto produzierte „Entlaubungsmittel“. Es gab eine Reihe von Versuchs-Vorprodukten, die schließlich zu dem später als Agent Orange bekannt gewordenen Standardprodukt führten.
    (3) Auch die europäischen Vorfälle (Seveso z. B.) werden hier nicht erwähnt.
    (4) The Monsanto Files, in: The Ecologist, Sept/Okt 1998 und Agribusiness, biotechnology and war, Institute for Social Ecologa, 2. Dez. 2003 Internet: http://www.social-ecology.org/ (5) Ranch Hand war der offizielle Codename für die chemischen Sprühaktionen der US-Army.
    (6) William Buckingham jr.: Operation Ranch Hand. The Air Force and herbizides in Southeast Asia, 1962-1971. Office for Air Force History, Washnington 1982, S. III
    (7) der Smoger vorliegt
    (8) Sammelklage Kemmer vs. Monsanto
    (9) Sustainable Agricultural Week, 11. April 1994
    (10) Marie-Monique Robin, S. 87

    Quelle: http://www.fg-vietnam.de/VNK/Monsanto.html
    Geändert von Stone (28.09.2012 um 11:57 Uhr)
    Was auch immer du tust, handle klug und bedenke das Ende


  4. #14
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    Helmut Schmidt

    Woran sich Helmut Schmidt nicht erinnern kann

    Es folgt zum ersten Mal in deutscher Sprache eine Übersetzung eines ehemals geheimen Fed-Memorandums aus dem Jahre 1975. Wie heute, ging es damals im Grunde “um die Kontrolle des Goldpreises durch Außenpolitik und dem Besiegen jeden freien Markts für Gold.“

    weiter hier: http://www.larsschall.com/2012/06/05...erinnern-kann/
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  5. #15
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    Arbeit, Asyl, etc.

    Zwar kein Fundstück aus dem Netz, aber dafür aus dem Jahr 2005 !!!



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  6. #16
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    FRANZ BLEI
    Die Metaphysik
    in der Nationalökonomie


    "Diese Theoretiker wissen nicht, worauf sie ihre Theorien bauen, sie wissen nicht, wessen Bodens Frucht diese sind. Sie dünken sich die voraussetzungslosen Realisten, da sie sich ja mit den so nüchternen, praktischen und sinnfälligen wirtschaftlichen Erscheinungen befassen."

    "Aus der Ricardoschen Wertlehre hatten englische und französische Sozialisten die Konsequenz gezogen, daß der Arbeitslohn dem Arbeitsprodukt gleich sein müsse; da dieses aber tatsächlich nicht der Fall ist, bereichert sich die bürgerliche Gesellschaft - der Grundbesitzer und der Kapitalist - an dem, was sie dem Arbeiter vorenthält."

    "Die Wertform ist für Marx die Körperzelle des ökonomischen Körpers."

    "Marx wollte erkennen, daß die Menschen, soweit sie Kapitalisten sind, den Menschen, soweit sie Arbeiter sind, den größeren Teil ihres Arbeitsproduktes nicht stehlen, sondern daß dieses ihr Tun nur eine Wirkung der Naturgesetze der kapitalistischen Produktion ist, daß es sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, handelt."

    "Die Bourgeois-Ökonomen stehen so stark unter dem Einfluß der theoretischen Tradition, daß sie gar nicht daran denken, an der Tatsächlichkeit und Grundgesetzlichkeit einer wirtschaftlichen Wertnorm zu zweifeln."

    I.

    Der Zweck der folgenen Untersuchung ist, zu zeigen, daß alle bisherige Nationalökonomie in ihren Versuchen, die Erscheinungen des wirtschaftlichen Lebens zu erklären, mit metaphysischen Voraussetzungen operiert; daß sie entweder die Gesetze der Wirtschaft aus der Natur derselben ableitet, zu welchen Gesetzen der Mensch nur als ein Zufälliges tritt - oder daß sie von psychischen Eigentümlichkeiten und Fähigkeiten des Menschen spricht, welche die Gesetz der Wirtschaft in irgendeiner Weise beeinflussen. Mit allen ihren bisherigen Theorien steht die Nationalökonomie auf metaphysischem Boden, alle ihre Theorien sind unbiologisch und deshalb unwissenschaftlich und wertlos für die Erkenntnis. Bis in die neueste Zeit hinein wird in der nationalökonomischen Literatur noch die alte Streitfrage diskutiert, ob die Nationalökonomie eine "Kunst" oder eine "Wissenschaft" sei. Gleichgültig wie die Entscheidung ausfällt, ist dieser Streit mit seiner Wort-Pointierung charakteristisch für den Mangel sowohl des Untersuchungsstandpunktes als für die undeutliche und unklare Kenntnis des Untersuchungsgegenstandes. Die Theoretiker wissen nicht, worauf sie ihre Theorien bauen, sie wissen nicht, wessen Bodens Frucht diese sind. Sie dünken sich die voraussetzungslosen Realisten, da sie sich ja mit den so "nüchternen", "praktischen" und "sinnfälligen" wirtschaftlichen Erscheinungen befassen. Aus der Art ihres Forschungsgebietes schließen die Nationalökonomen, daß sie den Naturwissenschaften - und unter diesen den Physiologen am nächsten stehen. (1)

    Und sie haben auch alle mit manchen Richtungen in der Physiologie die verwandtschaftliche Ähnlichkeit, die nur immer ein gleiches Elternpaar - hier die Metaphysik und die Spekulation - ihren Kindern, den Physiologen und Ökonomen, geben kann. Die einen von den letzteren analysieren die Erscheinungen der Wirtschaft, ohne das auf diesem Weg Gefundene zum Verhalten der Individuen in Beziehung zu setzen: die Physiologen schließen das Verhalten des Individuums als Wirkungen der Seele von ihren Untersuchungen aus - die Ökonomen dieser Richtung erklären das Verhalten der Individuen als eine Negligible [Vernachlässigbare, wp] in Hinsicht auf die immanenten Gesetze der Wirtschaft. Eine andere Richtung fand eine wirtschaftliche Seele des Individuums und setzte diese Seele als Ursache der Wirtschaft.

    Die Beschäftigung des Menschen mit den wirtschaftlichen Erscheinungen, das Denken des Menschen darüber erfuhr seine erste Anregung von besonders sinnfälligen Änderungen der bekannten wirschaftlichen Umgebung. Das Schlechterwerden des Geldes, die Leere in der Staatskasse oder der Kasse eines Fürsten, gab den Verwaltungsbeamten den nicht gerade willkommenen Anlaß, über diese Veränderungen nachzudenken oder darüber nachdenken zu lassen, ihren Ursachen nachzuspüren und Mittel zur Abhilfe zu ersinnen. Zusammen mit den Vorschriften für die Kammerbeamten gibt das das Wissen von der Wirtschaft in seiner anfänglichen Gestalt. Die Quantität dieser Äußerungen menschlichen Nachdenkens nahm zu mit der Zahl und Art der Änderungen menschlicher Erhaltungsbedingungen, soweit dieselben in den Formen der Wirtschaft sichtbar wurden.

    In das Meinen und Raten der kameralistischen Ökonomen drängte sich nun die scheinbare Komplikation der Wirtschaft und der ökonomische Denker suchte nunmehr im Ganzen und den Teilen des Ganzen eine höhere Einheit zu finden; er wendet sich zu wenigsten scheinbar unveränderlichen abhängigen Multiponiblen [nach AVENARIUS Letztbeschaffenheit eines Systems - wp], welchen gegenüber die Ereignisse in ihrer Veränderlichkeit doch je als das Konstante gesetzt werden können. Die Veränderung wird als ein untergeordneter Einzelfall jenen unveränderlichen Werten gegenüber begriffen; die Beunruhigungen des Individuums durch die Veränderungen des Lebens vermindern sich mit dem Begreifen der unveränderlichen Werte. (2) Das so gewordene wahrhaft Seiende wird nun vom Individuum ektosystematisiert [von außen her systematisiert - wp] indem es von dieser sicheren Warte der Wahrheit herab den Lauf der Wirtschaft und der Wissenschaft von der Wirtschaft zu fördern trachtet.

    So ist nach STEWART der Hauptzweck des Wealth of Nations "zu zeigen: wie die Natur durch die Grundlagen des menschlichen Geistes und durch die äußeren Lagen, in welche sie den Menschen versetzt, für die stufenweise Vermehrung des Nationalreichtums gesorgt hat; zugleich aber auch zu beweisen, daß das wirksame Mittel, eine Nation groß und reich zu machen, dieses ist, wenn man der Natur in ihren Anlagen und Einrichtungen folgt, indem man ..." usw.

    Nirgens in der ganzen national-ökonomischen Literatur findet sich auch nur ein Ansatz, die Dinge der Wirtschaft im Sinne einer Analyse darzustellen; trotz aller Theorie und seit QUESNAY mit aller Theorie nimmt der Forscher immer "Stellung", er ergreift Partei für die eine oder die andere Gruppe wirtschaftender Individuen, für die eine oder die andere Form des wirtschaftlichen Betriebes, der wirtschaftlichen Politik - oft und meist nicht mit einer eigenen Theorie, sondern mit einer älteren; der Forscher steht seinem Problem nicht beschreibend gegenüber, sondern moralisieren. "Die erste Forderung, die wir für die Nationalökonomie aufstellen müssen, lautet: daß sie auf den Grundlagen der ethischen Gesetze aufgebaut werde. Das bedeutet nicht so viel, daß sie billige Lehren, salbungsvolle Ratschläge erteilt, sondern daß sie die Wirkung der ethischen Gesetze untersuche, die sittlichen Postulate formuliere und auf jedem Punkt nur solchen wirtschaftlichen Vorgängen zustimme (!), die mit dem Sittenkodex in Einklang stehen". (3)

    Eine Wissenschaft, welche die deskriptivste unter allen zu sein berufen ist, ist durch die literarische Tradition und durch das augenblendende und ohrenbetäubende Marktgewirr der um ihre Erhaltung tätigen Menschheit dahingekommen, mit Induktion und Deduktion, mit und ohne Psychologie metaphysisch zu werden. Die national-ökonomische Theorie hat bei den Merkantilisten, Physiokraten und Klassikern mannigfache Aufschlüsse gegeben, wie man zu Geld kommt, gestützt auf die Gesetze der Natur und des Menschengeistes - die Theorie hat bei MARX an konstruierten Vorgängen "wirtschaftliche Gesetze" konstatiert, wobei die Gesetze im Initialabschnitt der abhängigen Vitalreihe standen, die wirtschaftlichen Vorgänge im Finalabschnitt - die Theorie hat bei der "österreichischen Schule" an konstruierten Individuen wirtschaftliche "Wollungen" und "Triebe" konstatiert, wobei die tatsächliche Wirtschaft im Initial-, die psychischen Gesetze im Finalabschnitt standen.

    Die Wirtschaft wurde den Ökonomen zu einer transzendentalen Kategorie, in welcher sie die Gesetze fanden, welche sie finden wollten: die Gesetze des Kapitals und der Arbeit, der Rente, des Lohnes, des Profits. Der Mensch wurde bei den Ökonomen zu einem platonischen Begriff des Kapitalisten, zu einem solchen des Arbeiters usw. Der Sozialismus gab dem "Kapitalisten" noch den Charakter profitwürdig, der Liberalismus dem Arbeiter den Charakter begehrlich - und beide Charaktere wurden ferner noch als aus dem gesetzmäßigen Wirken des Kapitals erklärt. Das Verhältnis der modernen ökonomischen Metaphysik zur älteren der SMITH und RICARDO zeigt folgender Satz eines zur "Österreichischen Schule" gehörenden Theoretikers: "Zu SMITHs Zeiten erklärte man die gewordenen Zustände aus der "ursprünglichen" Menschennatur und dem "ursprünglichen" Stand der Dinge und war zufrieden. Wir wollen die Wirklichkeit aus der Wirklichkeit erklären, die Philosophie selbst ist empirisch geworden, sie läßt kein Beweismittel zu, das nicht aus der Erfahrung beglaubigter Zustände gezogen ist. Der geschichtliche Staat, das positive Recht, die empirische Wirtschaft sind die Objekte der Untersuchung und zugleich die ausschließlichen Quellen für die Hilfsmittel der Untersuchung. SMITH und RICARDO, wenn sie heute schrieben, wären sie des heutigen Geistes voll und selbst, wenn sie nicht die Fülle von Beobachtungen und Erkenntnissen zu Gebote hätten, die dank dem Genie des einen und dem Scharfsinn des anderen uns zu Gebote stehen, so würden sie doch ungleich vollkommenere Werke schaffen, als zu ihrer Zeit und sicherlich die Fehler vermeiden, denen der Menschengeist seither entwachsen ist." (4)

    Dies ist auch die Sprache der modernen Seelenphysiologen, wenn sie von der alten "Lebenskraft" sprechen; aber die moderne Physiologie hat vielleicht mehr Recht so zu sprechen, als die moderne Ökonomik. Diese hat der älteren Metaphysik eines SMITH und RICARDO nur einen etwas anderen Inhalt gegeben, sie ist "intelligenter" geworden und in diesem "naturwissenschaftlichen Zeitalter" kann sie natürlich nur lächeln über die "ursprüngliche" Menschennatur. - In dem oben zitierten Satz ist von einem Fortschritt der Wissenschaft die Rede. Daß dem Forscher jetzt eine größere Zahl und Art der Erscheinungen vorliert, als zur Zeit RICARDOs, ist nicht ein Fortschritt der Wissenschaft. RICARDO könnte in unserer Zeit leben und seine Theorie könnte ganz gut in unserer Zeit entstehen, die doch sich so ausschließende ökonomische Theorien zutage gefördert hat, trotzdem alle ja vor den gleichen wirtschaftlichen Erscheinungen stehen. Man braucht nicht erst die Trivialität zu sagen, daß ein Metaphysiker in seiner Wesenheit einem vorangegangenen gegenüber keinen Fortschritt aufweist, SCHOPENHAUER nicht KANT und WIESER nicht SMITH gegenüber. E-Werte [nach AVENARIUS der Beschreibung zugängliche Werte - wp] als Abhängige von Independenten haben in den Umgebungsänderungen keine Änderungsbedingung, so wie sie auch von Umgebungsbestandteilen der Gattung R als solchen nicht bedingt worden sind.

    Ich will versuchen, das Gesagte an zwei in unseren Tagen herrschenden national-ökonomischen Theorien nachzuweisen, an der Theorie von MARX und an der Theorie der sogenannten Österreichischen Schule, so genannt, weil ihre Gründe und Vertreter meistens Österreicher sind. (5)


    II.

    Während FRIEDRICH ENGELS das erste und einzige deskriptive Buch des modernen Sozialismus "Die Lage der arbeitenden Klassen in England" schrieb, "warf sich MARX aufs Studium der politischen Ökonomie, der französischen Sozialisten und der Geschichte Frankreichs". (6)

    MARX ging bereits mit einer sozialistischen Weltanschauung an dieses Studium heran und sein Erkenntnisziel war, dieser seiner Weltanschauung die theoretische Begründung zu geben zur Sicherung seines Anfangswertes. Er fand bei RICARDO dieses Wertgesetz: daß der Wert jeder Ware einzig und allein bestimmt wird durch das zu ihrer Produktion nötige Arbeitsquantum und daß das Produkt der gesamten gesellschaftlichen Arbeit unter die Grundbesitzer (als Rente), die Kapitalisten (als Profit), die Arbeiter (als Lohn) verteilt wird.

    Aus dieser Wertlehre hatten englische und französische Sozialisten bald nach RICARDO die Konsequenz gezogen, daß der Arbeitslohn dem Arbeitsprodukt gleich sein müsse; da dieses aber tatsächlich nicht der Fall ist, bereichert sich die bürgerliche Gesellschaft - der Grundbesitzer und der Kapitalist - an dem, was sie dem Arbeiter vorenthält. Die Arbeiter sind ja nach RICARDO die alleinigen wirklichen Produzenten, ihnen gehöre demnach als ihr Produkt das gesamte gesellschaftliche Produkt.

    Diese Konsequenzen der französischen Sozialisten aus RICARDO konnten MARX zur Sicherung seines in eine Vitaldifferenz gebrachten E-Wertes Weltanschauung nicht genügen, denn sie bildeten bereits als Entrüstung über den Diebstahl an den Arbeitern u. ä. einen Bestandteil im Inhalt seines Anfangswertes. Die Konsequenzen wurden als "ökonomisch formell falsch" verworfen, denn sie sind "einfach eine Anwendung der Moral auf die Ökonomie". "Was aber ökonomisch falsch ist, kann darum doch weltgeschichtlich richtig sein. Erklärt das sittliche Bewußtsein der Masse eine ökonomische Tatsache für unrecht, so ist das ein Beweis, daß die Tatsache selbst sich schon überlebt hat, daß andere ökonomische Tatsachen eingetreten sind. Hinter der formellen ökonomischen Unrichtigkeit kann also ein sehr wahrer ökonomischer Inhalt verborgen sein." (7)

    In dem oben Zitierten ist der Medialabschnitt der Abhängigen abgehoben, der uns hier beschäftigt. Nach der Erkenntnis, daß hinter dem sittlichen Bewußtsein des Unrechts eine ökonomische Tatsache verborgen sein müsse, setzt der Finalabschnitt ein, die ökonomische Tatsache zu erkennen. Oder anders: es gilt nun, den Anfangswert Weltanschauung in den ökonomischen Tatsachen wiederzufinden' zur Sicherung des Anfangswertes. - Diese bestimmte Variation der Abhängigen enthält schon die MARXsche Metaphysik, gleichgültig, wie das Erkannte im Finalabschnitt auftritt. Die sozialistische Weltanschauung, als der independente E-Wert absolute Wahrheit, begründet sich nachher durch eine spezielle Erkenntnistheorie - nämlich das ökonomische System von MARX und die materialistische Geschichtstheorie. Es ist dies die Entwicklung einer abhängigen Vitalreihe am Widerspruch, den ein als absolute Wahrheit charakterisierter E-Wert ( Weltanschauung ) erleidet, mit der Richtung auf Sicherung eben dieses Anfangswertes absolute Wahrheit. (8)

    MARX ging nun daran, den tatsächlichen Widerspruch im RICARDOschen Wertgesetz aus den "ökonomischen Tatsachen selbst" zu erklären. Anders wie ENGELS, der auf dem Weg der Beschreibung seine Erkenntnistheorie gesucht hatte - diesen Weg aber durch MARX' Einfluß aufgab - knüpfte MARX an die Wertlehre RICARDOs an, genauso, wie die sozialistischen Engländer und Franzosen. MARX fand in der Wertform das, was "der Menschengeist seit mehr als 2000 Jahren vergeblich zu ergründen gesucht hatte." (9) Die Wertform ist für MARX die "Körperzelle" des "ökonomischen Körpers." Und "bei der Analyse der ökonomischen Formen kann ... weder das Mikroskop dienen, noch chemische Reagentien. Die Abstraktionskraft muß beide ersetzen." (10)

    MARX "faßt die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturwissenschaftlichen Prozeß," (11) seine Aufgabe ist die Entdeckung der "Naturgesetze der kapitalistischen Produktion, dieser mit eherner Notwendigkeit wirkenden und sich durchsetzenden Tendenzen." (12)

    MARX wollte erkennen, daß die Menschen, soweit sie Kapitalisten sind, den Menschen, soweit sie Arbeiter sind, den größeren Teil ihres Arbeitsproduktes nicht stehlen, sondern daß dieses ihr Tun nur eine Wirkung der "Naturgesetze der kapitalistischen Produktion" ist, "es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind". Und eine Zeile vorher heißt es: "Die Gestalten von Grundeigentümer und Kapitalist zeichne ich keineswegs im rosigen Licht." (13)

    Um nun die tatsächlich sich vollziehende Teilung des Arbeitsproduktes zwischen Arbeiter und Kapitalist als eine Gesetzmäßige der ökonomischen Kategorien nachzuweisen, stellt MARX ein hypothetisches Wertgesetz auf, um mit Hilfe desselben zu einem Mehrwert zu kommen. Dieser ist ihm der Sesam der ökonomischen Erscheinungen. Das Wertgesetz stellt sich im Verlauf der dreibändigen Untersuchungen des Kapitals als nicht weiter brauchbar heraus und wird fallengelassen, sowie daraus der "Mehrwertbegriff" deduziert ist. Mit Hilfe dieses Mehrwertbegriffes findet nun das subjektiv Wahre der MARXschen Weltanschauung seine objektive Wahrheit in der Erkenntnistheorie der ökonomischen Kategorien - die Sicherung des Anfangswertes ist vollzogen, die Metaphysik hat ihre nachträgliche Erkenntniskritik erhalten.


    III.

    Gegen eine in Deutschland vielgeübte Historie in der Nationalökonomie trat die sogenannte Österreichische Schule auf, die sich auch gerne die "psychologische" nennen hört. Für sie gilt prinzipiell der Wert ebenso als "Körperzelle" des ökonomischen Organismus wie für MARX. Es ist die durch MARX wieder neu belebte Tradition der Klassiker, welche den Ökonomen den "Wert" so wert gemacht hat. Die sozialistischen "Konsequenzen", die MARX durch Weiterbildung der klassischen Theorie aus derselben gezogen hat, haben wohl mittelbar die "Bourgeois-Ökonomen" auf das "Wertproblem" festgebannt ... Sie stehen so stark unter dem Einfluß der theoretischen Tradition, daß sie gar nicht daran denken, an der Tatsächlichkeit und Grundgesetzlichkeit einer wirtschaftlichen Wertnorm zu zweifeln. Es steht für sie aprioristisch fest, daß das Wertproblem das Haupt- und Grundproblem der Wirtschaft ist, daß der Wert "den eigentlichen Kern- und Angelpunkt des gesamten Wirtschaftsgetriebes bildet." (NEUMANN) Für die "Österreichisches Schule" ist ein Wertgesetz nicht ein denkbares, sondern ein "wirkliches", "ausgemachtes"; ihre Aufgabe ist, mit welcher "Methode" können wir das Wertgesetz aus der Wissenschaft offenbaren; die Frage, wie sind wir überhaupt zu diesem Problem gekommen? diese stellen sie nicht. Die "Wertgesetz-Existenz" steht hier am Beginn der abhängigen Vitalreihe; die Wertgesetz-Existenz ist nicht erst durch die wissenschaftliche Beschreibung nachzuweisen, sie ist schon im "reinen, erfahrungslosen Denken" vorhanden. Der E-Wert "wirtschaftliche Wertgesetz-Existenz" ist unabhängig von allen Umgebungsbestandteilen der Gattung R gedacht als Norm der Wirtschaft. Aber diese "Tatsache" von der "Wirtschafts-Norm" eines Wertgesetzes, welche der "Österreichischen Schule" als "bekannt" gilt, ist uns eben nicht bekannt; wäre sie das, so wäre sie uns auch erklärt. Die "Österreichische Schule", welche mit allen modernen Standpunkten der Erfahrungswissenschaft liebäugelt, kennt den grundlegenden Satz ROBERT MAYERs nicht: "Es ist unsere Aufgabe, die Erscheinungen kennen zu lernen, bevor wir nach Erklärungen suchen. Ist einmal eine Tatsache nach allen ihren Seiten hin bekannt, so ist sie eben damit erklärt und die Aufgabe der Wissenschaft ist beendet." Da nun die Wertgesetzlichkeit in der Wirtschaft nicht nach allen ihren Seiten bekannt ist, bleibt der "Österreichischen Schule" wohl oder übel nichts anderes übrig, als sie - mit einem großen Aufwand von Streit über die "Methode" - zu "erklären". (14)

    Es ist nur natürlich, wenn die Theoretiker dieser Richtung dahin kommen, die Erfahrung selbst erst über die Theorie zu informieren, damit erstere sich dann "erfahrungsgemäß" benehme. "Bloß diejenige Theorie der Wertschätzung kann wahr sein, der die Praxis ihre volle Zustimmung gibt. Nur freilich, daß der Richter (also die Praxis!) erst unterrichtet werden muß". (15) Wem fällt bei diesem Satz nicht eine nicht minder vielgerühmte moderne Experimentalpsychologie ein!

    Aus dem Entwickelten ergibt sich mit Erlaub schon, welcher Art die "Psychologie" der Österreichischen Schule sein muß. "Der Nationalökonom ... kann des Rüstzeuges (!) der Psychologie nicht entbehren. Nun greifen aber auch (!) Recht und Wirtschaft innig ineinander über. Die ganze Rechtsordnung ist grundlegend für die Gestaltung der Wirtschaft" usw. (16)

    Und ein anderer angesehener nationalökonomischer Theoretiker sagt in seiner Besprechung des Buches, dem voriges Zitat entnommen ist: "In der praktischen Psychologie, welche so bedeutend in die Nationalökonomie hineinspielt (!), ist der Verfasser ein Meister und diese Meisterschaft beeinflußt aufs wohltuendste" usw. (17)

    Es ist die alte Introjektions-Psychologie, welche die "psychologische Schule" handhabt und nur handhaben kann, da nur sie imstande ist, mit den "Trieben" der "Menschennatur" die bequemen Brücken von den unerklimmbaren Wolkenhöhen der Metapyhsik selbst zum Menschen zu schlagen. Da die "Österreichische Schule" die Existenz des Wertgesetzes "erklären" wollte, mußte sie, um diese "Erklärung" zu sichern, die "wirtschaftliche Natur des Menschen" oder die "Natur des Menschen in der Wirtschaft" erklären. Die Independente des Initialabschnittes mußte sich in der Independenten des Finalabschnittes der abhängigen Vitalreihe der "Österreichischen Schule" wiederfinden. Die "Wertgesetzlichkeit" mit der "Psychologie" als Erkenntniskritik bei den Österreichern ist ebenso Metapyhisk, wie MARX "Weltanschauung" mit ihren "ökonomischen Kategorien" als nachträglicher Erkenntniskritik.


    IV.

    Aus unserem Standpunkt ergibt sich, daß von einem Eingehen auf den Inhalt der verschiedenen Wertgesetze nicht die Rede sein kann. Uns kam es nur darauf an, die Abhängige aufzudecken, welche als Stellung zum Problem der Nationalökonomie charakterisiert ist. Da diese Abhängige sowohl für MARX als auch für die "Österreichische Schule" in einer bestimmten Variation des als Independente charakterisierten E-Wertes gegeben war - einmal Weltanschauung, das andere Mal Existenz eines wirtschaftlichen Wertgesetzes als Norm der Wirtschaft - mußte die Lösung des Problems metaphysisch werden. Oder: da der Anfangswert unabhängig von der reinen Erfahrung gesetzt war, endete der Verlauf der abhängigen Vitalreihe in beiden Fällen in einer Sicherung des Anfangswertes.

    Wenn wir unsere Kritik nur an MARX und der "Österreichischen Schule" geübt haben, so ist daraus noch nicht zu schließen, daß die nicht-marxische und nicht-"österreichische" nationalökonomische Theorie nicht metaphysisch ist. Wenn wir daher zum Schluß noch kurz von der dritten tonangebenden Schule, der "historischen", sprechen, so geschieht das einerseits, um die Allgemeinheit unseres Standpunktes allen Theorien gegenüber zu konstatieren - andereseits hervorzuheben, daß der von uns gebrauchte Ausdruck "wissenschaftliche Beschreibung" nichts gemein hat mit den "Beschreibungen der historischen Schule. Die abhängige Vitalreihe hat auch hier die Richtung auf Sicherung des Anfangswertes Wirtschaftsgesetze, nur liegen im Medialabschnitt einige hundert oder mehr Bände - die nötige Anzahl wird von den Vertretern der Richtung verschieden angegeben - historischer Untersuchungen, Suchungen der "Gesetzmäßigkeit" in den "Gesetzen" der Geschichte.
    LITERATUR, Franz Blei - Die Metaphysik in der Nationalökonomie, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 19, Leipzig 1895
    1. Anmerkungen
      1) Siehe "Bau und Leben des sozialen Körpers" von A. SCHÄFFLE
      2) RICHARD AVENARIUS, Kritik der reinen Erfahrung II
      3) BELA FÖLDES, A sarsadalmi gaz das ágtan elemei (Die Elemente der Sozialökonomie), Budapest 1893, Seite 4 [Zitiert nach einem Referat in der "Zeitschrift für Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften".]
      4) FRIEDRICH von WIESER, Der natürliche Wert, Wien 1889, Seite IV
      5) An einem anderen Ort, wo ich mich direkter an die Ökonomen wende werde, denke ich das in dieser philosophischen Zeitschrift nur in den Hauptpunkten Angedeutete ausführlicher zu behandeln.
      6) FRIEDRICH ENGELS, Artikel "Marx" im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Band 4, Seite 1131
      7) KARL MARX, Das Elend der Philosophie. Die zitierte Stelle ist aus dem Vorwort von ENGELS dazu, Seite XI
      8) Die bisherige MARX-Kritik kritisierte die Weltanschauung MARX aus dem ökonomischen System MARX, sie wollte die Weltanschauung, den Sozialismus widerlegen, indem sie versuchte, das ökonomische System MARX zu widerlegen. Die psychologische Kausalität MARXens wurde von seinen Kritikern für eine logische genommen, die sozialistische Weltanschauung für ein Ergebnis der MARXschen ökonomischen Erkenntnislehre.
      9) KARL MARX, Das Kapital, Bd. 1, Seite VI der 4. Auflage 1890
      10) MARX, ebenda Seite VI
      11) MARX, ebenda Seite VI
      12) MARX, ebenda Seite VIII
      13) MARX, ebenda Seite VIII. - Daß sich die Wirtschaft nicht in den ökonomischen Kategorien abspielt, zeigt die Tätigkeit der Sozialisten aller Länder zur Verbesserung der Lage der Arbeiter, zur Befreiung der Arbeiter aus dem Joch des Kapitalismus usw.
      14) BÖHM-BAWERK, Wert, im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Bd. 6, Seite 686, Note 1: "Das SCHÖNBERGsche Handbuch begnügt sich ... mit der bloßen Darstellung und Erörterung der Wertbegriffe, ohne es für nötig zu finden, der Entwicklung des Begriffs des subjektiven Wertes auch eine Erklärung (!) der diesem Begriffe zugrunde liegenden realen Erscheinungen an die Seite zu stellen."
      15) FRIEDRICH von WIESER, Der natürliche Wert, Wien 1889, Seite 4
      16) LEHR , Grundbegriffe und Grundlagen der Volkswirtschaft, Leipzig 1893, Seite 11
      17) A. SCHÄFFLE in der Zeitschrift für Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften, 2. Band, Seite 5, Leipzig 1894

    Quelle: http://www.gleichsatz.de/b-u-t/can/bleikonom.html

  7. #17
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    Psychologie der Massen

    Nur ein Auszug, aber der hat's in sich und sollte zum Denken anregen .......

    Die Wirkungsmittel der Führer:
    Behauptung, Wiederholung, Übertragung



    Wenn es sich darum handelt, eine Masse für den Augenblick mitzureißen und sie zu bestimmen, irgend etwas zu tun, etwa einen Palast zu plündern, sich bei der Verteidigung eines befestigten Platzes oder einer Barrikade töten zu lassen, so muß man durch raschen Einfluß auf sie wirken. Der erfolgreichste ist das Beispiel. Doch ist dann notwendig, dass die Masse schon durch gewisse Umstände vorbereitet ist und besonders, dass der, der sie mitreißen will, die Eigenschaft besitzt, die ich später als Einfluß untersuchen werde.
    Handelt es sich jedoch darum, der Massenseele Ideen und Glaubenssätze langsam einzuflößen, z. B. die modernen sozialen Lehren, so wenden die Führer verschiedene Verfahren an. Sie benutzen hauptsächlich drei bestimmte Arten: die Behauptung, die Wiederholung und die Übertragung oder Ansteckung (contagion). Ihre Wirkung ist ziemlich langsam, aber ihre Erfolge sind von Dauer.
    Die reine, einfache Behauptung ohne Begründung und jeden Beweis ist ein sichres Mittel, um der Massenseele eine Idee einzuflößen. Je bestimmter eine Behauptung, je freier sie von Beweisen und Belegen ist, desto mehr Ehrfurcht erweckt sie. Die religiösen Schriften und die Gesetzbücher aller Zeiten haben sich stets einfacher Behauptungen bedient. Die Staatsmänner, die zur Durchführung einer politischen Angelegenheit berufen sind, die Industriellen, die ihre Erzeugnisse durch Anzeigen verbreiten, kennen den Wert der Behauptung.
    Die Behauptung hat aber nur dann wirklichen Einfluß, wenn sie ständig wiederholt wird, und zwar möglichst mit denselben Ausdrücken. Napoleon sagte, es gäbe nur eine einzige ernsthafte Redefigur: die Wiederholung. Das Wiederholte befestigt sich so sehr in den Köpfen, dass es schließlich als eine bewiesene Wahrheit angenommen wird.
    Man versteht den Einfluß der Wiederholung auf die Massen gut, wenn man sieht, welche Macht sie über die aufgeklärtesten Köpfe hat. Das Wiederholte setzt sich schließlich in den tiefen Bereichen des Unbewußten fest, in denen die Ursachen unserer Handlungen verarbeitet werden. Nach einiger Zeit, wenn wir vergessen haben, wer der Urheber der wiederholten Behauptung ist, glauben wir schließlich daran. Daher die erstaunliche Wirkung der Anzeige. Haben wir hundertmal gelesen, die beste Schokolade sei die Schokolade X, so bilden wir uns ein, wir hätten es häufig gehört und glauben schließlich, es sei wirklich so. Tausend schriftliche Zeugnisse überreden uns so sehr, zu glauben, das Y-Pulver habe die bedeutendsten Persönlichkeiten von den hartnäckigsten Krankheiten geheilt, dass wir uns am Ende, wenn wir selbst an einem derartigen Übel erkranken, versucht fühlen, es zu probieren. Lesen wir täglich in derselben Zeitung, A sei ein ausgemachter Schuft und B ein Ehrenmann, so werden wir schließlich davon überzeugt, vorausgesetzt allerdings, dass wir nicht zu oft in einem andern Blatt die entgegengesetzte Meinung lesen, die die Eigenschaften der beiden miteinander vertauscht. Behauptung und Wiederholung allein sind mächtig genug, um einander bekämpfen zu können.

    Quelle: http://www.textlog.de/35468.html
    "Die Menschen glauben viel leichter eine Lüge, die sie schon hundertmal gehört haben, als eine Wahrheit, die ihnen völlig neu ist." - Alfred Polgar
    "Man muß das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns herum immer wieder gepredigt wird. Und zwar nicht von einzelnen, sondern von der Masse." Johann Wolfgang von Goethe
    Liebe Grüße
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  8. #18
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    Ich seh das Ganze Iwie anders....Jeder Schatten braucht Sein Licht ! Aber folgender text ist dennoch nicht uninteressant.


    Religion – gefährlich oder nützlich?

    von Keith Ward |
    Der Autor behandelt die aktuelle Frage, ob Religion gefährlich sei. Sein Schluss ist, dass Religion in der Praxis etlichen Schaden anrichtet und manches Gute bewirkt; als solche kann sie mit dem Etikett "gefährlich" oder "ungefährlich" also nicht versehen werden. Es kommt auf die Motive der Menschen an, die sich ihrer bedienen. Das Buch ist auf erfrischende Weise ohne jeden apologetischen oder propagandistischen Unterton. Der Autor argumentiert sachlich, diskutiert Argumente und Gegenargumente und legt Positives wie Negatives dar. Nach der Lektüre ist man nicht zur Religion bekehrt, aber guten Mutes, dass eine religiöse Überzeugung mindestens genauso intellektuell redlich, plausibel und vertretbar sein kann wie deren Ablehnung. Ward, Keith. Religion – gefährlich oder nützlich?. ISBN 3783130069. Kreuz-Verlag 2007. 255 Seiten.
    Einführung: Was ist Religion?

    Die Frage um die es Geht

    Ist Religion gefährlich? Bringt sie mehr Schaden als Gutes? Ist sie eine Kraft zum Bösen, ja „die Wurzel alles Bösen“ (Dawkins)? Ich will dazu gleich Stellung beziehen, denn meiner Auffassung nach sind solche Behauptungen absurd. Schlimmer noch, sie ignorieren die verfügbaren Belege aus Geschichte, Psychologie, Soziologie und Philosophie. Ihre Vertreter weigern sich, die Frage in angemessen strenger Form zu untersuchen und fahren statt gründlicher Analyse billige Rhetorik auf. Merkwürdigerweise ist das genau das, was sie religiös gläubigen Menschen vorzuwerfen neigen.
    Meine Schlussfolgerung wird sein, dass Religion einigen Schaden anrichtet und einiges Gutes bewirkt. Angesichts der Belege werden aber vermutlich die meisten Menschen mit mir darin einig sein, dass sie wesentlich mehr Gutes als Schlechtes bewirkt und wir als Lebewesen ohne jede Religion sehr viel schlechter dran wären. Ich will noch weiter gehen und behaupten, wenn die Menschen eine hoffnungsvolle Zukunft haben wollen, sei es sogar sehr wichtig, dass es irgendeine Religion gebe. Natürlich sind nicht alle Religionen gleich. Es kommt sehr darauf an, welche Art von Religion wir wählen.
    Was ist nun eigentlich Religion?

    Die Frage „Ist Religion gefährlich?“ enthält zwei sehr umstrittene Begriffe. Erstens gibt es Religion an sich gar nicht. Es gibt auch viele Glaubenssysteme, die bestreiten, dass sie Religionen seien. Mit der Definition des Anthropologen E.B. Taylor „Religion ist der Glaube an Spirituelle Wesen,“ hat man das Problem, dass man den Buddhismus ausschliesst. Mit einer langen, ungenauen Definition kann man fast nichts mehr ausgrenzen. Wenn man aber nicht weiss, was ‚Religion’ ist, kann man sich auch kaum ein Urteil darüber bilden, ob sie gefährlich ist oder nicht. Da es zu jeder Zeit und in jeder Kultur irgendeine ‚Religion’ gab, führen sie die gesamte Vielfalt und die verschiedenen kulturellen Entwicklungsstufen vor. Das macht es praktisch unmöglich, zu sagen, die Religion als solche sei auf jeder Stufe ihrer Entwicklung und in allen ihren verschiedenen Formen gefährlich. Etwas Wichtiges können wir aber festhalten: Wenn sich die Kulturen entwickelt und verschiedene Formen angenommen haben, dann werden auch ihre Religionen der Entwicklung und der Verschiedenheit unterworfen sein.
    Das Studium der frühen Religionen

    Eine rhetorische Taktik der Gegner der Religion besteht darin, deren primitive Formen herauszunehmen und diese als definitive Form der Religion vorzuführen. Viele Annahmen über frühere Religionen basieren auf unzulänglichen, unkritischen oder überhaupt nicht vorhandenen Belegen.
    Leider haben das noch nicht alle begriffen. Zu ihnen gehört Daniel Dennett mit seinem 2006 veröffentlichten Buch „Breaking the Spell“, in dem er die Wissenschaftler auffordert, „der Bann zu brechen“, der uns davon abhalte, die Religion wissenschaftlich zu erforschen. Er scheint nicht gemerkt zu haben, dass dieser Bann bereits 1884 gebrochen wurde, als E.B. Taylor in Oxford einen Lehrstuhl für Anthropologie erhalten hatte. Damals ging man von der Annahme aus, alle religiösen Glaubensüberzeugungen seien falsch oder irrelevant. Heute würde kein Anthropologe mehr sagen, dass dieses Vorurteil der richtige Weg sei, eine strikt wissenschaftliche Untersuchung anzugehen. Heute weiss man, dass man viel stärker beachten muss, was Menschen über ihre eigene Glaubensüberzeugung sagen und welche Gründe sie angeben, dass sie sich an sie halten.
    Heutige Gegner sagen, dass die Religion früher zu einer evolutionären Fitness geführt habe und genetisch einprogrammiert gewesen sei. Aber sie trügen inzwischen nicht mehr zum Überleben bei und wir könnten sie als recht irrational ansehen. Tatsächlich seien sie in den Augen jedes Menschen mit einigermassen gesundem Menschenverstand voll und ganz durch angemessene naturwissenschaftliche Überzeugungen ersetzt.
    Leider ist diese schlichte Argumentationsweise völlig falsch und wird von heutigen Anthropologen kaum ernst genommen. Sie beruht auf zwei grundsätzlich falschen Annahmen: Dass die wahre Natur der Religion sich in ihren frühsten Beispielen äussere und dass wir wüssten, wie die religiösen Überzeugungen der frühsten Menschen aussahen. So zögert Dennett nicht, uns zu erklären, die frühen Menschen hätten ihre religiösen Überzeugungen buchstäblich genommen. Sie hätten wirklich gedacht, dass es unsichtbare Personen gewesen seien, die die Wolken herum schoben und sie regnen liessen. Vermutlich verfügt Dennet über einen Zugang zu den Köpfen von Menschen, die vor zehn oder hunderttausend Jahren gelebt haben. Dennett weiss auch, dass die frühsten Formen der Religion animistisch waren. Das mag sein. Aber ist das eine wissenschaftliche Aussage. Lässt sie sich verifizieren oder falsifizieren. Es ist reine Spekulation. Vielleicht entspricht sie einfach einer materialistischen Überzeugung.
    Haben die frühen Gläubigen alles wörtlich genommen?

    Es dürfte ziemlich irreführend sein, zu meinen, die frühen Gläubigen hätten gewöhnlich alles ziemlich Buchstäblich genommen und der Begriff der Metapher sei eine spätere und intelligentere Masche. Wir haben überhaupt keine Beweise. Und können uns archaischere Kulturen, wie die der Aborigines (wie Emil Durkheim noch glaubte) überhaupt etwas über die Menschen vor mehreren hunderttausend Jahren sagen. Es könnte gut sein, dass das Versessensein auf ‚buchstäbliche Wahrheit’ ein Produkt des wissenschaftlichen Ansatzes ist – ebenso der Glaube, nur buchstäbliche Wahrheiten seien überhaupt wahr. Es könnte durchaus sein, dass das ganz frühe Denken der Menschen von Natur aus viel stärker metaphorisch als buchstäblich war.
    Die Entwicklung religiöser Vorstellungen

    Atheisten werfen den Glaubenden oft vor, Gott sei eine Projektion.
    Das sollten Glaubende ein Stück weit gelten lassen. Vorstellungen über Gott sind tatsächlich phantasievolle Projektionen. Eine Vorstellung von Gott (wohlgemerkt: ich spreche von unserer Vorstellung von Gott, nicht von Gott!) ist ein Konstrukt der Imagination, kein in der äusseren Welt wahrgenommenes Objekt. Sie ist ein Konstrukt, weil sie den Versuch darstellt, sich von einer Realität jenseits aller Bilder ein Bild zu machen. Die einzige Frage ist, ob ein Konstrukt ohne jede Grundlage in der Realität ist oder ob es sich dabei um den Versuch handelt, sich irgendeine Art von objektiver Realität bildhaft vorzustellen.
    Wenn man z.B. die Mathematik betrachtet, kann man auch hier sagen, dass die intellektuelle Imagination das Zugangsmittel zu einer Realität ist, die man mit den Sinnen nicht erfassen kann. So könnte es auch in der Religion eine angemessene Form der intellektuellen Imagination geben, die den Zugang zu einer Realität ermöglicht, die sich von den Sinnen nicht erfassen lässt.
    Als Hume’sche Empiriker gehen viele Erforscher der Religion davon aus, dass alles saubere menschliche Wissen auf die Sinneserfahrung von Objekten gründet und beschränkt sein müsse. Damit wird die Existenz von Gott ausgeschlossen. Viele sind aber der Ansicht, dass damit auch die Mathematik, die Quantenphysik, die objektiven moralischen Wahrheiten und noch etliches andere ausgeschlossen werden. Diese Forscher betrachten aber die Religion als eine blosse Phantasievorstellung, nicht aus wissenschaftlicher Strenge, sondern wegen ihres Denkansatzes. Nun müssen sie nur noch erklären, wie diese Illusion entstanden ist. Eine Möglichkeit ist die Kausaltheorie: Die frühen Menschen hätten Gott erfunden, um zu erklären warum alles, was geschieht, geschieht. Aber wenn wir heutige Religionen anschauen werden sie meist nicht zur Erklärung verwendet, sondern zum Trösten, Inspirieren und Motivieren. Zudem merkt man ja rasch, dass mit den Göttern nichts eigentlich erklärt wird. (Was würde das erklären, wenn man sagen würde, Gott habe den Tsunami geschickt. Nichts. Man hätte damit eine nur noch schwierigere Frage: Weshalb hat er das getan?) Wenn man heutige Glaubende fragen würde, wo die Wurzel ihres Glaubens liege, würde die Mehrheit antworten: in der Erfahrung einer transzendenten Kraft.
    Solche Erfahrungen können natürlich illusorischer Natur sein, damit muss man ernsthaft rechnen, aber auch damit, dass sie nicht illusorischer Natur sein könnten. Das sachliche Studium der Religion sollte auf jeden Fall für beide Ansichten offen sein. Sofern es einem ernsthaft um die Wahrheit geht, sind dabei jede falsche Darstellung, jedes Verspotten und jede Verharmlosung der Glaubensüberzeugungen fehl am Platz.
    Religionen sind verschiedenartig und entwickeln sich.

    Es kann kein Zweifel bestehen, dass die rationale und moralische Einsicht zugenommen hat, seit die ersten Hominiden über die Erde gingen. Seit dem 16. Jahrh. haben sich unsere naturwissenschaftlichen Ansichten beträchtlich verändert. Ein Anthropologe, der sagen wollte, das Wesen der Wissenschaft lasse sich in deren frühesten Ursprüngen finden, wäre ein Spinner, uns genauso wäre nicht ernst zu nehmen, wer behaupten wollte, Aristoteles und die Alchemie (Newton befasste sich mit ihr) lieferten die Definition für das Wesen der Wissenschaft. So sollte man auch auf dem Gebiet der Religion damit rechnen, dass ihre frühesten erkennbaren Anfänge (die hebräische Bibel ist einer der interessantesten Berichte über eine Form der frühen Religion und ihre Entwicklung) eben genau das sind: nämlich frühe Anfänge von etwas, das sich beträchtlich weiterentwickelte. Wenn wir in der Bibel lesen, dass man sich Gott als einen neben vielen anderen Göttern vorstellte, sollte uns das nicht zur Aussage verführen, das seien tatsächlich wesentliche jüdische oder christliche Glaubensvorstellungen. Die korrekte Art, die Religion zu studieren, besteht darin, sie in ihren am weitest entwickelten Formen zu studieren statt in ihren primitiven Anfängen. Und sie sollte in ihren vielen kulturellen Einbettungen studiert werden, nicht als eine Art Sammlung abstrakter und fester Lehren, so, als lasse sich die Religion von ihrem jeweiligen kulturellen Kontext trennen und als wäre eine Religion, bloss weil sie einen festen Namen hat (z.B. ‚Christentum’), in all den Hunderten von verschiedenen Kulturen, in denen es sie schon gab, immer ein und dieselbe.
    1. Teil: Religion und Gewalt

    1. Kapitel: Die Ursachen der Gewalt

    Naive Vorstellungen helfen nicht weiter
    Ein Grundprinzip intelligenten Analysierens sollte es sein, dass man den ernsthaften Versuch unternimmt, die intellektuell kompliziertesten Begriffe des religiösen Glaubens zu verstehen.

    Ein Beispiel: die Quäker
    Ich hoffe, es ist inzwischen klar, dass die allgemeine Aussage „Religion ist gefährlich“ eine Leerformel ist, solange man damit nicht ganz konkret eine bestimmte religiöse Institution meint und ihr vorwirft, gefährlich zu sein, entweder weil ihre Glaubensvorstellungen oder ihre Praktiken gefährlich sind oder weil bereits die Existenz dieser Institution als solcher für die Gesellschaft eine Gefahr darstellt.
    Die Quäker werden gewöhnlich nicht für gefährlich gehalten. Im Allgemeinen sind sie gegen Gewalt. Ich finde es daher schwierig, mir irgendeine andere Organisation vorzustellen, die für die Gesellschaft weniger gefährlich wäre als sie. Aber es lässt sich einsehen, dass jemand, der der Auffassung ist, Pazifismus sei moralisch falsch, sie für gefährlich halten könnte. Auf dem Gebiet der Moral gibt es eben nur sehr wenig, worin sich alle einig wären. Sogar Mutter Theresa wurde vorgeworfen, dass sich ihre Arbeit schlecht auf das sozialpolitische System von Indien auswirke; zudem stelle sie eine Verschwendung von Ressourcen dar, die man anderswo besser hätte einsetzen können. Es gibt also religiöse Gruppen, die eine moralische Güte von sehr hoher Rangordnung an den Tag legen. Ihre Mitglieder verdienen unsere Bewunderung, auch wenn wir ihre Glaubensüberzeugungen nicht teilen. Meinungsverschiedenheiten in moralischen Dingen sind etwas, womit wir als Menschen einfach leben müssen, mögen wir religiös sein oder nicht.

    Ein zweiter Fall: al-Qaida
    Aber wie weit können moralische Verschiedenheiten gehen? Nehmen wir al-Qaida. Im Westen werden sie als gefährlich angesehen, ihre Anhänger betrachten ihr Tun offensichtlich nicht so. In ihren Augen ist in einer radikal ungerechten Welt Gewalt um der Gerechtigkeit willen sowie angesichts des Atheismus und Nihilismus des Westens eine Kraft der Wahrheit.
    Ob etwas gut ist oder schädlich, das steht nicht immer als offenkundig und allgemein anerkannte Wahrheit fest, so dass wir alle neutral einschätzen könnten, ob bestimmte Handlungen Gutes oder Schlechtes bewirken.
    Al-qaida glaubt, dass das Töten von Menschen, um des Guten willen geschehe, weil es helfe, das böse Reich des Westens zu vernichten. (Die Amerikaner halten auch ihre Bomben auf den Irak für etwas Gutes, weil es nötig sei, den Diktator zu stürzen.)
    Nun besteht aber ein Unterschied, ob man etwas Schreckliches im Rahmen eines Kampfes um eines höheren Gutes willen tut (was jeder Soldat tun muss, wenn er einen Feind tötet) oder ob man etwas tut, von dem man rundweg weiss, dass es böse ist. Z.B. ein Kind zu Tode quälen. Dabei hat man kein höheres Gut im Sinn.
    Wäre Religion böse, so würde sie auf kein Gut abzielen. Es mag böse Religionen geben (Teufelskulte), bei denen man eine destruktive Macht um ihrer selbst willen verehrt. Aber normalerweise ist Bösartigkeit nicht mit religiösem Glauben verknüpft. Serienmörder und Vergewaltiger behaupten gewöhnlich nicht, sie seien von einer Religion inspiriert. Das Böse ist normalerweise eher mit einem Glauben an das Überleben der Starken durch einen totalen Krieg verbunden oder einfach mit dem Hass auf das Leben und die Welt ganz allgemein. Diese destruktiven Haltungen gehören aber normalerweise nicht zu einer Religion. Im Gegenteil, wenn es einen Punkt gibt, in dem sich die Weltreligionen alle einig sind, dann ist es der, zu behaupten, dass das Dasein gut sei. So kann die Religion nicht die Quelle alles Übels sein, denn sie ist systematische gegen den Hass auf das Dasein – und der ist die Quelle des rein Bösen.
    Auch wenn wir das nur ungern sagen, al-Qaida ist im beschriebenen Sinne nicht das rein Böse.
    Wir könnten aber argumentieren, die Mitglieder von al-Qaida müssten in Wirklichkeit wissen, dass Gott nicht alle Nichtmuslime hasst, und dass es ungerecht sei, Unschuldige zu töten, und dass ein Gott der Barmherzigkeit grundsätzlich den Hass verbiete. Aber die Macht der Selbsttäuschung ist stark. Es fällt den Menschen sehr leicht, sich selbst davon zu überzeugen, Böses sei gut.

    Der Selbstbetrug in Moral und Religion
    Wie kommt es dazu, dass Menschen, die mit Verstand ausgerüstet sind, ganz komische Dinge glauben?
    Aber zur Erinnerung: Würde ein Politiker gewählt, der nicht dem Interesse für seine eigene Nation den Vorrang geben würde? Wir alle scheinen nationale Selbstsucht zu billigen, obwohl es keinen vernünftigen Grund dafür gib, dass unsere Nation oder Rasse gegenüber anderen den Vorzug haben sollte.
    Wir setzten eben oft das Interesse unserer eigenen Rasse, unserer eigenen Familie oder nicht selten unser Eigeninteresse an die erste Stelle, und rechtfertigen das, indem wir für dieses Verhalten ‚moralische’ Gründe erfinden. Z.B. erheben wir Familienehre zur Tugend und behaupten dann, wir würden nur in selbstloser Weise unsere Pflicht erfüllen. Das ist natürlich eine Halbwahrheit, und das Falsche daran ist, dass man daraus eine ganze Wahrheit macht. Wir haben die Pflicht, uns um unsere Familie zu kümmern, aber das setzt nicht alle anderen Pflichten ausser Kraft.
    Im Nazideutschland wurde die Loyalität gegenüber der Nation und dem Führer derart zur obersten Tugend erklärt, dass sie nach der totalen Aufopferung seiner selbst verlangte. Wenn eine gesamte Klasse von Menschen zum Hassobjekt erklärt wird, nicht wegen individueller Verbrechen, sondern wegen des angeblichen ‚Grundcharakters’, den ausnahmslos alle hätten, ist das ein Zeichen dafür, dass die Meinungen manipuliert werden – und wir müssen uns fragen, warum?
    Jeder hätte Hitlers ‚Mein Kampf’ lesen können. Dort werden seine Grundsätze klar: der Wille zur Macht, die Ausmerzung der Schwachen, die militärische Vorherrschaft und Überlegenheit der arischen Rasse.
    Es ist mehr als seltsam, wenn man Loyalität und Ehre weiterhin als moralische Tugenden hochhält und gleichzeitig mit einem nackten Machtanspruch die Grundlagen der Moral unterhöhlt.
    Jeder Aufruf zu etwas moralisch Gutem muss ein Aufruf zu etwas für alle Gutem sein, und nicht nur zu dem, was für mich, meine Artgenossen oder meine Nation gut ist. Jede Moral, die nicht so beschaffen ist, ist ein Zerrbild. Sie hat irgendeine Form des Eigeninteresses oder des Willens zur Macht, die man als Tugend maskiert und damit das allgemeine moralische Gespür verdirbt.
    Damit haben wir einige Kriterien für ernsthaft moralische Überzeugungen: Sie dürfen nicht auf Hass oder Rachsucht beruhen; sie dürfen nicht negative Klischees von anderen verbreiten oder von einer aufgeblähten Einschätzung der eigenen Wichtigkeit inspiriert sein; sie dürfen nicht dem Eigeninteresse oder dem Willen zur Macht entstammen; und sie müssen die ernsthafte Sorge um das Wohlsein aller zum Ausdruck bringen.
    Der Nationalsozialismus erfüllte keines dieser Kriterien. Dennoch folgten viele gedankenlos.
    Wenn wir diese Kriterien auf al-Qaida anwenden, dann sind ihre Glaubensüberzeugungen eindeutig böse. Es handelt sich also um eine eindeutig böse religiöse Überzeugung. Der Nationalsozialismus war eine eindeutig böse nichtreligiöse Überzeugung.
    Was Überzeugungen böse macht, ist nicht die Religion, sondern das sind der Hass, die Ignoranz, der Wille zur Macht und die Gleichgültigkeit gegenüber anderen.
    Wie kommen Menschen zu solch falschen Ansichten? In einem Geheimdienst Bericht des britischen Innenministers zu al-Qaida (April 2006) werden die Hauptgründe genannt, die zur Mitgliedschaft in terroristischen Organisationen führen: Ablehnung des Krieges in Irak; wirtschaftliche Verelendung, sozialer Ausschluss und Unzufriedenheit mit den Führern des Gemeinwesens. Keine dieser Ursachen ist religiöser Natur. Sie werden mit dem Islam mittels einer Reihe ziemlich unplausiblen Zusammenhängen verknüpft: alles mündet in einer Verschwörungstheorie des Westens gegen den Islam.
    Es gibt auf der Welt viele Verschwörungstheorien, aber bei nahezu allen geht es um soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten und kaum um religiöse Themen. Die traurige Wahrheit ist, dass sich fast alle menschlichen Überzeugungen und Institutionen für böse Zwecke nutzen lassen, da es nun einmal tief verwurzelte Hassgefühle und echte Ungerechtigkeiten gibt.

    Texte der Gewalttätigkeit
    Es gibt in der Bibel Texte von Gewalt. Die eigentliche Frage ist aber, was Menschen dazu bewegt, sie hervorzuholen und sie zu so entscheidenden Texten zu erklären, dass man sie unter den ganz anderen Umständen der heutigen Welt buchstäblich anwenden müsse. Es ist keine Eigenart der Religion als solcher, die sie das tun lässt. Denn die Tradition hat anspruchsvolle Auslegeformen entwickelt, um diese Texte mittels anderer und gewöhnlich späterer Interpretationen zu neutralisieren, in denen betont wird, was eindeutig viel grundlegender sei: das Gebot Gottes, Mitleid und Erbarmen zu haben.
    Die grosse Mehrheit der christlichen Kirchen bedauert die Kreuzzüge und die Verfolgung der Juden als völliges Fehlverhalten gegenüber dem Gebot Jesu, seine Feinde zu lieben und sich um Versöhnung und Frieden zu bemühen, statt den Weg der Rache einzuschlagen.
    Religiöse Schriften lassen sich missbrauchen. Aber solche Missbräuche lassen sich anhand des Umstandes identifizieren, dass die gewichtigen Anliegen der heiligen Schrift missachten: die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Ausserdem werden dabei Texte aus dem Zusammenhang gerissen. Man wendet sie ohne jedes historische Gespür an und nimmt keinerlei Rücksicht darauf, wie sie in einer langen Tradition ausgelegt wurden.
    Kurz: Wer voller Wut und Hass ist, findet tatsächlich für seine Zwecke eine Reihe von Texten. Aber sie dafür verwenden kann nur, wer die gelehrten Auslegungstraditionen ignoriert und sich überhaupt nicht auf eine gründliche Erörterung der ganzen Schrift einlässt, sondern nur zur Fundierung seines Hasses eine gezielte Textauswahl trifft.
    Wenn man behauptet, dass religiöse Texte Intoleranz förderten, muss man die folgende Frage stellen: Was ist die Ursache dafür, dass bestimmte Leute diese Texte auswählen, die nach allgemeiner Übereinstimmung der religiösen Fachleute für Situationen in einer fernen Vergangenheit galten und inzwischen längst sowohl von anderen einschlägigen Texten als auch vom grundsätzlichen Sinn der Schrift überholt wurden.
    Die Antwort lässt sich nur geben, nachdem man im Einzelnen die gesellschaftlichen Kontexte untersucht hat. Es sind meist Kontexte wirtschaftlicher und sozialer Ungerechtigkeit und des Verlusts. Kurz: Es sind Hass und Intoleranz, die zur Wahl bestimmter Texte führen, um mit ihnen fadenscheinige Rechtfertigungen für pervertierte natürliche Neigungen zu liefern. Was zur Intoleranz führt ist nicht die Religion. Es ist die Intoleranz, die die Religion dazu verwendet, der wirklichen Ursache von Intoleranz angeblich ‚moralische’ Schützenhilfe zu leisten.

    Die Religion und das Böse
    Al-Qaida ist eine religiöse Organisation, die auf Hass, Ignoranz, dem Willen zur Macht und der Gleichgültigkeit gegenüber Gottes Schöpfung gründet. Sie wird aber von den Worten ihrer eigenen Religion verurteilt.
    Die Nazis hatten dagegen keine Tradition, dank derer man ihre böse Ideologie von innen her hätte korrigieren können. Militante Muslims habe aber eine solche Tradition.
    Alle Menschen, ob religiös oder nicht neigen zum Bösen. Die Frage ist: Wie können wir uns am besten dagegen schützen? Eine der besten Vorkehrungen dagegen ist ein Glaubenssystem, das den Übeltätern Strafe in Aussicht stellt und ihnen die Versöhnung mit einem liebevollen Wesen verspricht. Das wird die Verdorbenheit nicht ausrotten, ist aber eine Instanz, die die Verdorbenheit als das blossstellt, was sie ist, und die Menschen ständig dazu ermahnt, sich um Gutsein zu bemühen.
    Nicht die Religion führt zur Verdorbenheit, es ist die menschliche Natur.
    Wir Christen glauben an einen Gott. Der allen Hass und alle Wut verurteilt und uns aufträgt, unsere Nächsten wie uns selbst zu lieben, ja sogar unsere Feinde.
    Das liegt unendlich weit entfernt von der marxistisch-leninistischen oder faschistischen Ablehnung einer objektiven Moral und der gnadenlosen Hinwendung zum nackten Willen zur Macht. Wenn es eine Wurzel des Bösen gibt, die die Welt im 20 Jahrh. an den Rand der Vernichtung brachte, dann waren das die antireligiösen Ideologien von Russland, Nordvietnam und Nordkorea. Es bedarf geradezu der vorsätzlichen Blindheit, wenn man diese historischen Tatsachen auf den Kopf stellen und behaupten will, dass die Religionen, die von diesen brutalen Kräften verfolgt und zerschlagen wurden, die wahren Quellen des Bösen in der Welt seien.
    2. Kapitel: Der Hang aller menschlichen Einrichtungen zur Korruption

    Die allgegenwärtige Möglichkeit der Korruption
    Es ist schwierig, sich irgendeine organisierte menschliche Tätigkeit vorzustellen, die sich nicht korrumpieren liesse oder die von intensiven Diskussionen über richtige Vorgehensweisen frei wäre. Das betrifft auch die liberale Demokratie. Es ist nicht zu vergessen, dass Hitler demokratisch gewählt wurde. Auch in Südafrika entstand auf demokratischem Wege eine zutiefst rassistische Gesellschaft. Auch in den USA muss man sich fragen, welche Rolle notorische Minderheiten bei demokratischen Wahlen überhaupt spielen.
    Sowohl in antireligiösen, wie auch religiösen Systemen kann es zur Korruption kommen. Es gibt kein magisches System oder Glaubenssystem, das garantieren könnte, dass sie nie eintritt, und sogar der feste Glaube an die liberale Demokratie kann das nicht gewährleisten.

    Der Kampf gegen die Korruption
    Es braucht die öffentliche aktive Sorge um die Achtung der Menschenrechte, um Fairness und um die Pflege des Bewusstseins, wie wichtig es ist, so weit wie möglich jedem Menschen eine gewisse Form der Erfüllung zu ermöglichen. Wo diese Achtung fehlt, wird die Demokratie darin versagen, allen eine realistische Freiheit zu gewährleisten und sicherzustellen, dass die Rechte von Minderheiten geachtet werden.
    So stellt sich heraus, dass die Demokratie in einem sehr ähnlichen Boot sitzt wie die Religion.
    Aber auch wenn wir zugeben, dass die liberale Demokratie gefährlich sein und in manchen Fällen korrumpieren kann, dürfte auf der Hand liegen, dass wir dennoch nicht zum Schluss kommen müssen, sie sei etwas Schlechtes oder es würde uns ohne sie besser gehen. Das Gleiche gilt für die Religion.
    Praktisch heisst das, dass es irgendeiner Form der systematischen moralischen Erziehung bedarf, man also den Menschen immer wieder einschärfen muss, welch unverzichtbare Würde jeder Einzelne hat und wie wichtig es ist, dass sich jede und jeder persönlich um bestimmte Tugenden und das Gemeinwohl bemüht.
    Zweifellos ist eine Hauptinstanz solcher moralischer Erziehung die Religion.
    Rechtssysteme haben sich entwickelt: Abschaffung der Sklaverei, Einführung des Frauenstimmrechtes etc. Es wäre doch absurd, das britische Rechtssystem deshalb zu verurteilen, weil es für den Diebstahl von Schafen die Todesstrafe verhängte. Das war damals. Wir leben heute. Das System hat sich verbessert. Aber wie können wir vernünftigerweise einem Religionssystem die gleiche Beurteilung verweigern? Seine heutige Moral können wir nicht auf Grund von alten und überholten Verordnungen in der Vergangenheit – zum Teil in einer sehr fernen Vergangenheit – beurteilen.

    Zusammenhänge zwischen Religion, Politik und Moral
    Die Frage „Neigt der religiöse Glaube dazu, die Menschen eher konservativ zu machen oder eher radikal?“ lässt sich nicht beantworten. Der Grund ist der, dass religiöse Institutionen aus Menschen bestehen, die bereits bestimmt moralische und politische Überzeugungen haben und versuchen werden, die Institution in diesem Sinn zu gestalten. Ihre Kinder werden wiederum zum Teil von diesen Institutionen geprägt werden, aber zudem in der allgemeinen Kultur vielen anderen Überzeugungen begegnen. So lässt sich ziemlich wenig Hilfreiches über die gesellschaftlichen Auswirkungen der Religion sagen.

    Der spezifische Beitrag der Religion
    Das Grundlegendste, was entwickelte Religionen zu gesellschaftlichen Einstellungen beitragen, ist ein Gespür für das Heilige, das heisst für etwas derart kostbar Gutes, dass es der bedingungslosen Ehrfurcht wert ist. Dieses Gespür fordert die Menschen dazu auf, etwas von diesem Guten in ihrem eigenen Leben sichtbar werden zu lassen und ihr Leben so zu gestalten, dass sie dieses Gute immer besser kennen lernen.
    Jede grosse Religion betont, dass es objektive moralische Ideen gebe, dass ein moralisches Verhalten ganz wichtig sei und dass für die Menschen als Einzelne und als Gesellschaft die Möglichkeit bestehe, ein gutes und glückliches Leben zu erlangen. In den meisten Ländern gehört die Religion zu den Hauptvermittlern einer moralischen Erziehung. Aber was diese Religionen im Einzelnen sagen, hängt von dem historischen und gesellschaftlichen Kontext ab, in dem sie es sagen.
    Religiöse Überzeugungen beeinflussen die Kultur und werden ihrerseits von der Kultur beeinflusst. Z.B. 1179 verbot das III. Laterankonzil das Einnehmen von Zinsen. Im 19. Jahrh. erlaubte es die kath. Kirche. 1864 verurteilte der Papst noch viele Überzeugungen, 1960 erklärte das Konzil, dass es zur Freiheit des Menschen gehöre verschiedene Überzeugungen zu haben und zu äussern. In Frankreich wurde der Sozialismus weitgehend als antikatholisch angesehen. In England dagegen wurde er stark vom christlichen Gedankengut inspiriert. Das erklärt sich aus dem historischen Kontext.

    Religion und gesellschaftliche Werte
    Ein religiöses Credo läst sich eher so ähnlich wie die amerikanische Verfassung verstehen. Es ist ein Gründungsdokument, das sich in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich auslegen lässt. Es formuliert Grenzen der zulässigen Auslegung, schreibt jedoch nicht die genaue Auslegung vor, die zu bestimmten Zeiten zu erfolgen hat. Das besorgen Fachleute, und sie können in ihren Auslegungen ziemlich stark voneinander abweichen. Das gilt für alle menschlichen Institutionen, nicht nur für religiöse. Es ist daher nie hilfreich, zu fragen, was ‚eine Religion’ abstrakt genommen, lehrt. Statt zu fragen: „Ist Religion gefährlich oder nützlich?“, sollten wir fragen: „Ist diese partikuläre Religion in diesem Stadium ihrer Entwicklung in diesem gesellschaftlichen Kontext gefährlich?“ Dann liegt auf der Hand, dass die Antwort auf diese Frage nicht immer gleich lauten wird. Dennoch behaupte ich, ist es jedem unvoreingenommenen Beobachter klar, dass in den meisten Gesellschaften die Religion die meiste Zeit hindurch eine der Kräfte ist, die sowohl die soziale Stabilität gewährleistet als auch die moralisch seriöse Diskussion und Reform ermöglicht.
    3. Kapitel: Religion und Gewalt

    Sayyid Qutb und der militante Islam
    Sayyid Qutb der Muslimischen Bruderschaft veröffentlichte 1965 sein Buch „Milestones“ – auf Deutsch im Internet lesbar. „Es gibt nur einen Ort auf der Erde, der ‚Daru-I-Islam’ genannt werden kann, der Ort, in dem der islamische Staat errichtet ist und die Sari’a die Autorität ist und Allahs Gebote und Verbote beachtet werden ... Der Rest der Welt ist das Haus des Krieges (Daru-I-Harb)“. Es gibt kein Dazwischen – keinen Kompromiss und nicht einmal Koexistenz. Der Heilige Krieg sei keineswegs nur zur Verteidigung erlaubt, sondern als Initiative geboten, um mit Gewalt überall in der Welt richtige muslimische Gesellschaften zu errichten.
    Hier wird aufgezeigt, wie stark diese Ansichten von der marxistischen Analyse durchdrungen ist.

    Qutb und der traditionelle Islam
    Angesichts des Umstandes, dass Qutb alle gegenwärtig existierenden muslimischen Gesellschaften ablehnt und die Schriften traditioneller muslimischer Gelehrter besonders scharf tadelt, ist es eindeutig klar, dass seine Ansichten nicht für den Islam repräsentativ sind. Angriffe gegen die Religion seitens solcher, die sie für blind und gedankenlos halten, spielen den Fundamentalisten in die Hände. Denn solche Angriffe stellen genauso wirksam in Frage, dass solides theologisches Denken möglich sei, wie das die wütenden Tiraden der Fundamentalisten tun.

    Gefahren der Gewaltanwendung im Christentum
    Auch im Christentum gibt es potenziell gefährliche Lehren, und von Zeit zu Zeit haben diese die Anwendung von Gewalt ausgelöst und zu Kriegen geführt. Es gibt aber kein vorstellbares System religiösen oder politischen Denkens, das nicht potenzielle Gefahren in sich hätte. Das Beste, was wir tun können, ist für diese Systeme angemessene interne Kontrollen zu finden, die verhindern, dass diese Gefahren praktisch zum Zug kommen. Aber wenn wirtschaftliche und soziale Verhältnisse in die Krise geraten, kann nichts auf Erden Menschen davon abhalten, jegliches System für die Durchsetzung ihrer Interessen zu missbrauchen.
    Es gab Religionskriege, Religionsverfolgungen und religiösen Hass. Das ist unentschuldbar. Wie konnte ein Glaube, der in seinen Anfängen fast ganz, wenn auch nicht vollkommen pazifistisch war (in den Lehren Jesu ist er eindeutig), eine Religion von Kreuzrittern und Inquisitoren werden?
    In der Antike: Was den Krieg verursachte, waren nicht die Götter oder der Glaube an die Götter. Man fing vielmehr einen Krieg an, und dann erwiesen sich zumindest einige Götter als recht nützlich, um die Loyalität gegenüber der Sache des Kaisers zu gewährleisten. Die Kriege der antiken Kaiser waren keine Religionskriege. Es waren Eroberungskriege.

    Das Christentum und das Römische Reich
    Der christliche Gott war kein Reichsgott, sondern ein Gott von Sklaven und Arbeitern, von Armen und Unterdrückten in der unbedeutenden Provinz Judäa. Auch Jesus war kein vorzeigbares Beispiel für einen Krieger-König.
    Unter Theodosius (4. Jahrh.) wurde das Christentum zur offiziellen Reichsreligion.
    Die Konsequenzen waren weit reichend: Der neue Glaube verbot die Kindstötung, ermutigte den Bau der ersten Hospitäler und Armeneinrichtungen und versuchte die Todesstrafe abzuschaffen. Er wirkte sich auf das Reich humanisierend aus. Aber der Einfluss ging nicht nur in die eine Richtung: Die Kirche wurde Schritt für Schritt ins Leben des kaiserlichen Hofs mit seiner Intrigen hineingezogen. In Nachahmung des kaiserlichen Hofs wurde eine kirchliche Hierarchie eingerichtet und die Glaubensbekenntnisse wurden zum Mittel, die loyalen Anhänger der offiziellen, kaiserlichen Ansichten von denen zu unterschieden, deren Radikalität eine Gefahr für die Einheit des Reiches hätten werden können. Und diese Gefahren gab es wirklich. Religiöse Intrigen, Kontroversen und verzweifelte Versuche, um jeden Preis die Einheit zu erhalten oder aufzuerlegen, waren also die Reflexe der Reichskrise im Leben der Reichskirche.
    Als das Römische Reich zerfiel, kam die Kirche unter den Einfluss von hauptsächlich zwei Faktoren: Verschiedene kriegerische Stämme wurden in die Kirche aufgenommen, und zwar auf dem weg der Eroberung. Kriegsreligionen wurden oberflächlich christianisiert und Christus zum Krieger-Gott. Der zweite Faktor war die Bedrohung durch die muslimischen Eroberer.

    Kreuzzüge
    Meist stellt man sich die Kreuzzüge als aggressive Angriffe auf muslimische Territorien vor. Aber es waren zunächst arabische Heere, die die Länder am Mittelmeer mit Kriegen überzogen. Im Jahre 1054 appellierten die Byzantiner an den Papst, er möge ihnen militärische Hilfe gegen die Seldschuken senden, die Tausende von Christen niedermetzelten und Konstantinopel bedrohten. Die Kreuzzüge entglitten aber. Im 4. wurde Konstantinopel geplündert.
    In Südfrankreich fand der Albigenserkreuzzug statt (1208) und es entstand die Inquisition.

    Religion und Typen der Gesellschaftsordnung
    Zur Einschätzung dieser Situation müssen wir uns vor Augen halten, dass alle Gesellschaften auf das Recht Anspruch erheben, ihre Ordnung und Sicherheit und ihre Lebensart gegen Angriffe zu verteidigen, ganz gleich, ob diese von innen oder von aussen kommen. Wenn z.B. ein gewählter Volksführer diktatorisch die Macht an sich reisst und die demokratischen Institutionen abschafft, hält man es weithin für gerechtfertigt, diesen Führer zu beseitigen. Diese Aktion wird vermutlich aber nur dann als gerechtfertigt angesehen, wenn die angegriffene Ordnung ein klares Mandat vom Volk hätte und wenn der Schaden, den sie verursacht, um etliches geringer wäre als der Schaden, der entstünde, wenn man nicht einschreiten würde.
    Neben der Inquisition und anderer dunkler Seiten der Religion muss man auch erwähnen, dass die Kirche die antike Kultur durch alle Zeiten des Chaos hindurchrettete, den Bau grosser Kunstwerke inspirierte, Ackerbau entwickelte, Bildung ermöglichte, Krankenfürsorge betrieb etc.
    Die täglichen Übungen der Nächstenliebe sind gewaltige positive Faktoren, die den Augen der Historiker verborgen bleiben, wenn sie nur die grossen Unternehmungen der Mächtigen beachten.

    Religionskriege
    Dass es Religionskriege gab, kann niemand bestreiten. Jedoch kann niemand, der die Geschichte studiert hat, leugnen, dass die meisten Kriege nicht religiöser Natur waren. Die religiöse Komponente wurde gewöhnlich mit irgendeiner nichtreligiösen, sozialen, ethnischen oder politischen Komponente verbunden.
    In der ersten Hälfte des 20. Jahrh. wurden mehr Menschen durch nichtreligiöse Kriege getötet als in der gesamten übrigen Menschheitsgeschichte. Mehr noch: In dieser Zeit war nicht eine religiöse, sondern die ausdrücklich antireligiöse Politik von Kommunisten verantwortlich für den Tod von Millionen von Menschen UDSSR 20 Mio; China 65 Mio, Nordkorea 2 Mio; Kambodscha 2 Mio. Die Religion war jeweils kein Faktor.
    Das bestätigt auch das IISS Internat. Inst. für Strategische Studien, dass echte Religionskriege selten sind und ein Grossteil der Gewalttätigkeit in der heutigen Welt nichts mit Religion zu tun hat. Wo Religion ein Faktor ist, wird sie zur Unterstützung anderer Anliegen herbeigezogen, welche in den meisten Fällen die massgeblichen Ursachen des Konflikts sind. Zudem wäre eine Analyse, die einen einzigen Grund unterstellen würde, eine allzu naive Vereinfachung.

    Eine soziologische Analyse
    Der englische Soziologe David Martin schrieb 2002 in „Does Christianity Cause War?“: „Ich kenne keinen Beweis, mit dem sich zeigen liesse, dass sich beim Widerstreit rivalisierender Identitäten und unvereinbarer Ansprüche der Grad der Feindseligkeit und Grausamkeit verringert hätte, wenn ein religiöser Faktor fehlte.“
    Das heisst, in der Religion geht es zunächst einmal um die Beziehung des Einzelnen zur Letzten Spirituellen Wirklichkeit. Und in dem Mass, in dem die Religion sich ganz vom Nationalstaat absetzt, wird sie oft zu einer positiven Kraft für Frieden und Versöhnung.
    Das zeigt, dass religiöse Ansichten an sich nicht Ursachen der Gewalttätigkeiten sind. Erst wenn religiöse Institutionen mit politischen Institutionen verwoben werden, kann Religion in den Dienst der Gewaltanwendung gestellt werden. Aber auch dann ist sie nur eines unter vielen anderen Identitätsmerkmalen, und welche Bedeutung sie hat, schwankt von einem Kontext zum anderen.

    Kann Religion eine Kraft für den Frieden sein?
    Es ist historisch falsch, zu sagen, dass die gewalttätigsten Konflikte religiöse Ursachen gehabt hätten oder die schlimmsten Fälle der Gewaltausschreitung religiös motiviert gewesen seien. Die Religion wirkte oft mässigend und versöhnend, und das ist ihre wahre Rolle, wie die schriftlichen Zeugnisse aller grossen Weltreligionen klar belegen. Der historische Befund zeigt ganz klar: Auch ohne die Religion gäbe es immer noch Krieg. Aber mit ihr besteht zumindest die Chance, dass die Stimme derer, die ihr Leben für keinen sichtbaren irdischen Vorteil, sondern einzig für die Sache des Guten hingegeben haben, mit grösserer Klarheit gehört wird. Mit der Religion besteht die Chance, dass zumindest an manchen Orten eine Zeit lang und in einem gewissen Ausmass das Gute auf Erden gedeiht.
    2. Teil: Sind religiöse Überzeugungen irrational?

    4. Kapitel: Glaube und Vernunft

    Grundüberzeugungen
    Manche sagen, Religion sei gefährlich, weil es sich um eine irrationale Form von Überzeugung handle. Daher sei Religion eine Gefahr für das Vernunftdenken und sie ersetze das durchdachte Eingehen auf Fakten durch blindes Annehmen einer Autorität, die absurde Überzeugungen diktiere.
    Wir müssen also klären, ob religiöse Überzeugungen als solche irrational, blind und eindeutig falsch sind. Kann es vernünftige religiöse Glaubensüberzeugungen geben?
    Eine grobe Antwort wäre, dass es offensichtlich vernünftig begründete religiöse Überzeugungen gibt. Könnte man Anselm, Thomas von Aquin, Kant, Kierkegaard, Hegel, Descartes und Leibnitz vorwerfen, irrational zu sein? Wollte man das tun, so würde man den Standard des ‚Rationalen’ unmöglich hoch ansetzen, denn diese Menschen definierten, was wir als Vernunftdenken bezeichnen.
    Manche sind der Auffassung, die einzig vernünftigen Überzeugungen seien durch naturwissenschaftliche Methoden zu erhalten. Das Problem dieser Aussage ist, dass sie sich selbst in Frage stellt. Sie lässt sich ihrerseits nicht mittels Beobachtung und Experiment beweisen. Wenn man sie ihrem eigenen Kriterium für Vernünftigkeit unterwirft, fällt sie also als nicht vernünftig durch. Und wenn diese Aussage stimmen würde, dann wären einige Aussagen auch vernünftig, die naturwissenschaftlich nicht nachprüfbar sind. So ist diese Aussage entweder unvernünftig oder falsch. Viele der wichtigsten Überzeugungen unseres Lebens sind naturwissenschaftlich nicht nachprüfbar, und dennoch halten wir uns unser ganzes Leben lang an sie (ob meine Frau mich liebt oder nicht; was moralisch richtig ist; welche Kunst gute Kunst ist; welche politischen Entscheidungen ich treffen soll; ob ich meinen Freunden vertrauen soll etc.). Es gibt tausend Dinge, die ich glaube, die jedoch nicht naturwissenschaftlich nachprüfbar sind. Eine ganze Menge davon, so hoffe ich, ist vernünftig.
    Ich kann mir keine allgemeine Regel vorstellen, die mir direkt sagen könnte, was eine Überzeugung vernünftig sein lässt. Aber ich weiss, dass einige meiner Überzeugungen für mein Leben derart grundlegend sind, dass sie die Grundpfeiler meiner gesamten Ansicht vom Leben sind. Ich habe für sie keine wirklichen Beweise. Z.B.: Es gebe für jedes Ereignis irgendeinen Grund; die Menschen sollten auch an das Wohl anderer denken; es ist angebracht angesichts der Schönheit und Komplexität der Schöpfung Staunen und Ehrfurcht zu empfinden, für die Tatsache, dass man existiert Dankbarkeit zu empfinden; Schönheit zu schätzen und Freundschaft zu geniessen. Das sind unbewiesene Grundüberzeugungen, von denen wir alle leben und die von keiner anderen Überlegung abgeleitet werden können. Wir erwerben sie uns nicht durch kritische Beobachtung.

    Drei Weltsichten
    Jeder Mensch hat eine Weltsicht. Es ist eine Sammlung von Begriffen, mit denen man seine Erfahrungen interpretiert. Es ist möglich eine Weltsicht zu haben, die sich als „gesunder Menschenverstand“ versteht. Sie besagt, die Dinge sind eben so, wie sie uns erscheinen. Was wirklich ist, finden wir heraus, indem wir alles ansehen, anfassen, riechen oder schmecken. Das ist eine ziemlich naive Sicht, die zusammenbricht, sobald man erfährt, was die Naturwissenschaften herausgefunden haben. Ganz gleich, was die Wirklichkeit genau ist. Sie ist jedenfalls nicht das, was sie unseren Sinnen erscheint.
    Eine andere Weltsicht ist die materialistische. Für sie ist die Wirklichkeit das, was die Naturwissenschaft sagt, was sie sei. Das ist uns aber nur auf dem Weg von abstrakten Theorien zugänglich. Der Materialismus ist eigentlich eine ziemlich einfache Theorie, denn er reduziert die Wirklichkeit auf eine einzige Art von Stoff. Und falls man der Auffassung ist, dass das Dasein des Menschen ungeplant, zufällig und zwecklos sei, liefert er eine Theorie, die dieses Denken bestätigt. Der Materialismus bekommt aber ein Problem, weil die Quantenphysik die Idee der Materie völlig aufgelöst hat. Es scheint auch, dass wir nicht einmal die Grundlagen der physischen Wirklichkeit richtig erfassen können. Zudem sperren sich unser Bewusstsein und unsere Bewusstseinsinhalte (Mathematik, Logik, Gefühle und Absichten) der Übersetzung in rein physikalische Begriffe. Den meisten von uns ist es offensichtlich, dass wir viele Aspekte des menschlichen Lebens in Begriffen von Absicht, Zielen und Bewertungen erklären müssen. Aber im Materialismus verschwindet dies alles. Und wenn wir glauben, die Wirklichkeit habe eine spirituelle Dimension, und dass wir bei der Suche nach Wahrheit, Schönheit und Güte etwas suchten, das real existiert, dann wird der Materialismus unserer Erfahrung überhaupt nicht genügen können.
    So ist die dritte hauptsächliche Weltsicht die des Idealismus. Aus dieser Sicht vertritt man, dass der grundlegende Charakter der Realität bewusster oder geistiger Natur sei. Unser Bewusstsein ist dann nicht nur ein Nebenprodukt des materiellen Gehirns. Auch der Idealismus hat die Tugend der Einfachheit. Der Theismus geht mit dem Idealismus darin einig, dass eine personale bewusste Realität (Gott), das Primäre und die Basis der gesamten Realität sei. Aber zugleich ist er mit dem Materialismus der Überzeugung, die materielle Welt verfüge über ihre eigene Realität, auch wenn sie letztlich von Gott abhinge.

    Die Möglichkeit, Weltsichten in Frage stellen zu können
    In der Regel neigen religiöse Sichtweisen zum Idealismus. Auch wenn sie sich sehr unterscheiden, so vertreten sie alle die Ansicht, dass die spirituelle Dimension des menschlichen Daseins, die wirklich wichtige Dimension sein. Viele Angriffe auf die Religion beruhen auf der Überzeugung, dass es keine spirituelle Dimension der Wirklichkeit gebe. Dawkins meint sogar, nur der Materialismus beruhe auf sorgfältiger Forschung und rationalem Denken, während religiöse Ansichten auf ‚blindem Glauben’ beruhen, also eine Art Sprung ins Finstere erforderten und folglich eindeutig irrational seien und nichts mit klarem Denken zu tun hätten. Da aber Ignoranz moralisch tadelnswert sei, sei religiöser Glaube moralisch schlecht. Hat Dawkins nie etwas über Philosophie gelesen? Denkt er wirklich, dass Descartes, Leibniz, Spinoza, Kant, Hegel etc. alle Einfaltspinsel waren, die nicht richtig denken konnten? Wenn man die Philosophen beachtet, kann man nicht sagen, dass eine Weltsicht allgemeine Zustimmung gefunden hätte. Einige sind Materialisten, andere Idealisten oder Theisten, die meisten würden sich einfach als Agnostiker bezeichnen.
    Sicher lassen sich Systeme auf der Grundlage des Idealismus nicht streng ‚beweisen’. Aber das Gleiche gilt auch für Systeme des Materialismus. Wer eines von ihnen vertritt, kann das letztlich immer nur auf Grund einer gedanklich anspruchsvoll gerechtfertigten Wahlentscheidung tun, von der man nie sagen kann, ob sie eindeutig falsch oder richtig ist.

    Die Legende vom Glaubenssprung
    Es gibt die Legende, dass man früher an die ‚Gottesbeweise’ geglaubt hätte, dann sei aber Kant gekommen und habe alle widerlegt. Von da an sei der Glaube an Gott bar jeder rationalen Grundlage gewesen und haben zum blinden Glaubenssprung werden müssen (Glaube als Überzeugung ohne jede Beweise verstanden).
    Zunächst war es nie ein allgemein anerkannter Gedanke, dass man bloss bei den beobachtbaren Fakten der physischen Welt anfangen müsse, um aufzuzeigen, dass ausserhalb des Universums eine intelligente Erstursache existiere. Damit wäre Gott nur wenig mehr als eine Schlussfolgerung aus beobachtbaren Fakten.
    Kant wollte eigentlich das von Leibnitz und Wolff vertretene ‚Wissen’ ausräumen, um Platz für den Glauben zu machen. Seine gesamte kritische Philosophie schreib er als Versuch, den Glauben auf eine solide intellektuelle Grundlage zu stellen, und nicht, ihn als Alternative zum intellektuellen Denken anzubieten. Glaube war für Kant ein praktisches Sichfestlegen auf Gebieten, wo theoretisches Wissen unmöglich ist, man jedoch unter dem Druck steht, eine vernünftige Wahl zu treffen. Dazu musste er aufzeigen, dass der Verstand seine Grenzen hat. Für ihn ist der Glaube etwas höchst Vernünftiges. Er ist kein Sprung ins Dunkle. Er besteht darin, seine Vernunft in Bereiche jenseits der Grenzen der empirischen Verifikation einzusetzen. Kant meinte, dass es nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine absolute Notwendigkeit sei, der Welt eine rationale und moralische Grundlage zu geben, also auf die Existenz des höchsten Guten zu setzen, also auf einen unendlich guten Gott. Auf ihn lasse sich die Vernunftgemässheit der Welt und des menschlichen Denkens, sowie die Vernünftigkeit und Verbindlichkeit der Moral gründen. Wir müssten über das Beweisbare hinausgehen, denn die Vernunft selbst zwinge uns dazu. Wenn Kant vom Glauben sprach, dachte er absolut nicht an das blinde Akzeptieren einer Autorität.

    Vernunft und Offenbarung
    Wenn es Gott gibt, ist es vernunftgemäss, irgendeine Art von Offenbarung des Charakters und der Absichten Gottes zu erwarten. Die Offenbarung kann die Vernunft erweitern, aber die Vernunft muss den Anspruch, dass etwas Offenbarung sei, immer überprüfen. Die Religion beruht also auf einer Weltsicht, die mindestens genauso vernünftig ist wie jede andere. Solche Weltsichten lassen sich nicht mit Beweisen begründen, denn sie legen selbst fest, was als gültiger Beweis angehen kann und wie der Beweis interpretiert werden soll.

    Was macht Weltsichten vernünftig?
    Es gibt ziemlich klare Kriterien, anhand derer man eine Weltsicht als verstandesmässig akzeptabel einschätzen kann. Und es gibt vernünftige Prozeduren, mittels derer sich eine Weltsicht entwerfen und verteidigen lässt.

    • Die Weltsicht sollte einen inneren logischen Zusammenhalt aufweisen.
    • Der Vergleich mit anderen Weltsichten ist für die Abschätzung der schwachen und starken Punkte notwendig.
    • Es ist notwendig, die Angemessenheit der Weltsicht im Bezug auf so viele Daten wie möglich zu erproben.

    Ein säkulares Denken kann genauso stark voller Vorurteile, Parteilichkeit und Missachtung relevanter Daten sein und ebenso intolerant und ungeduldig gegenüber seinen Gegnern, wie die engste religiöse Ansicht. Es gibt einfach keinen vernünftigen Grund für die These, der religiöse Glaube als solcher sei irrational oder nicht durchdacht. Jede solche Ansicht ist offensichtlich falsch. Ja, sie ist sogar ein besonders gutes Beispiel für irrationales Denken.
    5. Kapitel: Das Leben nach dem Tod

    Ist der Glaube an ein Leben nach dem Tod schädlich?
    Man sagt, dass diese Ansicht den Menschen dazu verleite, sich weniger ernsthaft auf das Leben im Diesseits einzulassen. Es ist schlicht geistlos, wenn man das pauschal behauptet.
    In einem gerecht eingerichteten Universum gibt es auch Strafe. Es gibt Christen, die glauben, dass Gott Menschen in die Hölle schickt, weil sie nie etwas von Jesus gehört haben. Auch wenn jemand diese Ansicht teilt, ist sie nicht gefährlich. Denn diejenigen, die sie vertreten, glauben, es sei ihre Pflicht, das Evangelium zu predigen, und sie verbinden damit die Überzeugung, dass niemand zum aufrichtigen Glauben gezwungen werden könne. Sie glauben fast nie, dass Gewaltanwendung zur Rettung von Menschen beitragen könne.
    Die Angst vor der Hölle, ist die Angst vor einer Zukunft ohne Liebe und ohne Gott. In der Religion geht es aber immer ganz wesentlich darum, die Menschen von dieser Möglichkeit zu bewahren und sie zu einem besseren Leben zu führen. Die Zielsetzung der Religion ist die Erlösung vom Bösen und der Einsatz für das Gute um seiner selbst willen. Wenn man diese Zielsetzung als gefährlich bezeichnen will, muss man dazu eine atemberaubend verkehrte Sichtweise einnehmen.

    Das Leben nach dem Tod als Motivation für moralisches Verhalten
    Ich möchte bestimmt nicht sagen, dass Atheisten unmoralisch seien, aber ich sehe keinen Grund, weshalb Atheisten sorgfältiger mit dem menschlichen Leben umgehen sollten als Theisten. Menschen, die frei von der Angst vor der Hölle sind und keinerlei Hoffnung auf den Himmel haben, verfügen über die Freiheit, nach ihrem Belieben zu handeln, ohne dafür mit Konsequenzen nach ihrem Tod rechnen zu müssen. Von daher wirkt die Ansicht höchst unplausibel, wer an ein Leben nach dem Tod glaube, sei mit grösserer Wahrscheinlichkeit zum Töten bereit. Natürlich ist es gefährlich, wenn irregeführte Individuen glauben, sie würden nach dem Tod dafür belohnt, dass sie unschuldige Menschen mit sich in den Tod gerissen haben. Aber keine der grossen religiösen Traditionen lehrt Derartiges. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod ist aber selten ein stark motivierender Faktor. Wo er existiert, ist er gewöhnlich eher eine Konsequenz aus anderen Überzeugungen. Die Religion fängt nicht mit dem Glauben an ein Leben nach dem Tod an, auch nicht mit der Angst vor dem Tod oder dem „Himmelswunsch.“ (vgl. Juden). Eine Quelle des Glaubens an ein Leben nach dem Tod ist die bereits vorher existierende Überzeugung, das Universum sei gerecht, denn das ergibt sich logisch aus dem Glauben an einen gerechten Schöpfer.
    3. Teil: Sind religiöse Überzeugungen unmoralisch?

    6. Kapitel: Moral und Bibel

    Das Problem der überholten moralischen Regeln des Alten Testamentes
    Die religiöse Moral beruht auf dem Grundsatz, dass das Leben des Menschen moralisch bedeutsam ist und es die Möglichkeit gibt, den selbstsüchtigen Egoismus zu überwinden und in Beziehung zu einem Wesen zu treten, das voller Weisheit, Mitgefühl und Glück ist und an dessen Art Anteil zu erhalten.
    Manche meinen, die religiöse Moral sei gefährlich, weil sie auf dem gedankenlosen Akzeptieren der Bibel beruhe. Sicher wäre es schlimm, wenn man gedankenlos Sätze der Bibel übernimmt (Steinigung für Ehebruch, Bannvollstreckung etc.). Dass das aber nie gedankenlos geschah zeigt auch, dass schon Thomas von Aquin die Meinung vertrat, ein gerechter Krieg müsse von einem Souverän erklärt werden und einen gerechten Grund haben; ferner müsse die realistische Aussicht bestehen, dass durch ihn das Gute gefördert oder das Böse verhindert werde. Der Krieg müsse auch mit verhältnismässigen Mitteln geführt werden. Es wurden also nicht einfach biblische Verse zitiert.
    Schon innerhalb der Bibel lässt sich eine Entwicklung feststellen. Hesekiel lehrte, dass jeder Mensch nur wegen seiner eigenen Sünden bestraft werden sollte – was den Bann ausschliesst. Der Bann ist eine schreckliche Regel, von der aber die meisten Bibelfachleute annehmen, er sei gar nie vollstreckt und erst im babylonische Exil formuliert worden. Es wäre Verleumdung, wollte man behaupten, seit der schriftlichen Codifizierung des Gesetzes habe je ein Jude ernsthaft angenommen, Gott habe in einer konkreten Situation ein Massaker befohlen.
    Ganz gleich welche Interpretation man selbst bevorzugt, es ist jedenfalls klar, dass niemand heute von Weisungen wie jener des Banns annimmt, sie hätten heute noch praktische Geltung. Immer muss man die Regeln der Bibel im Lichte der späteren Texte lesen.

    Drei Einstellungen gegenüber alten Bibeltexten

    1. Man kann diese Texte (Anweisung für den Bann) als primitive Vorstellungen sehen, die in eine Vergangenheit zurückprojiziert wurden, jedoch nie in die Praxis umgesetzt wurden und heute völlig überholt sind. Diesen Ansatz dürften die Anthropologen vertreten.
    2. Man kann annehmen, Gott habe tatsächlich eine solche Anweisung gegeben – einem damals noch moralisch primitiven Volk, als einmalige Anweisung, die heute nicht mehr gilt. Das ist eine Ansicht, die vermutlich konservative Christen vertreten.
    3. Der Bann entspricht wirklich dem Willen Gottes. Des Willens, dass der Verehrung Gottes absolut alles untergeordnet werden und in einer Schlacht auf jeglichen privaten Gewinn verzichten müsse. Aber diese Wahrnehmung wurde durch die späteren Propheten korrigiert. Diese Ansicht unterstellt, dass sich das richtige Gottesverständnis im Laufe der Zeit entwickelt hat.

    Welche Ansicht man auch immer teilt, niemand würde der Meinung sein, dass diese Anweisung heute noch Gültigkeit besitzt. Man muss eben die älteren Texte der Bibel im Lichte der neueren lesen

    Die biblische Sprache über Gott
    Die biblische Geschichte ist auch eine Geschichte der sich entwickelnden Wahrnehmung. Da gibt es unvollkommene Wahrnehmungen, aber diesen stehen die tieferen Wahrnehmungen der grossen Propheten gegenüber, die sie schliesslich umwandelten.
    Man kann die Bibel ganz buchstäblich auslegen und unterstellen, der biblische Gott sei eine unsichtbare Person, die alles, was ihr nicht gefällt, mit Erdbeben und Überschwemmungen bestraft und lange Listen von ziemlich willkürlichen Geboten erlässt, die seine Verehrer einfach fraglos annehmen müssen. Aber ein solches buchstäbliches Verständnis ist nicht der langen Tradition der jüdischen und christlichen theologischen Reflexion treu.
    So müssen wir alle anthropomorphen Vorstellungen abstreifen und wahrhaben, dass das metaphorische Sprechen über Gott eine Art und Weise des Redens davon ist, was die Menschen tun und wie sie ihr Leben im Kontext einer höchsten Wirklichkeit sehen sollten. Das ist keine moderne, modische Umformulierung der Gottesvorstellung. Sie steht in den Texten selbst und ist die einhellige Lehre grosser Theologen (Augustinus, Thomas, Maimonides und Al Gazzali). Das Verbot, sich von Gott irgendwelche Bilder zu machen, ist ein Ausdruck dieser Lehre, dass in der gesamten endlichen Schöpfung nichts so wie Gott ist. Gott bleibt der Unerkennbare jenseits alles menschlichen Verstehens. Wenn man daher vom Zorn Gottes spricht, ist das eine Weise, von der selbst zerstörerischen Wirkung des Bösen zu sprechen. Wir können von Gott nur sprechen, indem wir die Redeweise verwenden, mit der wir von der Beziehung zwischen Menschen sprechen, also nur indirekt und in Metaphern. Auch für die jüdisch biblische Meditation über Gott ist es charakteristisch, dass sie Gott eher ständig in Frage stellt, als einfach blind zu akzeptieren, was er alles sagt. Sehr oft besteht der Anfang der Weisheit in der Religion darin, dass man zwischen buchstäblicher Beschreibung und Metapher zu unterscheiden lernt und sodann lernt, dass in der Religion die Metapher die Funktion hat, die Gefühle und das Verhalten und die Sehnsüchte und Hoffnungen der Menschen zu lenken.

    Jüdische Einstellung gegenüber biblischen Gesetzen
    Ein orthodoxer Jude wird annehmen, dass Gott Mose das Gesetz gab. Aber wie das Gesetz interpretiert werden muss, das ist weithin ein Gegenstand der Diskussion. Orthodoxe Juden haben keine Schwierigkeit zu sagen, dass es im AT Regeln gibt, die wir heute als moralisch primitiv betrachten würden.
    Es wäre völlig falsch, wenn man sich vorstellen wollte, dass die Juden damals oder heute einfach auf die Regeln zeigen und sagen: „Das müssen wir tun.“

    Die Bergpredigt
    Das christliche Denken über die biblische Moral wird grundlegend von der Tatsache beeinflusst, dass die Christen die Tora als vollständiges System eines von Gott gegebenen Regelwerkes, dem man gehorchen muss, aufgegeben haben. Paulus schreibt: „Christus ist das Ende des Gesetzes.“ (Röm 10,4) und das ganze Gesetz sei in den Worten zusammengefasst: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Gal 5,14). Das moralische Ideal der Christen findet sich nicht in einem geschriebenen Text, sondern in Jesus, dem lebendigen Wort Gottes. Ihre moralische Inspiration finden sie im Blick auf Jesus. Das Christentum ist also keine Religion des geschriebenen Gesetzes, sondern eine Religion der Gnade. Christen finden die ethischen Schlüsselstellen in der Bergpredigt, und alle anderen Moralvorstellungen müssen danach beurteilt werden, wie weit sie den Ansprüchen dieser Predigt genügen.

    War Jesus moralisch vollkommen?
    Bertrand Russel wirft in seinem Essay „Warum ich kein Christ bin“ Jesus mit dem Hinweis auf die Tempelreinigung, moralische Unvollkommenheit vor. Jesus sei intolerant gewesen und richtend.
    Zum Tempel: Sollen wir annehmen, die Anwendung massvoller Gewalt, um Unerwünschte aus unserem Eigentum zu vertreiben, sei immer falsch?
    Intolerant gegenüber den Pharisäern? Es ist eine sehr merkwürdige Vorstellung von moralischem Gutsein, wenn es dazu gehören soll, dass man Heuchler und Betrüger, die die Religion und Moral pervertieren, nicht scharf kritisieren darf.
    Ist die Androhung der Hölle böse? Falls es ein göttliches Gericht gibt, muss diese Tatsache erwähnt werden, mag das schädlich sein oder nicht. Beim Evangelium geht es ja gerade darum, der Hölle zu entkommen und die Schuld zu vergeben. Es dient nicht dazu, den Menschen zu sagen, sie kämen in die Hölle, sondern, ihnen zu sagen, wie sie es anstellen sollen, um nicht in sie zu kommen. Es gibt keine stichhaltigen Einwände gegen die Vorstellung, Jesus sei moralisch vollkommen gewesen. Das Leben Jesu war ein Leben aus dem Gebet, des ständigen und ungeteilten Achtens auf seinen Vater im Himmel und der Hingabe an den Willen des Vaters. In diesem Umstand, dass die absolute Mitte das Gebet war, liegt das Geheimnis seines moralischen Lebens.

    Das religiöse Gesetz und seine Interpretation
    Das Christentum ist überhaupt keine Religion, die auf einem von Gott offenbarten Gesetz beruht, und von daher ist es ganz besonders unangemessen, sich vorzustellen, es sei möglich, moralische Probleme einfach damit zu lösen, dass man dafür alte biblische Gesetze zitiert. Im Christentum bezieht man sich immer auf die Person und die Lehre Christi als dem Kriterium, an dem alle biblischen Lehren zu messen sind. Gefragt sind hier ein einfühlsames Beurteilen, eine ausgewogene Interpretation der Person Jesu und ein grosses Stück weit persönlicher Entscheidung darüber, wie bestimmte allgemeine moralische Grundsätze auf konkrete Fälle anzuwenden sind. Mit anderen Worten: Christliches moralisches Argumentieren besteht darin, dass man vernünftig begründet, worin im Licht des Lebens Jesu, die beste Art und Weise besteht, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben.
    Dabei wird es unvermeidlich immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten kommen, aber man sollte zumindest anerkennen, dass dabei Entscheidungen getroffen, Argumente angeführt und Gründe genannt werden.
    Was die grossen Traditionen angeht, so sind ihre Methoden der moralischen Urteilsbegründung derart weithin anerkannt, dass deren Vertreter auf der ganzen Welt von den Regierungen vieler wichtiger Staaten regelmässig zu moralischen Fragen konsultiert werden. Die religiöse Moral wird nicht als gefährlich betrachtet, sondern als Quelle für das moralische Denken geschätzt
    7. Kapitel: Moral und Glaube

    Eine nichtreligiöse Moralvorstellung
    Viele vertreten die Meinung, dass Religion für Moral irrelevant sei – Moral sei nicht von Religion abhängig.
    Meine Meinung ist, dass Moral, die auf Religion zurückgeht, irgendwie vernünftiger ist. Ich meine aber nicht, dass Religiöse moralischer seien oder dass man religiös sein müsse, um moralisch handeln zu können. Ich glaube aber, dass Religion eine stärkere Rechtfertigung für gewisse Werte liefert.

    Wenn meine Überzeugungen genetisch programmiert sind, kann ich vermutlich nicht viel dagegen unternehmen. Aber was wäre, wenn ich ein gewisses Mass an Freiheit besässe und Kontrolle über meine Überzeugungen gewinnen könnte? Nun stellt sich die Frage, was setzte ich an die Stelle der genetisch bedingten Überzeugungen. Vernünftig erscheint mir nun, das zu tun, was meine Wünsche befriedigt (die ja nicht alle Selbstsüchtig sein müssen). Nun auch unsere Wünsche dürften im hohen Grade genetisch begründet sein.
    Ich muss nun Handlungsprinzipien entwickeln, die gegenseitiges Vertrauen ermöglichen, da ich ja in der Umsetzung meiner Wünsche oft auf andere angewiesen bin. So werden moralische Regeln aus Übereinkünften mit anderen geboren. Da diese Übereinkünfte lebensnotwendig sind, müssen sie durch Sanktionen bekräftigt werden.
    Evolutionspsychologie kann uns sehen helfen, warum wir welche Grundwünsche haben und kann uns helfen, nicht zu grosse Erwartungen in die Menschen zu setzen.

    Vernunft und Wunschbegehren
    Die Evolutionspsychologie neigt dazu, die Hypothese aufzustellen, das Pflichtgefühl oder Gewissen, sei nichts anderes als ein Zwang, der genetisch programmiert sei (das Gefühl des „Sollens“ sei nur eine von den Genen verursachte Überzeugung). Gesetzt den Fall ich wäre in der Lage der Tyrannei dieser Programmierung zu entkommen, dann würde aber daraus folgen, dass es vernünftig wäre, das zu tun.

    Kann Gutsein objektiv existieren?
    Die Moral hat eine solidere Grundlage, als sie allein das Wunschdenken liefern kann. Sie beruht für viele Menschen auf der impliziten Überzeugung, die Ideale der Wahrhaftigkeit, Schönheit und Güte seien etwas „Objektives“ und „Verpflichtendes“. Sogar Sartre kam angesichts hungernder Kinder in Algerien zur Ansicht, dass Moral doch in gewissem Sinn etwas Objektives sei. Wir können einfach nicht in voller Freiheit selber beschliessen, dass das, was immer wir gerade wollen, gut sei.
    Ich bezweifle nicht, dass die Moral auch ohne Glauben auskommen kann. Aber wenn intelligente Menschen anfangen, die Grundlagen der Moral in Frage zu stellen (zu fragen, was Gutsein eigentlich ist) dann erhält das eine vitale Bedeutung.
    Aber vielleicht stimmt es ja, was grosse Philosophen seit Platon vertreten hatten: dass die Realität ihrem tiefsten Wesen nach spiritueller und nicht materieller Natur sei. Vielleicht sind Wahrheit, Schönheit und Güte tatsächlich Wesenseigenschaften der Dinge und gründen auf einer spirituellen Wirklichkeit von höchster Wahrheit, Schönheit und Güte, aus der der ganze materielle Kosmos hervorging.

    Der buchstäbliche und der tiefere Sinn
    Biographisches: Einige religiöse Ansichten konnte ich nicht annehmen (Gott erlasse Gebote, denen man auch gegen das Gewissen gehorchen muss ...). Aber die Ansicht, es gebe ein höchstes Gutes und eine Kraft, die den Menschen zum Guten helfe, und dass das Gute am Ende über das Böse siegen werde, dass also die Bemühungen der Menschen nicht vergeblich seien, bot eine gute Grundlage für moralisches Handeln.
    Man kann die Moral nicht einfach damit begründen, dass man sich auf die Bibel bezieht, ebenso geht das nicht, wenn man sich nur auf die Natur des Menschen und seine Wünsche bezieht. Jesus selber lehrte, dass Heilen, Vergeben und Versöhnen wichtiger sei, als das Einhalten von Geboten um ihrer selbst willen.
    Zentral für die christliche Sicht der Moral ist der Gedanke, dass traditionelle Regeln in Frage gestellt und Gesetze von späteren Einsichten her aufgehoben werden können, und dass aus den Texten die grundsätzlicheren Prinzipien erschlossen und auf neue Weise umgesetzt werden können. Zuweilen kann sogar die beste Auslegung eines Gesetzes die sein, ihren buchstäblichen Sinn aufzugeben.

    Religion und wahrer Humanismus
    Das Anliegen, dass alle Wesen gedeihen sollten, wurde in das Moralprogramm der meisten Religionen aufgenommen, und es ist die Religion, die uns helfen kann, uns auf den Weg zu einer wirklich humanen Gemeinschaft zu machen. Denn zur humanistischen Dimension fügt die Religion eine eigene Begründung dafür hinzu, weshalb man sich für die Freiheit und Würde der Menschen einsetzen sollte. Sie schenkt den festen Glauben, dass moralisches Handeln nie nutzlos sei, und vertritt, es sei Tatsache, dass das Gute objektiv existiere. Für Glaubende ist die Moral ein Bestandteil einer von Liebe geprägten Beziehung zum Schöpfer und nicht nur eine Sache gesellschaftlichen Übereinkommens. Eine immer grössere Wertschätzung von Liebe, Schönheit und Wahrheit ist das Ziel Gottes, und es ist daher in der Struktur des menschlichen Lebens angelegt, so dass die Menschen nur dann ihr wahres Glück finden, wenn sie sich um das Gute bemühen. Diese Ideale finden am Ende ihre Erfüllung in der Schau Gottes. Es geht also nicht um den nüchternen Gehorsam, sondern um eine lebendige Beziehung zu Gott. Der Glaubende tut das Richtige, weil ihn die Vision Gottes ergriffen hat, ein Schimmer der Schau Gottes. Von da an ist das Leben eine Suche nach einer klareren, volleren Schau der Güte. Man gehorcht dann Gott, weil man ihn liebt. Die Gebote sind Anweisungen, die uns sagen, was wir tun müssen, um Gott immer intensiver erkennen und lieben zu können.
    Zwischen einer Moral, die man als Notwendigkeit zur Erhaltung der sozialen Stabilität betrachtet und jener, die man als Weg zur Vereinigung mit Gott versteht, liegen Welten.
    Einen Gott, der uns mit der Hölle Angst macht, damit wir seine willkürlichen Gebote befolgen, gibt es nicht. Das ist der Gott kranker Geister.
    In einem atheistischen Credo erscheinen Werte als rein persönliche Vorlieben oder im Laufe der Evolution einprogrammierte Überlebenstechniken, die man eventuell zu eigenen Vorteil ausschalten kann.
    Wenn z.B. Wahrheit nur eine persönliche Option ist, sollte ich doch eigentlich keine Reue empfinden, wenn ich gegen sie verstosse. Mein Argument, die Moral auf Religion zu gründen, ist, dass mir die Existenz eines höchsten Wesens, das definiert was Gutsein bedeutet, als stabilste rationale Begründung der Moral erscheint. Dennoch müssen auch Glaubende sich auf das Argumentieren darüber einlassen, was in einer sehr zwiespältigen Welt die Liebe erfordert.
    Aus meiner Sicht ist der säkulare Humanismus auf schwankenden Grund gebaut, da es in ihm keinen objektiven moralischen Anspruch, kein objektives Heilmittel gegen die menschliche Schwäche, keine objektive Hoffnung darauf gibt, dass am Ende Tugend und Glück sich durchsetzen werden. Mir liegt ganz und gar nicht daran, die säkulare humanistische Moral abzutun, aber in meinen Augen fehlen ihr die Tiefe, Vision und Kraft einer Moral, die sich auf den Glauben an die objektive Existenz von Schönheit und Güte gründet sowie auf die Möglichkeit, dass das Leben der Menschen zur Erfüllung gebracht werden kann, indem sie Anteil am göttlichen Willen nehmen. Erasmus meinte schon, dass der Humanismus als Glaube an die Würde und den einmaligen Wert des Lebens nicht wirklich überleben kann, ohne mit irgendeiner Form des Glaubens an einen höchsten personalen Gott verbunden zu sein, der der Menschheit ihre Würde und Hoffnung schenkt.
    8. Kapitel: Die Aufklärung, das liberale Denken und die Religion

    War die Aufklärung das Zeitalter der Vernunft?
    Manche behaupten, dass der Verfall der Religion seit dem 16. Jahrh. eine Befreiung von Angst und Aberglauben gebracht habe, und damit den Sieg der Vernunft, beruhend auf dem rationalen Ansatz der Naturwissenschaften.
    Das ist aber eine merkwürdige Deutung der Geschichte Europas vom 16. bis ins 20. Jahrhundert. Diese Zeit war doch geprägt durch: aggressive Nationalismen (bis hin zu den zwei Weltkriegen), wiederholten revolutionären Konflikten (1789 der Fall der Bastille brachte auch die Guillotine; die Freiheit trug ein Gewehr und die Vernunft watete im Blut), der Versklavung der Menschen. Naturwissenschaft und Technik machten zwar grosse Fortschritte, aber oft ging es nur um effektivere Waffen oder darum, die Welt politisch und wirtschaftlich zu beherrschen.
    Es geht nicht darum die Aufklärung schlecht zu machen. Sie brachte Glaubensfreiheit, Freiheit zum kritischen Forschen, das Wachsen naturwissenschaftlichen Verstehens etc. Aber ich möchte die Behauptung bezweifeln, dass man vom religiösen Aberglauben zum Vernunftdenken gekommen sei. Die Barbarei hat nicht abgenommen. Wo die Religion abgeschafft wurde, war das, was an ihre Stelle trat, in einem noch nie da gewesenen Mass grausam und inhuman. Wenn es Bewegungen zur Abschaffung der Sklaverei, zur Ausrufung der universellen Menschenrechte, zur Einschränkung des Waffenhandels, zur gesetzlichen Regelung der Arbeitsbedingungen gab ... dann spielten religiös inspirierte Menschen eine führende Rolle. Ich will aber nicht sagen: „Religion ist gut, Säkularismus ist schlecht“ – ich möchte nur deutlich machen, dass der Satz „Religion ist schlecht, Säkularismus ist gut“ ebenso absurd ist.

    Religion und Vernunft
    Zu den energischsten Verfechtern der Vernunft im philosophischen Denken gehörten Anselm und Thomas. Sie waren der Überzeugung, da Gott das Universum geschaffen hatte, müsse das Universum rational sein. Daher ist es kein Zufall, dass die moderne Naturwissenschaft in einer grundsätzlich christlichen Gesellschaft Wurzel fasste. Kopernikus, Kepler und Newton formulierten Naturgesetze aus dem Glauben heraus.
    Eine wichtige Kraft in der Naturwissenschaft ist die Überzeugung, es gebe in der Natur verständliche, elegante und mathematisch schöne Gesetze - so muss es nicht unbedingt sein – es sei denn, es gibt einen höchst rationalen Schöpfer.
    In der Aufklärung lehnte man aber oft die Reichweite der Vernunft ab: Man begrenzte sie auf die Rolle, die von den Sinnesorganen gelieferten Daten zu sortieren. Oder man degradierte sie zur „Sklavin der Leidenschaften“ (Hume).

    Positive und negative Freiheit
    In seinem berühmten Essay „Two Concepts of Liberty“ formulierte Isaiah Berlin das Konzept der „positiven Freiheit“ (Freiheit zur Selbstentfaltung). Er stellte dem die „negative Freiheit“ (Freiheit von Einmischung) entgegen. Er äusserte die Vermutung, dass erst seit der Reformation das Recht, anderer Meinung zu sein, seine eigene Religion zu praktizieren, an Bedeutung gewann.
    Eigentlich war die Gewissensfreiheit immer ein Grundprinzip des christlichen Denkens, das allerdings oft von den paternalistischen Vorstellungen getrübt wurde, man müsse die Wahrheit schützen oder schlechte Entscheidungen unterbinden. Das ist aber nicht nur ein religiöses Prinzip. Alle Gesellschaften unterwerfen die Menschen irgendwelcher Zensur.
    Worum es mir hier geht, ist der Hinweis, dass die moderne Vorliebe für liberale demokratische Gesellschaften nicht in Opposition zur Religion entwickelt wurde – so als hätte man die Autorität eines blinden Glaubens gestürzt.
    In Wirklichkeit hatte der Impetus in Richtung Liberalismus religiöse Wurzeln. Er brach schon in den frühesten Tagen des Christentums auf.
    In den theistischen Religionen gibt es den subversiven Zug, dass sie den Monarchen einschärfen, sie müssten sich vor Gott verantworten – womit eine absolute Monarchie ausgeschlossen ist.
    Nach Berlin könnte man die (positive) Freiheit so verstehen, dass es nur eine einzige Art gibt, wie alle Menschen leben sollten, also eine Hierarchie der Werte, an die sich alle halten müssten. Wenn das so wäre, könnte eine Gruppe behaupten, sie wüsste, wie die Ideale aussehen. So wird Freiheit rasch zur Tyrannei (vgl. Platon Der Staat).
    Bis 1864 war das die Auffassung der kath. Kirche – sie verurteilte den Liberalismus zugunsten ihres paternalistischen Glaubens. Aber nicht nur die Kirche tat das. Auch Hobbes und Hegel waren dieser Meinung.
    Es ist jedoch durchaus möglich, zu glauben, dass es eine moralisch richtige Lebensart gibt, ohne dass man diesen Glauben anderen auferlegt. Ja, es gibt gute Gründe für die Annahme, dass Zwang in der Religion nicht funktionieren kann, da er eher zur Heuchelei als zu echtem Glauben führt.

    Die Begründung des Liberalismus in Religion und Politik
    Das Falsche am Paternalismus ist, dass Väter intellektuell und moralisch unvollkommen sind. Und wer auf Herrschaft aus ist, ist mit grosser Wahrscheinlichkeit dafür anfällig, von Ehrgeiz und Machtgier verzehrt zu werden. Daher müssen die meisten Menschen eher vor ihren Herrschern geschützt werden. Man entdeckte auch, dass es auf dem Gebiet der Moral, Politik und Religion nur wenig Gewissheiten gibt, sondern ein grosses Meinungsspektrum. Gottes Worte mögen in sich eine absolute Gewissheit bergen, aber Überzeugungen, dass Gott bestimmte Dinge eindeutig so und so gesagt hat, sollte man immer mit Misstrauen begegnen oder zumindest nicht mit fragloser Leichtgläubigkeit.
    Die Gründe dafür, dass Glaubensüberzeugungen nicht einfach nur auf Autorität beruhen sollten, sind die Folgenden:

    1. Vertretbare Überzeugungen sind eine stärkere Grundlage als blosse Autorität.
    2. Autoritäten laufen leichter als gewöhnliche Menschen Gefahr, der Versuchung zu Macht und Eigenwilligkeit zu erliegen.
    3. Es gibt zu vielen wichtigen Themen ein breites Spektrum vernünftig vertretbarer Überzeugungen. Daher ist es zweifelhaft, wenn eine Instanz den ausschliesslichen Anspruch darauf erhebt, dass ihre Lehre die einzig wahre und sichere sei.

    Das führte zu der gemässigten liberalen Behauptung, dass man anderen niemals gegen ihren Willen bestimmte Überzeugungen auferlegen darf. Es muss die Freiheiten geben, seine eigene Meinung zu haben, sie zu äussern und sich darüber mit anderen zusammenzuschliessen. Der Preis einer solchen Freiheit ist, dass Vorstellungen, die die meisten Menschen für nicht wünschenswert halten, ins Kraut schiessen können. Die einzig angemessene Antwort auf solche Ansichten besteht darin, Beweise vorzutragen und sich auf die offene Diskussion einzulassen. (Dawkins zog es stattdessen vor, sie lächerlich zu machen.)

    Vernunft, Leidenschaft und die Aufklärung
    Ich möchte nicht behaupten, dass es ausschliesslich religiöse Überzeugungen waren, die zu den Idealen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit führten. Aber ich bin der Überzeugung, dass die religiösen Grundansichten der Reformation positiv dazu beitrugen. Es war nicht so, dass der Liberalismus eine säkulare Bewegung gewesen war, die einer widerstrebenden Religion aufgezwungen wurde. Vielmehr war das eine im religiösen Denken wurzelnde Bewegung, deren Spuren sich bis aufs NT zurückführen lassen.
    Es stimmt auch nicht, dass die Aufklärung in Europa eine antireligiöse Bewegung war, die anstelle der Autorität die Vernunft gesetzt hätte. Im Gegenteil: Die Religion ist die Instanz, die die Vernunft dagegen in Schutz nimmt, vom hemmungslosen Skeptizismus der radikalen Aufklärung zersetzt zu werden.
    Während einige Denker der Aufklärung darauf aus waren, die Vernunft zur Sklavin ihrer Leidenschaften zu machen, sollte der religiöse Glaube danach trachten, die Leidenschaften nicht zur Sklavin, sondern zur Dienerin der Vernunft zu machen. Dabei geht es um die Sorge um das Wohlergehen aller Geschöpfe.
    4. Teil: Ist Religion eher schädlich oder nützlich?

    9. Kapitel: Richtet die Religion im persönlichen Leben mehr Schaden als Nutzen an?

    Fragen aus psychologischer Sicht
    Bislang bestand meine These darin, dass der Glaube an Gott oder ein objektives, den Menschen übersteigendes moralisches Ideal, dem sich die Menschen ungeteilt verschreiben können, vollkommen vernünftig sei. Es ist dabei nicht notwendig, dies von eindeutigen Beweisen herleiten oder als öffentlich nachprüfbar vorstellen zu können. Die Vorstellung, der vernünftige Glaube an Gott hänge von solchen Beweisen ab, beruht darauf, dass man in falschen Kategorien denkt und unter Vernunft etwas Falsches versteht. Der Glaube an Gott ist wie der Glaube an letzte moralische Werte, an die Einheitlichkeit der Natur oder an die Würde der menschlichen Natur eine Grundüberzeugung, ein Postulat der Vernunft, das seine Verifizierung von daher bezieht, dass es eine brauchbare, fruchtbare, innerlich stimmige und umfassende intellektuelle Erklärung aller unterschiedlicher Erfahrungen und Wechselfälle des menschlichen Lebens bietet.
    Aber ist der religiöse Glaube im persönlichen Leben schädlich?

    Glaube und Glück
    Es gibt genügend relevante soziologische Untersuchungen, die Daten über die wahrgenommene Beziehung zwischen religiösem Engagement und persönlichem Glück liefern. Eine bekannte Gallupumfrage zeigt, dass spirituell engagierte Menschen in den USA mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit aussagen, sie seien glücklich. Andere Daten zeigen, dass hohe Religiosität (wenigstens zweimal wöchentlicher Kirchenbesuch) ein deutlich geringeres Risiko für Depressionen, Drogenmissbrauch, Selbstmord mit sich bringt. Ein Standardwerk, das 2000 veröffentlichte Experimente ausgewertet hat, fand, dass religiöse Menschen durchschnittlich länger leben und körperlich gesünder sind als die Nichtreligiösen. Bei jüngeren religiösen Menschen findet man weniger Alkoholmissbrauch und Straftaten. Ganz allgemein gesagt: Religion ist gut für ihre Gesundheit.
    Ähnliche Ergebnisse fand man nicht nur in den USA, sondern auch in anderen Ländern – erstaunlicherweise auch in China.
    Es ist aber auch offensichtlich, dass Religiosität nicht immer Glück hervorbringt. Aber wenn man alle Umfrageergebnisse in Betracht zieht, wird klar, dass Religion nicht auf Angst und Schrecken gründet. Im Gegenteil: Das Verhältnis der meisten Menschen zu ihrem Gott ist positiv und steigert ihr Glück und ihr Gefühl der Sicherheit. Diese Resultate genügen zur Widerlegung jeglicher Behauptung, dass sich Religion meistens von den Ängsten und Schuldgefühlen der Menschen nähre.
    Deutung der Resultate: Zugehörigkeit, Hoffnung; Selbstwertsteigerung; etwas Wertvolles besitzen, für das es sich lohnt sein Leben einzusetzen; Verstärkung vieler positiv sozialer Tugenden wie Vergebungsbereitschaft, Demut und Dankbarkeit.
    Damit ist aber nicht erwiesen, dass religiöse Überzeugungen wahr sind. Es zeigt aber, dass Religion im Allgemeinen für das Glück förderlich ist. Sie ist alles andere als eine Krankheit oder ein Faktor, der lebensuntauglich macht.

    Glaube und Altruismus
    Auch für diese Frage gibt es viel veröffentlichtes Material. Man kann sagen, dass sich der religiöse Glaube im Allgemeinen positiv verstärkend auf das moralische Engagement auswirkt. Bei den Spenden für wohltätige Zwecke fand man heraus, dass 24% einer Bevölkerungsgruppe 48% der Spenden aufbrachten.
    Marxistische Unterstellungen, die Religion sei einfach nur eine Kraft zum Erhalt sozialer Ungleichheiten und diene dazu, die Armen mit dem Gedanken glücklich zu halten, es erwarte sie nach dem Tod eine Belohnung, werden von diesen Daten nicht bestätigt (vgl. Polen).
    Was kontroverse Themen (Homosexualität, Gentechnik) angeht, scheint es so zu sein, dass der religiöse Glaube eher allgemeinere soziale Trends widerspiegelt. Die Vorstellung ist also falsch, dass säkular Eingestellte die Homosexualität zuliessen und religiös Glaubende nicht.
    Ich will hier aber nicht sagen, Gläubige seine moralisch besser. Was ich sage und was die Daten belegen, ist, dass insgesamt gesehen der religiöse Glaube ein starker Antrieb für moralisches und altruistisches Verhalten ist. Daten zeigen aber auch, dass der religiöse Glaube mit einem stärkeren Mass an Intoleranz oder Vorurteilen verbunden ist. Das ist eine unbequeme Wahrheit, mit der die Religion klar kommen und der sie entgegenwirken muss.
    Nimmt man aber alle verfügbaren Daten, dann kann man nicht mehr sagen, dass Religion eine Kraft zum Bösen sei. Ihre Rückschläge und Mängel haben ungefähr jenen Umfang, von dem die Evolutionspsychologie sagen würde, er sei bei einer gesellschaftlichen Institution zu erwarten, die für die meisten Gesellschaften langfristig von Vorteil gewesen sei. Die Religion muss noch in vielerlei Hinsicht reformiert werden. Aber sie ist alles andere als sozial schädlich, sondern hat eine wünschenswerte Rolle in der menschlichen Gesellschaft.

    Glaube und Geisteskrankheit
    Ist Religiosität so etwas wie eine Zwangsneurose (Freud)? Es gibt keinen Beweis, dass Religion eine Art von psychischer Erkrankung oder eine signifikante Ursache psychischer Erkrankungen sei, oder dass religiöse Gläubige eine höhere Anfälligkeit diesbezüglich hätten. Im Gegenteil: Es wird in zunehmendem masse anerkannt, dass Religion einen positiven Beitrag zum persönlichen Wohlbefinden leisten könnte.
    Für Glaubende ergeben sich aus den Studien zwei sehr wichtige Punkte: Der eine ist, dass man psychische Erkrankungen nie mit spirituellem Scheitern oder Mangel an Glauben verwechseln darf. Der andere ist, dass abgesehen von der Krankheit eine positive Beziehung zu Gott für das Wohlbefinden und Glück des Menschen eher förderlich ist. Die Religion existiert nicht um Menschen gesund zu machen. Sie ist dazu da, um das Leben der Menschen vom Bösen zu befreien und sie in Beziehung zu einer Wirklichkeit zu bringen, die von höchster Weisheit ist, voller Mitgefühl und die Quelle des Glücks. Man sollte sie im Falle einer Erkrankung nicht als magischen Ersatz für medizinische Betreuung ansehen.

    Glaube und Wahnvorstellungen
    Die Behauptung, der religiöse Glaube als solcher sei eine Wahnvorstellung, ist nicht plausibel. Im Oxford Companion to Mind wird die Wahnvorstellung definiert als eine „fixe, eigenwillige, in der Kultur des Betreffenden unübliche Überzeugung.“ Es handelt sich dabei eindeutig um eine falsche Meinung, insbesondere als Symptom einer psychischen Krankheit. Eine Wahnvorstellung ist eine so offensichtlich falsche Überzeugung, dass sie alle vernünftigen Menschen für falsch halten. Der Glaube an Gott unterscheidet sich davon stark. Die meisten Philosophen haben an Gott geglaubt und bei ihnen handelte es sich um einigermassen vernünftige Menschen.
    Wie lässt sich psychisches Kranksein definieren? Ein psychisch kranker Mensch ist unfähig, effizient seine alltäglichen Pflichten zu erfüllen. Er kann keine normalen sozialen Beziehungen pflegen oder auf normale Weise mit anderen Menschen in Beziehung treten.
    Normal zu handeln heisst, in der Lage zu sein, allgemein akzeptable Gründe für seine Handlungen angeben zu können, die für die betreffende Aktion relevant sind. So ist z.B. das Essen, weil man hungrig ist, vernünftig. Aber wenn man zwanghaft isst, weit über die Notwendigkeit des Überlebens hinaus, kann das pathologischer Natur sein. So sind die allgemeinen Kriterien für eine psychische Erkrankung die Unfähigkeit, normal zu funktionieren, und die Unfähigkeit, Gründe für seine Handlungen anzugeben, die den meisten Menschen plausibel erscheinen.
    Alles, was man zur Widerlegung der Behauptung braucht, der Glaube sei eine Wahnvorstellung, ist ein einziges klares Beispiel eines Menschen, der einen hohen Grad an rationaler Denkfähigkeit an den Tag legt, alle Alltagsangelegenheiten des Lebens hervorragend bewältigt, dessen Glauben ihn offensichtlich befähigt, gut und glücklich zu leben, und der seine Glaubensüberzeugungen vernünftig und logisch zusammenhängend erklären kann. Es gibt Tausende von Glaubenden dieser Art, darunter einige der fähigsten Philosophen und Naturwissenschaftler der heutigen Welt.
    Es ist ein Merkmal des Vernunftdenkens, dass man akzeptiert, dass viele unserer wichtigsten Überzeugungen anfechtbar sind (in Politik, Religion, Ethik). Es ist ein Zeichen der Irrationalität, wenn jemand eine solche Vielfalt der Meinungen zu akzeptieren sich weigert und darauf besteht, dass seine eigene Meinung offensichtlich für alle wahr sei – trotz des offensichtlichen Beweises, dass das Gegenteil der Fall ist.

    Glaube - eine Fehlfunktion des Gehirns?
    Zuweilen wird behauptet, Religion, sei nur ein Nebenprodukt der Gehirntätigkeit. Diese produziere Illusionen, die in der menschlichen Vorgeschichte nützliche Überlebensmechanismen gewesen seien, heute aber eher kontraproduktiv wirken.
    Manche Naturwissenschaftler stellen angesichts der neuen Entdeckungen gewagte Hypothesen auf. F. Crick (in The Astonishing Hypothesis 1994) behauptet, dass „Sie selber, ihre Erinnerungen, Gefühle einer persönlichen Identität und des freien Willens in Wirklichkeit nicht mehr sind als das Verhalten einer ungeheuer grossen Ansammlung von Nervenzellen und den mit ihnen verbundenen Molekülen.“ Er gibt zwar zu, dass diese Hypothese über alle Beweise hinausgehe, dass aber ihre Annahme für das Verständnis des Menschen grossen Gewinn bringe. Das gleicht stark einer religiösen Hypothese. Nun ist aber Cricks Hypothese genauso von der Gehirntätigkeit verursacht wie der Glaube an Gott. Nimmt man beides als reine Gehirntätigkeit, dann besteht kein Grund, zwischen einem von beiden zu wählen. Wie können wir wissen, welche Behauptung wahr ist? Natürlich nur dadurch, dass wir vernünftig nachdenken, und nicht dadurch, dass wir das Gehirn weiter erforschen.
    Was zeigt also die Hirnforschung? Sie zeigt die physische Grundlage der Überzeugungen, Gefühle, Erfahrungen und Gedanken, die wir haben, und zeigt, dass sich manches ändert, wenn man die physische Struktur verändert. Was sie nicht zeigt, ist, welche Überzeugungen oder Gefühle wir ändern sollten oder ob wir sie ändern sollten.
    Was die Neurowissenschaften nicht können, ist, zu beweisen, dass ein religiöser Glaube und ein entsprechendes Verhalten nichts mehr seien als ein Nebenprodukt der Gehirntätigkeit. Könnten die nahezu universalen Tendenzen, an eine übernatürliche Wirklichkeit zu glauben, nicht genau deshalb überlebt haben, weil sie die Wirklichkeit reflektieren?
    Es ist eine ganz und gar plausible Hypothese, dass die Menschen aus dem Grund Aussagen über die Existenz eines Gottes für wahr halten, weil diese die Grundlage für die kohärenteste, fruchtbarste und angemessenste ganzheitliche Interpretation der Daten der menschlichen Erfahrung liefern.
    Auch wenn religiöse Überzeugungen, wie alle anderen Überzeugungen auch, von bestimmten Prozessen im Gehirn verursacht werden, können sie, wie viele andere Überzeugungen, ebenso wahr sein.
    10. Kapitel: Was hat die Religion Gutes bewirkt?

    Zur Verdammung der Religion
    Es wurde behauptet, die Religion sei eine der destruktivsten Kräfte. Auch für die Politik könnte man das gleiche sagen. In Russland und Kambodscha wurden Millionen von Menschen im Namen politischer Ideologien umgebracht. Ginge es uns nicht auch in einer Welt ohne Politik besser? Sogar die Wissenschaft, die man für die neutrale Suche nach Wahrheit hält, produziert entsetzliche Massenvernichtungswaffen. Ginge es uns nicht auch in einer Welt ohne Wissenschaft besser?

    Weltreligionen
    Was die Menschen brauchen, ist nicht das Ende der Religion, sondern eine ausgereifte Vorstellung davon, was gut ist, und eine vertiefte Wahrnehmung des Spirituellen als des Bereichs des höchsten Guten. Im Verlaufe ihrer Entwicklung bildeten die Religionen eine solche Vorstellung eines einzigen Wesens oder Zustands höchster Güte heraus und erklärten, in der bewussten Beziehung zu diesem höchsten Guten liege die wahre Erfüllung des Menschen. In den Überlieferungen der wichtigsten Weltreligionen nahm diese Vorstellung unterschiedliche Formen an.
    Es folgt eine Einführung in die Gedanken des Judentums, Christentums, Islams, Hinduismus und Buddhismus (nicht zusammengefasst).

    Unterschiede in der Religion
    Bei den verschiedenen religiösen Wegen geht es immer um die Überwindung von Egoismus, selbstsüchtigem Begehren, Hass, Habgier ... und sie führen den Menschen in einen Zustand des Glücks, der Weisheit und des Mitgefühls. Es bedarf schon einer ganz eigenen Verwirrung, wenn man solche Traditionen als schädlich bezeichnet.
    Allerdings könnte der Eindruck entstehen, dass sich die Unterschiede zwischen den Religionen schädlich auswirken, weil sie zu Konflikten führen. Aber viele Konflikte zwischen Religionen haben ihre Ursachen nicht in religiösen Überzeugungen, sondern in den persönlichen Unzulänglichkeiten der Glaubenden, die damit ihre religiösen Überzeugungen anstecken. Auf jeden Fall ist die Religion nicht die einzige und auch nicht die Hauptursache von Konflikten. Verschiedene religiöse Ansichten führen erst dann zu Konflikten, wenn auch noch wirtschaftliche oder soziale Faktoren ins Spiel kommen.
    Auch können Konflikte entstehen, weil man unterschiedliche Moralvorstellungen hat. Dennoch würde niemand sagen, Moral an sich sei gefährlich. Wichtig ist, die rechten moralischen Ansichten zu haben. Doch eine neutrale Beurteilungsmöglichkeit hiervon gibt es nicht.
    Manche Ablehnung der Religion ist in Wirklichkeit eine Ablehnung der moralischen Ansichten, die eine bestimmte religiöse Institution vertritt. Aber die Religion als solche, ist nicht mit den moralischen Ansichten gleichzusetzen. Zutreffend wäre es zu sagen, dass manche religiöse Menschen Ansichten haben, denen man widerspricht. Ob diese Ansichten schädlich sind, ist eine Frage der moralischen Überzeugung, nicht eine klare Tatsache.
    Es ist ein grosses positives Gut der Religion, dass sie Fragen über die Bedeutung des menschlichen Lebens und die richtige Lebensart wach hält, auch die Frage, ob es ein höchstes Ziel gibt und wie man das erreicht, ebenso ob es trotz Zwiespältigkeiten des Lebens, einen Standard für Wahrheit, Schönheit und Gutsein gibt. „Ein Leben, das man nicht überprüft, ist nicht lebenswert.“ (Platon) Religiöse Überzeugungen sind Antwortvorschläge. In diesem Sinne ist Religion ganz bestimmt etwas, das das menschliche Leben lebenswert macht.

    Was Religion heute tun muss
    Sie muss offen und ansprechbar sein für alles, was zur echten Ehrfurcht für das höchste Gut und zur wahren Erfüllung der Menschen beiträgt. Sie muss voll und ganz die moralischen und naturwissenschaftlichen Fortschritte in Betracht ziehen. Wenn sie dies tut, wird sie selbstkritisch, die Unsicherheit aller menschlichen Erkenntnis anerkennen und akzeptieren, dass Kritik der sicherste Weg zur Wahrheit ist. Das heisst aber nicht, dass sie ihre eigenen zentralen Lehren aufgeben muss. Aber selbst ein grosses Engagement lässt sich mit Demut verbinden, also mit dem Eingeständnis, dass es viele Dinge gibt, die man nicht weiss oder nur unvollständig begreift. Selbstkritik bedeutet die Offenheit für die Möglichkeit, von anderen lernen zu können, aber nicht eine praktische Unsicherheit bezüglich dessen, worauf man sich intensiv eingelassen hat.
    Die Religion muss sich auch stark auf das konzentrieren, was man als die Erfahrungsdimension bezeichnen könnte. Sie sollte das Wesen des Glaubens nicht nur im Annehmen intellektueller Dogmen sehen, sondern auch in den moralisch verwandelnden Erfahrungen der spirituellen Wirklichkeit. Jedoch ist es zugleich notwendig, dass der religiöse Glaube sicher in eine kohärente und zureichende Weltsicht eingebettet ist, so dass befreiende Erfahrungen und kritische Rezeption der besten wissenschaftlichen Errungenschaften Hand in Hand gehen können.
    Zwar geht es in der Religion nicht primär um moralisches Handeln, aber jede echte Wahrnehmung Gottes sollte zum engagierten Einsatz für das Gute führen. Religion sollte die Entfaltung des Lebens ermöglichen. Zur echten Ehrfurcht gegenüber allen Personen gehört, ihnen das Recht zuzugestehen, sich bezüglich letzter Fragen selber bewusst und frei zu entscheiden, zumindest soweit solche Entscheidungen nicht offensichtlichen Schaden anrichten. So muss jede Religion sich heute so verstehen, dass sie einer von vielen Wegen ist. Das bedeutet aber nicht, dass man Zweifel am eigenen Weg haben sollte, und auch nicht, dass man sagen müsste, alle Wege seine gleich gut. Das wäre rundweg falsch. Aber es bedeutet, die Tatsache zu akzeptieren, dass die Menschen über die letzten Fragen sehr unterschiedliche Ansichten haben können, und dass es auf religiösem Gebiet keinen Zwang geben darf.
    Diejenigen, die diese Schritte nicht gemacht haben, halten an der Ansicht fest, dass einzig ihre Religion eine Gesamtheit von absolut sicheren, unhinterfragbaren, endgültigen und unveränderlichen Wahrheiten zu bieten habe, während die Religion aller anderen falsch sei. Ihnen fehlt es an Demut, am Bewusstsein, dass auch das eigene Verständnis immer begrenzt bleibt. Ihre Unfähigkeit, das Gute auch in den religiösen Überzeugungen anderer zu sehen und zu suchen, ist schädlich.
    In der Religion gibt es noch eine weitere Dimension: Es geht darum, über sein egoistisches Selbst hinauszuwachsen, und zwar dank einer bewussten, das eigene Leben verwandelnden Beziehung zu einer spirituellen Wirklichkeit von höchster Weisheit, Kreativität, Barmherzigkeit und Seligkeit. Doch diese Wirklichkeit kann missverstanden, die richtige Form der Beziehung zu ihr kann verzerrt werden. So kann Religion zur destruktiven Kraft pervertieren. Aber trotz anderer Erfahrungen, kann die Religion im Leben der Menschen eine der positivsten Kräfte zum Guten sein. In einer Welt, in der Hoffnungslosigkeit, Wut und der Verlust des Sinns für die Bedeutung des menschlichen Lebens vorherrschen, sind ein Gespür für objektive Gute und Menschenwürde und eine kosmische Hoffnung für das Überleben und Wohlbefinden der Menschen ganz wesentlich. Über das Potenzial, dies zu vermitteln, verfügen die grossen religiösen Traditionen der Welt.



  9. #19
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    We do it again and again


    Die fortwährende Gefährdung der Erdbevölkerung durch Plutonium-Abenteuer der NASA -

    Von RÜDIGER HAUDE, 13. Juli 2012 -

    Am 6. August dieses Jahres werden die Augen der Raumfahrt-Fans auf unseren Nachbarplaneten, den Mars, gerichtet sein. Das „Mars
    Start von 4,8 kg Plutonium am 26. November letzten Jahres.
    Quelle: Wikimedia Commons (NASA)
    Science Laboratory“ der NASA soll an diesem Tag nach einem Flug von gut acht Monaten im Gale-Krater des roten Planeten landen und mithilfe des ferngesteuerten Fahrzeugs „Curiosity“ mal wieder danach forschen, ob auf dem Mars die Bedingungen für die Existenz von Leben bestehen oder früher bestanden. Es ist nicht das erste irdische Fahrzeug (auch „Rover“ genannt) auf dem Mars. Aber „Curiosity“ (engl.: „Neugier“, aber auch „Merkwürdigkeit“) ist nicht nur wesentlich größer als frühere Rover wie „Sojourner“ (1997) oder die „MER“-Fahrzeuge von 2004. Es verfügt vor allem über eine andere Energieversorgung. Die früheren Rover waren mit Photovoltaik-Zellen ausgerüstet, deren Leistung aber, wie auf der Erde auch, von den Wetterbedingungen in der Landeregion auf dem Mars abhängig war. „Curiosity“, dessen Energiebedarf größer ist als bei früheren Missionen, hat stattdessen eine Radionuklid-Batterie, die mit 4,8 kg Plutoniumdioxid beladen ist. Aus der Zerfallswärme des Plutoniums kann, wie die NASA schreibt, „den ganzen Tag, jeden Tag, nachts, im Winter“ Strom produziert werden.(1) Dieses Isotop des Plutoniums, 238Pu, hat eine Halbwertszeit von knapp 90 Jahren und strahlt daher wesentlich stärker als das häufiger erzeugte 239Pu. Infolge des eigenen radioaktiven Zerfalls glüht das Plutoniumdioxid mit 238Pu ohne äußeres Zutun.

    Man darf sich fragen, ob es auf der Suche nach Leben auf dem Mars wirklich eine weise Entscheidung war, die möglicherweise gefundenen Mikroorganismen mit einem der chemisch stärksten Gifte, die auf der Erde bekannt sind, zu beglücken, und dazu noch mit einem Isotop, das in starkem Maße Alphastrahlung abgibt, die auf irdische Lebewesen jedenfalls erbgutverändernd wirkt. Man fühlt sich an das Lied der britischen Sängerin Tracey Curtis erinnert, in dem es heißt: „I’d like to say I’m proud to be human, but I’m not / Cause all that we discover we destroy / And I know if we found life on Mars, we’d take that, too / And we do it again and again.” Wir sind hier mit dem Problem des unkontrollierten Agierens von Instanzen wie der NASA konfrontiert, bei denen Technokratie, das Phantasma militärischer Überlegenheit und Nationalprestige die Stelle vertreten, die bei funktionierenden Entscheidungsfindungen von der Ethik eingenommen würde.

    Und auch wenn die hypothetischen Mars-Mikroben in der Tat ein ethisches Problem aufwerfen – das Problem verantwortungsvollen Handelns an der Umwelt und an anderen Lebensformen –, so besteht das gravierendere ethische Problem selbstverständlich auf zwischenmenschlicher Ebene. Was ist denn passiert? Am 26. November vergangenen Jahres ist eine amerikanische Atlas-V-Rakete von Cape Canaveral gestartet, die viereinhalb Kilogramm Plutonium an Bord hatte. Der Start glückte, aber alle Welt weiß, dass dies bei Raketenstarts nicht selbstverständlich ist. Atlas-V-Raketen sind bisher 32 mal gestartet; eine Katastrophe gab es mit diesem Raketentyp noch nicht, aber bei einem Transport von Spionagesatelliten im Juni 2007 gab es Schwierigkeiten mit der letzten Raketenstufe, dem „Centaur“-Aggregat, so dass die vorgesehene Umlaufbahn nicht erreicht wurde. Insgesamt ist die Zahl der Misserfolge beim Start von Raumfahrzeugen bis heute weltweit konstant bei fünf bis zehn Prozent geblieben. Im Jahr 2011 z.B. waren von 84 Starts 78 erfolgreich, während sechs Missionen scheiterten; hiervon erreichten vier keine Umlaufbahn.(2) Die NASA hat bei der „Curiosity“-Mission mit der Bevölkerung mindestens des Südostens der USA va banque gespielt.

    Das Ausmaß der Toxizität von Plutonium ist – erwartungsgemäß – hoch umstritten. Auf der englischen Wikipedia-Seite wird der vielzitierten Aussage von Ralph Nader widersprochen, ein Pfund in der Atmosphäre verteilter Plutoniumstaub reiche aus, um 8 Milliarden Menschen zu töten; vielmehr könnten durch diese Menge „nicht mehr als 2 Millionen Menschen“ durch Inhalation getötet werden.(3) Das mag so sein, aber zur Erinnerung: Wir sprechen hier von etwa neun Pfund Plutonium. Die NASA gibt die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls, bei dem Plutonium freigesetzt würde, mit 0,3 Prozent an (das ist weniger als ein Zehntel der oben erwähnten nachweislichen Wahrscheinlichkeit eines missglückten Starts).(4) Bedenkt man, als wieviel umwahrscheinlicher die Kernschmelz-Unglücke von Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima vor ihrem Eintritt galten, darf man bei dieser Zahl schon besorgt sein. Aber die NASA beruhigt: Selbst wenn ein solches Unglück geschähe, schreibt sie, “würde das Material höchstwahrscheinlich auf bundeseigenem Gelände verbleiben, entweder auf der Kennedy oder der Cape Canaveral Air Force Station“. Aus diesem Statement kann man zweierlei schließen: Erstens betrachtet die NASA das Plutonium als eine Art Wrackteil, nicht als eine nach etwaiger Explosion sich unkontrollierbar ausbreitende Menge Gift. Und zweitens ist ein solcher Unfall nur am Beginn des Startprozesses vorgesehen, wenn die Rakete sich noch nahe über dem Boden befindet. Ein gravierenderes Problem mit der „Centaur“-Stufe, die 2007 schon Probleme machte, hat man z.B. nicht auf der Rechnung. Wir haben es also mit der üblichen nuklearen Problem- und Risikoverdrängung von Technokraten im Kontakt mit Profit- und/oder Herrschaftsinteressen zu tun.

    Wenn man bedenkt, dass die 2,5 Milliarden Dollar Kosten, die „Curiosity“ den US-amerikanischen Steuerzahlern verursacht hat, nicht zuletzt auf dem Feld der kulturellen Hegemonie investiert sind, gewinnt der Einsatz der Plutoniumbatterie noch eine weitere Dimension. Wenn der deutsche Wikipedia-Eintrag knapp von „Innovationen […] bei der Energieversorgung schreibt“ und erläutert: „(stabile Radionuklidbatterie statt wetterabhängiger Solarzellen)“, dann ist das selbstverständlich keine neutrale Formulierung – das Wirkprinzip des Plutoniums ist ja gerade, dass es instabil (vulgo: radioaktiv) ist. Hier wird semantisch gekämpft, um auch für irdische Nukleartechnik Akzeptanz zu beschaffen. Später wird in demselben Artikel das „mehrschichtige Sicherheitskonzept“ der Plutonium-Batterie gelobt, so wie man das z.B. auch von Atomkraftwerken kennt. Zu diesen für Laien schwer nachvollziehbaren Erörterungen ist an dieser Stelle nur zu sagen, dass sich das Vertrauen gegenüber solchen interessegeleiteten Expertisen in den vergangenen Jahrzehnten mit Recht deutlich abgenutzt hat.

    Es ist vielleicht angebracht, in diesem Zusammenhang einen kurzen Blick in die Geschichte des US-Raumfahrtprogramms zu werfen. Die NASA hatte in der Frühzeit der unbemannten Raummissionen gegen die Möglichkeit einer solaren Energieversorgung optiert und voll auf nukleare Batterien gesetzt. In seinem Buch über die Geschichte der Photovoltaik bemerkt der Journalist Bob Johnstone: „Die skeptische Raumfahrtagentur setzte (…) auf nuklear. Das heißt, bis April 1964, als ein plutoniumbetriebener Navigationssatellit es nicht bis in die Umlaufbahn schaffte und sich zerlegte, während er durch die Atmosphäre auf die Erde zurückfiel. Ein nachfolgendes Bodenproben-Programm ergab, peinlicherweise, dass radioaktive Abfälle von diesem Satelliten ‚auf allen Kontinenten und in allen Breitengraden‘ vorhanden waren.“ (5)

    Mit jenem Unfall, bei dem der Satellit „Transit 5 BN3“ über Madagaskar verglühte, wurde etwa ein Kilogramm 238Pu mit einer Strahlungsaktivität von 600 Billionen Becquerel (6 x 1014 Bq) in die Erdatmosphäre freigesetzt.(6) Eine Anzahl von Schwestersatelliten der „Transit 5“-Reihe kreist noch heute mit ihrer Plutoniumfracht um die Erde. Zwei weitere Rückstürze von plutoniumhaltigen NASA-Fahrzeugen, darunter die gescheiterte Apollo-13-Mission (1970), scheinen glimpflicher abgelaufen zu sein, weil die Aggregate nicht an Land, sondern im Wasser auftrafen. Unfälle sowjetischer Raumfahrzeuge mit Radionuklidfreisetzung scheinen ebenfalls häufiger vorgekommen zu sein, was umso besorgniserregender ist, als im sowjetischen Raumfahrtprogramm auch Kernspaltungs-Reaktoren zum Einsatz kamen; doch unterliegen diese Vorfälle noch strengerer Geheimhaltung als ihre US-amerikanischen Gegenstücke.

    Wenn Bob Johnstone seine Erwähnung des Unglücks von 1964 also mit den Worten beschließt: „Von da an waren alle Weltraumfahrzeuge solarbetrieben“(7), so stimmt dies leider nicht. Die NASA hat vor allem bei sonnenferneren Missionen weiter auf Plutonium gesetzt. So sind nicht nur die 1977 gestarteten beiden Voyager-Sonden – die heute am weitesten von Erde und Sonne entfernten menschlichen Artefakte – mit Radionuklidbatterien ausgestattet. Auch die Sonden Pioneer 10 und 11 (Start: 1972/73), Galileo (1989) und Cassini/Huygens (1997), die den Jupiter und den Saturn erforschten, hatten eine plutoniumbasierte Energieversorgung. Dasselbe gilt für die Pluto-Mission New Horizons (2006). Und auch die 1990 gestartete Ulysses-Mission, die der Erforschung der Sonne diente, setzte ironischerweise nicht auf regenerative Sonnenenergie, sondern auf Plutonium; an dieser Mission war neben der NASA auch die Europäische Raumfahrtagentur ESA beteiligt, Hauptauftragnehmer war der deutsche DASA-Konzern. Das Hasardspiel mit der Gesundheit der Erdbevölkerung hat also nie aufgehört. „Cassini“ hatte 1997 sogar 32,8 Kilogramm Plutonium an Bord und wurde nach dem geglückten Start noch einmal in einem „Swingby“-Manöver, das seiner Beschleunigung diente, nahe an der Erde vorbeigeführt; schon kleine Berechnungsfehler hätten damals, wie eine NASA-Studie vorab einräumte, einen Wiedereintritt in die Erdatmosphäre mit unabsehbaren Folgen bewirken können. Damals wurde aus dem Jet Propulsion Laboratory der NASA bestätigt, dass die Mission ohne Abstriche auch mit photovoltaischer Energieversorgung hätte durchgeführt werden können.(8)

    Zu vermuten ist, dass das nukleare Abenteurertum der Weltraumagentur(en) nicht nur dem üblichen gefahrenverleugnenden Scheuklappendenken von Technokraten entspringt; sondern dass hier technologisch wie diskursiv eine Tür offengehalten werden soll, die alte Träume von nuklearen Antrieben von Raumfahrzeugen, nuklearbetriebenen Lasern und dergleichen doch noch umzusetzen verspricht. Phantasmagorien der ultimativen militärischen Überlegenheit sind hier lebendig, die auch ohne Plutonium und ohne Unfallgefahr die globale Öffentlichkeit alarmieren müssten. Wir können uns solches unkontrolliertes pubertäres Treiben nicht mehr leisten. Es wird Zeit, dass man diese Leute mit Spielekonsolen und einem ordentlichen Arbeitslosengeld versieht.
    Quelle: http://www.hintergrund.de/2012071321...and-again.html

  10. #20
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    Konsumenten und Nehmerqualitäten

    Um irgendwelchen Irrtümern vorzubeugen, dass soll keine Werbung für Bücher sein, schon gar nicht von mir!


    Die folgende Betrachtung ist im Grunde von so schlichter Einfachheit, dass sie schon fast wieder naiv erscheint. Ich bin mir dessen bewusst.
    Diese Welt ist voller Konsumenten.
    Wer lebt, konsumiert.
    Abgesehen von der Atemluft, die bisher noch nicht privatisiert wurde, auf die auch vom Europäischen Patentamt noch kein Patent erteilt wurde, was Lizenzabgaben auf die Nutzung der Luft zur Folge hätte, hat prinzipiell jeglicher Konsum seinen Preis, der vom Konsumenten zu entrichten ist.
    Frei nach - und in Fortschreibung - der philosophischen Erkenntnis von René Descartes - ist der Existenznachweis zwar weiterhin mit jenem berühmten: "Ich denke, also bin ich", zu führen, doch weitaus griffiger und leichter verifizierbar ist der
    "Satz des unbekannten Konsumenten":
    Ich zahle, also bin ich.
    Dass dieser Satz bei näherem Hinsehen scheinbar zerbröselt wie ein trockener Keks, ist eher unserem schludrigen Umgang mit der Sprache geschuldet als der Anwendung stringenter Logik.
    Ein einfaches Beispiel:
    Wer "mit seinem Leben bezahlt" ist zwar anschließend nicht mehr, aber eben erst nach dem finalen Bezahlen. Doch dann muss es korrekt heißen: "Er zahlte, also war er".
    Ein schwierigeres Beispiel:
    Der Zechpreller oder der Ehrengast (beide zahlen eben so wenig, wie der voll auf Geschäftskosten alimentierte Manager) sind zweifellos existent, auch wenn ihr "Zahlen" nicht erkennbar ist. Doch die Fokussierung auf einzelne ausgelassene Akte des Bezahlens ist unzulässig, denn der Mensch als zahlendes Wesen ist nicht in einer Augenblicksbetrachtung zu erfassen. Er tritt allerdings überdeutlich in Erscheinung, wenn man alle parallel und sequentiell vom Einzelnen ausgehenden Zahlungsstränge erfasst.
    Ob der Einzelne viel und stets, oder wenig und sporadisch bezahlt, spielt keine Rolle. Das "Zahlen", als existenzbegründendes Prinzip, existiert jenseits möglicher Quantifizierungsansätze als bloßes "Ja oder Nein", "Wahr oder Unwahr".
    Voraussetzung für jegliches Bezahlen ist die Verfügbarkeit eines vom Zahlungsempfänger akzeptierten Zahlungsmittels beim Zahlenden.
    Vereinfacht und verkürzt ausgedrückt:
    .
      • "Wer zahlen (existieren) will, braucht Geld",
        bzw.
        "Ohne Moos, nix los".


    Der Möglichkeiten, an Geld zu kommen, gibt es theoretisch unendlich viele. Praktisch stehen dem zumeist fast ebenso viele Hindernisse im Wege.
    Führt man alle Möglichkeiten auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zurück, bleiben zwei grundsätzliche Methoden übrig:
    1. Arbeiten (Werte schaffen)

    Dazu zählt nicht nur die Arbeit des abhängig Beschäftigten, sondern
    auch der sogenannte "Unternehmerlohn", ja selbst die Beute des
    Bankräubers ist letztlich der "Lohn" für seine Mühen und seine
    Risikobereitschaft.
    2. Ausübung von Eigentumsrechten (Werte raffen)
    Eigentum heißt: Ab- und Ausgrenzung.
    Vor allem Eigentum an knappen Gütern bewegt die Ausgegrenzten
    dazu, für ihnen zugestandene Nutzungsrechte an fremdem Eigentum
    Geld zu bezahlen.
    (Hierzu gehören z.B. Pachtzahlungen, Mietzahlungen, Lizenzgebühren
    und vor allem der Zins für das knappe Gut Geld.)
    Beide Methoden sind gesellschaftlich akzeptiert und werden im allgemeinen nicht in Frage gestellt, doch entsteht eben durch diese beiden grundverschiedenen Methoden, zu Geld zu kommen, zwangsläufig eine Einteilung der Konsumenten, die wir ja alle sind, in drei Gruppen:
    1. Konsumenten, deren Zahlungsfähigkeit direkt an ihre Arbeitsfähigkeit
    geknüpft ist, weil sie über keinerlei zur ertragbringenden
    Fremdnutzung geeignetes Eigentum verfügen.
    2. Konsumenten, deren Zahlungsfähigkeit alleine aus den Erträgen ihres
    Eigentums sichergestellt ist, die also nicht arbeiten (weil sie es nicht
    müssen).
    3. Konsumenten, deren Geldzufluss sich aus beiden Quellen speist.
    Diese dritte Gruppe lässt sich jedoch mit etwas gutem Willen und
    ohne Verlust an argumentativer Treffsicherheit auf die beiden
    erstgenannten Gruppen verteilen. Je nachdem, ob das Einkommen
    aus Arbeit notwendig ist, um den Zahlungsverpflichtungen
    nachzukommen, oder nicht.
    Bei der ersten Gruppe handelt es sich also um das, was Thomas Koudela in seinem Buch "Entwicklungsprojekt Ökonomie" als "Prosumenten" bezeichnet.
    Menschen, die (über ihre Lebenszeit) nicht nur Konsumenten, sondern zugleich auch Produzenten sind, indem sie durch ihre Arbeit Güter erzeugen und zum Konsum bzw. zur Nutzung bereitstellen.
    Umfang und Qualität der während einer Zeiteinheit in einem Wirtschaftsraum erzeugten (Konsum-) Güter hängt also scheinbar ausschließlich davon ab, wie viele "Prosumenten" mit welcher Qualifikation welchen Teil ihrer Lebenszeit darauf verwenden, zu arbeiten.
    Der Indikator für den Wohlstand einer Gesellschaft könnte also nach folgender Formel berechnet werden:
    Wohlstand =
    (Gesamtlebenszeiten minus unproduktive Zeiten) * Qualifikation
    Oder, volkstümlich ausgedrückt:
    .
    • Wer etwas gelernt hat und fleißig arbeitet,
      wird es auch zu etwas bringen.
      (lerne, leiste, spare was, dann haste, kannste, biste was)

    Dass das so nicht funktioniert, ist offensichtlich.
    Schon beim Zugang zum "Lernen" gibt es Hindernisse, die hier aufzuzählen ich mir erspare, doch völlig unübersehbar sind diejenigen Hindernisse, die sich dem Arbeitswilligen in den Weg stellen.
    Millionen gezählter und ungezählter Arbeitswilliger, die als Arbeitslose oder Unterbeschäftigte nicht nur die Statistiken füllen, sondern auch die Gemeinschaftskassen der Gesellschaft leeren, um zahlen, also existieren zu können, sprechen eine deutliche Sprache.
    In einer wirklich "freien" Gesellschaft
    könnte es zur Arbeitslosigkeit unter Arbeitswilligen nur kommen, wenn alle Bedürfnisse aller Mitglieder dieser Gesellschaft befriedigt werden könnten, ohne dafür die volle Arbeitsleistung aller Arbeitswilligen in Anspruch nehmen zu müssen.
    In einer wirklich "freien" Gesellschaft
    wäre ein Optimum an allgemeinem Wohlstand und eine ausgewogene Balance zwischen Arbeitszeit und arbeitsfreier Zeit erreichbar.
    Welche Spielräume uns unsere so genannte "Freiheit" in einer so genannten "libertären" Gesellschaft tatsächlich lässt, hat Freimut Kahrs in seinem Buch "Lebenslüge Freiheit" über die ganze Bandbreite menschlichen Lebens im Detail herausgearbeitet.
    Letztlich, so resümiert er, ist es lediglich jene zweifelhafte Freiheit, zwischen sehr wenigen, von mächtigen und nicht greifbaren Instanzen vorgegebenen, praktisch unveränderlichen Möglichkeiten entscheiden zu müssen.
    Verweigerung führt dazu, dass der Verweigerer vom Zugang zum Zahlungsmittel abgeschnitten und damit existentiell bedroht wird.
    Klassisch übrigens an der Sanktionspolitik der Argen und Agenturen abzulesen.
    Ohne schon nach den Ursachen fahnden zu wollen, verdient die Situation dieser Menschen (Prosumenten), die ja - in ihrer Gesamtheit - aus dem Lohn der Arbeit derjenigen, die arbeiten dürfen, den Konsum (Essen, Trinken, Wohnen, Kleidung, Kommunikation, Transport, usw.) von allen, einschließlich der Arbeitslosen, Kinder, Rentner und - faktisch auch den Löwenanteil der Staatsausgaben zu bezahlen haben, noch eine nähere Betrachtung.
    Und wir stoßen auf die Tatsache,
    dass sie sich nicht leisten können, was sie geleistet haben.
    Der Mechatroniker, der im Monat rund 150 Stunden rings um die Hebebühnen werkelt, wird mit seinem Brutto-Monatseinkommen niemals in der Lage sein,
    150 Mechatroniker-Stunden zu bezahlen - vom Netto-Einkommen ganz zu schweigen.
    Kein abhängig Beschäftigter ist in der Lage, die Ergebnisse seiner Arbeit aus seinem Lohn zu bezahlen - und falls doch, dann nicht dauerhaft, denn dann wird sein Arbeitgeber bald Insolvenz anmelden müssen.
    Betrachten wir die Gruppe-1-Menschen als geschlossenen Block in einem geschlossenen Wirtschaftssystem, stellen wir fest, dass in der gesamten Erzeugung unter allen Strichen deutlich weniger Lohn gezahlt wird als Umsatz gemacht, bzw. BIP (Brutto-Inlandsprodukt) erzeugt wird.
    In der deutschen Realität stellt sich das - über den dicken Daumen gepeilt*) - so dar:
    .
    Anteil am BIP in %
    Prosumenten
    Gesamtheit der werteschaffenden Bevölkerung einschl. Kindern, Rentnern, Arbeitslosen, Kranken, Gefangenen
    ca. 50 %
    Nur Konsumenten
    Alle, die ihr Einkommen aus Vermögenserträgen (Eigentumsrechten) beziehen und nicht an der Wertschöpfung beteiligt sind
    ca. 25 %
    Investitionen
    (Verbleib im System)

    zum Erhalt und zur Ausweitung des Eigentums fließen, zumeist direkt aus den Erträgen der Unternehmen, die Mittel
    ab, die erforderlich sind, um die Produktion aufrecht zu erhalten.
    ca. 25 %

    *) Die jeweils aktuellen Verhältnisse lassen sich aus dem Zahlenwerk des deutschen Statistischen Bundesamtes gewinnen.
    Von den 100 % der Gesamtleistung lassen sich also 75 % ohne große Schwierigkeiten bezahlen:
    25 % verbleiben als Neu-, Erweiterungs- oder Ersatzinformationen unmittelbar im Produktionsbereich und 50 % dienen dem Selbsterhalt (einschließlich der Reproduktion ihrer selbst) der Prosumenten.
    Um jene weiteren 25 % absetzen zu können, die letztlich als "Gewinn" in die Kasse der Nur-Konsumenten fließen, müssten diese ihre gesamten Einkommen verkonsumieren, was sie jedoch nicht tun, und wohl auch beim besten Willen nicht könnten.
    Nehmen wir großzügig an, dass etwa 5 Prozentpunkte aus deren Einkünften tatsächlich in den Konsum gehen, verbleiben immer noch 20 % der Gesamtleistung, die unverkäuflich wären, gäbe es da nicht drei Wege, die den Absatz dennoch ermöglichen:
    a) Das Entsparen
    Also die Auflösung von Sparguthaben, der Verkauf von Grundstücken und Wertgegenständen, und auf staatlicher Seite die so genannte "Privatisierung".
    b) Die Verschuldung
    Durch Kreditaufnahme kann Konsum vorfinanziert werden. Da jedoch alleine die laufende Tilgung der Kredite die Mittel für den zukünftigen Konsum mindert, ist eine laufende Netto-Neuverschuldung erforderlich, um alle Jahre wieder jenen Anteil der Produktion, der nur durch Verschuldung abgesetzt werden kann, auch absetzen zu können.
    Diesem Trend wirkt lediglich die Inflation entgegen, da mit steigenden nominalen Einkommen alte Schulden leichter bzw. schneller getilgt werden können.
    c) Exportüberschuss
    Das BIP als Gesamtzahl ist bereits um die in die Leistungserbringung eingeflossenen Importe bereinigt. Der letzte Teil der Gesamtleistung schlägt sich also vollständig im Exportüberschuss nieder, womit klar wird, dass der Exportüberschuss Euro für Euro nichts anderes ist als der Reingewinn der Nur-Konsumenten, der schlussendlich - und das ist Nehmerqualitat - vollständig in Vermögenszuwachs umgewandelt wird.
    Aus diesen Überlegungen heraus wird nicht nur deutlich, dass die Schere zwischen Arm und Reich zwangsläufig immer weiter aufgehen muss, es wird auch deutlich, dass diese "Zwei-Klassen-Gesellschaft" aus Prosumenten und Nur-Konsumenten ihren Zweck, das Eigentum und damit die Macht der Nur-Konsumenten zu mehren, umso besser erfüllt, je geringer der Aufwand ist, der zum Erhalt und zur Reproduktion der Prosumenten getrieben werden muss.
    Eine Bevölkerung, die zu niedrigen Löhnen, mit einem hohen Anteil von nicht ins Erwerbsleben eingebundenen Menschen, immer noch weit mehr produziert als für den ihr zugestandenen "Wohlstand" erforderlich ist, bringt - ganz umsonst - Luxus und Wohlleben derjenigen zustande, denen aus nichts als ihren Eigentumsrechten alles zufließt, was den Werteschaffenden vorenthalten werden kann. Und damit bekommt das Wort "Nehmerqualitäten" einen völlig neuen Inhalt.
    Das garstige Wort von den "Human Ressources", also den (zur Reichtumsmehrung der Nehmer) verfügbaren Menschen, offenbart die Sicht der selbsternannten Eliten auf den "Rest" der Menschheit.
    Dieser "Rest" wird nicht anders wahrgenommen als die nicht-menschlichen Produktionsmittel.
    .
    Der Mensch, gedacht als "Legehenne", eingepfercht in ein paar Quadratmeter Wohnraum, versorgt mit billigsten "Nahrungsersatzmitteln", gern auch mal mit Schadstoffen angereichert, darf seine Eier legen, solange er dazu in der Lage ist, dann wird er aussortiert.

    Und weil diese Prosumenten nun mal einen Hang zur Menschlichkeit haben, sorgen sie gemeinschaftlich auch so lange für diese Aussortierten, bis sie in Alten- und Pflegeheimen noch restverwertet werden, das heißt, so lange, wie es dauert, bis über weit überhöhte Kosten bei beschämenden Leistungen auch noch das letzte Ersparte aus ihnen und ihren Angehörigen und darüber hinaus aus den Sozialkassen herausgequetscht ist.
    Nicht anders, als bei der Legehenne, die entweder als Suppenhuhn endet oder gleich über den Häcksler in der Zentrifuge landet, wo verwertbare Proteine von weniger gut verwertbaren Knochen getrennt werden.
    Und die Schraube zur Verbilligung dieser "Human Ressources" wird bei uns Jahr für Jahr weiter angezogen.
    Interessant in diesem Zusammenhang ist ja auch, dass die viel bejammerten Arbeitslosen und prekär Beschäftigten die Gesamtleistung nicht etwa verteuern, sondern durchaus viel dazu beitragen, die Gesamtleistung zu verbilligen.
    So senken die hungrigen Arbeitswilligen die Lohnkosten dadurch, dass sie sich selbst billiger anbieten, um wenigstens etwas zu verdienen, wenn sie nicht gar durch die Arbeitsgesetzgebung als Leiharbeiter, Praktikanten oder Ein-Euro-Jobber in Jobs gezwungen werden, über die sich außer den Politikern (wieder ein Arbeitsloser weniger) und den Kapitaleignern (wieder die Lohnstückkosten ein bisschen gesenkt) niemand wirklich freuen kann.
    Das Gejammere um den Geburtenrückgang ist zu einem guten Teil auch der Sorge um die Aufrechterhaltung der Arbeitslosigkeit in der Zukunft geschuldet.

    Wo bleiben die Profite, wenn die "Human Ressources" eines Tages wieder zum "knappen Gut" werden sollten?
    Das Gejammere um die demografische Veränderung entspringt dem gleichen unheiligen Gedanken.
    Wenn mehr Berufstätige in Rente gehen, als Schulabgänger nachkommen, vermindert sich die Zahl der Arbeitslosen und der Wert der Arbeit steigt zwangsläufig.
    Damit haben die Berufstätigen dann wieder ein bisschen mehr Geld, um ihre Alten zu alimentieren, doch dieses Geld mindert die Ein-Nahmen der Nehmer - womit jeglicher Aufruf zu vermehrter Vermehrung gerechtfertigt werden kann, auch wenn Deutschland durchaus zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt gezählt werden muss.
    Besonders peinlich, dass mit steigenden Löhnen auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit leidet. Um den Exportüberschuss zu erhalten, müsste also an den im Export geforderten Preisen gedreht werden - und zwar nach unten. Auch keine erfreuliche Aussicht.
    Außerdem gibt man Alten keine Kredite mehr, außer sie haben verwertbare Sicherheiten anzubieten.
    Die Folge jener boshaft als "Überalterung" geschmähten Verlängerung der Lebenserwartung ist also auch ein unerwünschtes Nachlassen der Umsatzfinanzierung aus Krediten und damit ein Rückgang der Zinserträge.
    Alles ganz und gar fürchterliche Szenarien!
    Was wir brauchen, heißt es folglich,
    sind gut ausgebildete Fachkräfte und Spezialisten, die ihr Leben mit Arbeit füllen. Bis 67, bis 70 oder gar noch länger.
    Die halten das Rad am Laufen.
    Was wir brauchen, heißt es folglich,
    sind zudem Scharen von Kindern (künftigen Arbeitslosen), die dafür sorgen, dass die Leistungsträger angstvoll bescheiden bleiben.
    Was wir nicht brauchen, heißt es folgerichtig,
    sind viele arme Rentner. Denn die ziehen schlicht zu viel Leistung ab und schmälern die Renditen.
    Die Kampagne gegen die beitragsfinanzierte Rente und für die kapitalgedeckte Rente zielt doch genau in diese Richtung.
    Die Alten sollen nicht mehr von der Gemeinschaft der Prosumenten alimentiert werden. Die sollen gefälligst während ihrer Schaffensperiode für sich selbst vorsorgen. Und weil die nicht gerissen genug sind, um sich mit ihrem kleinen Einsatz ein kleines Vermögen zu erspekulieren, sollen sie eben einen Teil ihres Einkommens freiwillig in die Hände der Nehmer geben, die damit nach Lust und Laune spekulieren können, bis am dicken Ende die nächste Finanzkrise als Argument dafür hergenommen wird, ihnen weniger - oder gar nichts - von dem zurückzugeben, was sie einst eingezahlt und damit auch dem Kreislauf der Realwirtschaft entzogen haben, was - ganz nebenbei - für zusätzlichen Kreditbedarf und damit sprudelnde Zinserträge sorgt.
    Die Pensionskassen in den USA sind notleidend - und den deutschen Lebensversicherungen geht es auch nicht glänzend, so dass die Regierung in Nacht und Nebel-Aktionen dafür Sorge tragen muss, dass sie ihren Verpflichtungen wenigstens noch eine Weile länger nachkommen können (zuletzt mit der Neuregelung der Verteilung der Bewertungsreserven).
    Nein, Freunde,
    nicht ihr seid die Konsumenten, die über ihre Verhältnisse leben.
    Ihr seid "Human Ressources" die über Lohn und Gehalt mit genau dem versorgt werden, was benötigt wird, damit die Maschine am Laufen bleibt. Ihr dürft euch das leisten, was euch zugestanden wird, nicht das, was ihr leistet und geleistet habt.
    Nein, Freunde,
    ihr arbeitet nicht für euch, nicht dafür, dass es euch besser geht und euren Kindern noch besser, ihr arbeitet für eure Arbeitgeber und die - wenn sie es nicht selbst sind - arbeiten für ihre Kapitalgeber und die Grundstückseigner.
    Die höchste je erreichte Zahl der Beschäftigten sei 2012 in Deutschland erreicht worden.
    So tönt die Regierung vollmundig und verschweigt dabei vollständig, um welche Art von Beschäftigungsverhältnissen es sich inzwischen in der Mehrzahl handelt.
    Man darf nicht die Zahlen der Beschäftigten vergleichen, man muss die inflationsbereinigte Entwicklung der volkswirtschaftlichen Lohnsumme vergleichen.
    Dann erst erkennt man, wie sich der Anteil, der den Prosumenten vom BIP zugestanden wird, entwickelt. Wie sich "Leistung" lohnt - und für wen.
    2002 betrug die Summe der Bruttolöhne und Gehälter in Deutschland
    912 Milliarden Euro. Der Verbraucherpreisindex (2005=100) lag bei 95,9
    2011 betrug die Summe der Bruttolöhne und Gehälter 1083,9 Mrd. Euro.
    Der Verbraucherpreisindex (2005=100) lag bei 110,7.
    Rechnet man die Bruttolöhne und Gehälter von 2011 über die Verbraucherpreisindizes auf 2002 um, ergibt sich für 2011 eine vergleichbare Kaufkraft von 939 Milliarden Euro.
    Trotz des massiven (statistischen) Abbaus der Arbeitslosigkeit und einer nie dagewesenen Beschäftigungsquote wurde den Prosumenten über diese 10 Jahre hinweg also nur eine Lohnsteigerung und damit ein Wohlstandszuwachs von knapp drei Prozent zugebilligt.
    Das BIP stieg in diesem Zeitraum von 2.110 Milliarden Euro auf 2.593 Mrd. Euro.
    Und auch wenn von dieser Differenz nur der allergeringste Teil in den Verbrauch ging, sondern ganz überwiegend in Finanzanlagen: Wenn man auch diese Veränderung über die Verbraucherpreisindizes auf das Jahr 2002 zurückrechnet, ergibt sich immer noch ein Anstieg auf 2.246 Milliarden.
    Um es deutlich zu machen:
    Von der realen, inflationsbereinigten Mehrleistung von 136 Milliarden Euro im Jahr 2011 gegenüber 2002 erhielten die Prosumenten gerade einmal 27 Milliarden (20%).
    Der Löwenanteil von 119 Milliarden (80%) ging an die Nur-Konsumenten mit den ausgezeichneten Nehmerqualitäten.
    Das ist die Folge der Arbeitsmarktreform, die in genau diesen 10 Jahren den besten Niedriglohnsektor der Welt hervorgebracht hat.
    Es lebe die klassische Zwei-Klassen-Gesellschaft.
    Sklaven unten - Halter oben.
    Human Ressources here - shareholder there.
    Und wenn Angela Merkel in ihrer Neujahrsansprache lieblich säuselnd hervorhob, dass die Zahlen von 2011 in 2012 noch übertroffen wurden, dann sollte niemand, der nicht von seinen Kapital- und sonstigen Vermögenseinkünften leben kann, darüber in Jubel ausbrechen.
    Und wenn die tägliche Berichterstattung über die Wellenbewegungen des DAX nach der Einigung im US-Fiskalstreit wieder einmal über eine massive Aufwärtsbewegung jubelt, dann sollte von uns Legehennen niemand mitjubeln.
    Der DAX zeigt ja nur die Freude darüber, dass die Eier, die wir legen, auch weiterhin in Exportüberschüsse verwandelt werden können.
    Dass die ausländischen Importeure unsere Eier nur mit Schuldscheinen bezahlen, ist nicht so wichtig, denn wenn die Schuldscheine platzen, dann wird man uns erklären, dass wir ein paar Eier mehr legen müssen und dafür ein paar Körner weniger fressen dürfen, weil der Euro und die Banken und die Versicherungen gerettet werden müssen, weil der Euro mehr ist als eine Währung, weil es uns allen nur dann besser geht, wenn es uns schlechter geht, und dass wir daher glücklich sein sollten, rechtzeitig angeleitet zu werden, den Gürtel enger zu schnallen.
    Hennen sind doof.
    Ihre Hirnentwicklung ist über das Kleinhirn nicht hinaus gekommen.
    Wann beweisen wir "Human Ressources" endlich,
    dass wir ein Großhirn besitzen?
    Ach ja, stimmt:
    Nach der Arbeit sind wir so fertig, dass wir einfach abschalten müssen. Und zum Abschalten schalten wir sie ein, die Fernseher, die uns das Großhirn ersetzen …
    Schalten Sie einfach mal nicht ab.
    Lassen Sie die grauen Zellen weiterarbeiten, zur Abwechslung mal für sich selbst.
    ... und wenn Sie Denkanstöße, Informationen und Fakten brauchen:
    Die beiden Bücher, die ich im Text erwähnt habe, sind dafür goldrichtig - und deswegen sind sie auch nicht bei einem der großen Verlage erschienen, sondern bei mir. In einem vergleichsweise winzigen Verlag, mit einem Verleger, der sich zum Ziel gesetzt hat, auch solche wichtigen Bücher möglich zu machen.


    Quelle: http://www.egon-w-kreutzer.de/0PaD2013/1.html
    Liebe Grüße
    Bill Gates ist 100% Eugeniker!
    Leute! Denkt immer an: "Teile und herrsche", und fragt Euch wer der "Dritte" ist! Cui bono?
    1 + 1 = 2 (universell und ewig)
    Love, peace and freedom!

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