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Thema: rationalgalerie.de - Uli Gellermann

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    Bernard-Henri Lévy - Der Untertan in der Ukraine



    Bernard-Henri Lévy

    Der Untertan in der Ukraine

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    Bernard-Henri Lévy

    Der Untertan in der Ukraine

    Autor: U. Gellermann
    Datum: 18. August 2014


    Wenn sich der französische Gelegenheits-Philosoph Bernard-Henri Lévy irgendwo aufhält, dann ist der Saal groß und holzvertäfelt, die Vergoldung glänzt und der Gastgeber ist leutselig. So ist es zu lesen. Diesmal dient sich der gelernte Untertan - er war schon bei den Herren François Mitterrand, Édouard Balladur, Nicolas Sarkozy und dem sonderbaren Micheil Saakaschwili in Stellung - dem Herrn Petro Poroshenko an. Der sei ein "Kriegschef wider Willen" schreibt er in der FAZ über den aktuellen ukrainischen Präsidenten und man muss die Zeitung schön gerade halten, damit der Schleim nicht auf den Boden tropft.


    Lévy hielt dem Poroshenko schon die feuchte Hand "in den Stunden der Revolution" auf dem Maidan, der habe ihm daraufhin bei seiner Wahlkampftour "das Privileg eingeräumt, einleitend auf Französisch einen Gruß aus Europa auszusprechen." Der Herr Mitterrand hat den Untertan Lévy für seinen Schleim-Einsatz damals mit dem Vorsitz der staatlichen Filmkommission belohnt. Der Premierminister Balladur vergalt Lévys Wahlkampfeinsatz mit dem Aufsichtsratsvorsitz des TV-Senders ARTE Was mag ihm Poroshenko versprochen haben? Sklavenarbeiter aus der Ost-Ukraine? Denn jene Arbeiter, die Lévy aus afrikanischen Ländern für sein ererbtes Unternehmen "Becob" in Kanada einsetzte, stehen wohl nicht mehr zur Verfügung: Die kanadische Regierung bezeichnete deren Arbeitsbedingungen als "sklavenähnlich".


    Den Poroshenko trifft Lévy auf dem Weg nach Odessa, wo "im prachtvollen Rahmen der Staatsoper" der Text seines Theaterstücks verlesen wird. Und weil ihm zu Odessa zwar der "Panzerkreuzer Potemkin" einfällt aber nicht die verkohlten Leichen im Gewerkschaftshaus, darf er "schnell zum Wesentlichen" kommen "dem Krieg". Er, Bernard-Henri Lévy, will irgendwie eigenhändig dafür sorgen, dass die Mistral-Hubschrauber-Träger, die ursprünglich von Frankreich nach Russland verkauft werden sollten, nun der Ukraine geliefert werden. Welche Provision Lévy dafür kassieren will - Poroshenko besitzt ja einen TV-Sender, da wird doch sicher ein Aufsichtsrat gebraucht - ist noch nicht bekannt. Dass die vier Hubschrauberträger, voller Raketen, Maschinenkanonen und Panzer, der von Kiew angekündigten Rückeroberung der Krim dienlich wären, ist sicher. Poroshenko findet die Idee Lévys "symbolträchtig" hätte aber gern noch ein paar "hochentwickelte" Waffen mehr.


    Damals, als Lévis alter Kumpel Sarkozy in dieser Wahlkampf-Klemme war, hat der gute Freund Bernard-Henri ihm die Idee mit dem Libyen-Krieg eingeblasen. Sarkozy hatte ihn zuvor aus einer Anklage wegen Steuerhinterziehung rausgehauen, da musste der Philosoph zum Dank in den Wahlkampf eingreifen und dem französischen Präsidenten einen scheinbar populären Krieg verschaffen. Heute, 50.000 Tote und einen kaputten Staat weiter, kümmert sich Lévy rührend um den Ukraine-Kriegs-Herrn: "Mit seinen massiven Schulterpolstern, seinem gotischen Gesicht und der Aura eines lauernden Raubtiers sieht er (Poroshenko) aus wie der junge Tito, als er die jugoslawischen Kommunisten für die Internationalen Brigaden in Spanien rekrutierte". Die Kämpfer gegen den Franco-Faschismus sind tot, sie können sich gegen den Vergleich nicht mehr wehren. Die Faschisten in der Kiewer Regierung leben noch. Doch die letzteren erwähnt Lévy nicht. Um der Toten im spanischen Bürgerkrieg willen, die er mit dem Nazi-Helfer Poroshenko gleichsetzt, sollte man Lévy wegen Leichenschändung verurteilen. An der eigenen Kotze, mit der er das Andenken der Spanien-Kämpfer besudelt hat, soll er ersticken.


    Bald wird es sicher ein neues Buch von Lévy geben. Vielleicht so originell wie jenes, mit dem er versuchte den Philosophen Immanuel Kant niederzumachen und ihn als "wütenden Irren des Denkens“ beschimpfte. In diesem Buch bezog sich der Großdenker Lévy auf den Philosophen Jean-Baptiste Botu, der nichts anderes war als eine Erfindung des französischen Satiremagazins "Le Canard enchaîné". Wahrscheinlich wird sich der Ersatz-Philosoph diesmal dem Kultur-Kampf des gotischen Spitzbogens gegen die russisch-orthodoxe Kuppel widmen. Die FAZ wird das Werk begeistert rezensieren, Poroshenko wird all sein Geld in ein Facelifting investieren, um so gotisch wie möglich auszusehen und Lévy kann mit dem Zählen der toten Ostukrainer beginnen, um festzustellen, ob er denn seinen Libyen-Rekord hat überbieten können. Und später, wenn die Trümmer ostukrainischer Städte nicht mehr rauchen und Bernard-Henri Lévy sein Mausoleum bezogen hat, wird man auf der Grabplatte lesen können: Hier liegt ein Untertan. Er war stets zu Diensten. Für ein geringes Geld. Unten rechts, in Bronze gegossen, ist dann die Fußnote zu entdecken: Gestiftet von der dankbaren internationalen Rüstungsindustrie.




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    VG.

  2. #202
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    Die unbewältigte Sprache des Joachim Gauck - Wie die Deutschen Brasilien mal niedermachten



    Die unbewältigte Sprache des Joachim Gauck

    Wie die Deutschen Brasilien mal niedermachten

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    Die unbewältigte Sprache des Joachim Gauck

    Wie die Deutschen Brasilien mal niedermachten

    Autor: Daniela Dahn
    Datum: 18. August 2014


    Reflektiertes Erinnern geht nicht ohne Sprache. Dabei ist es nicht ohne Belang, ob der Sprechende sich zu den Besiegten oder zu den Siegern rechnet.


    Im Sport gibt es da, anders als in der Politik, klare Kriterien: 7:1, Deutschland gegen Brasilien. Was für ein demütigendes Ergebnis vor der ganzen Weltöffentlichkeit für die Gastgeber, die oft ein sorgenvolles Dasein fristen. Und sich mit dieser Fußballweltmeisterschaft 2014 so viel Hoffnung auf etwas Freude und Stolz gemacht haben. Brasilien war bereit, aus der Staatskasse viel Geld für die Fußballfans aller Welt zu zahlen. Geld, das im Lande, in dem der Hunger nicht besiegt ist, anderweitig gebraucht worden wäre, wie zahlreiche Proteste bewußt machten.


    Wer hierzulande auch nur ein wenig Mitgefühl und Empathie für die Situation in Lateinamerika aufbringt, wird sich gesagt haben, daß ein knapperer Sieg im Halbfinale den an Selbstbewußtsein nicht mangelnden Deutschen auch gereicht hätte. In einem Wettstreit, bei dem es durchaus darauf ankommt, wer sich in der ganzen Welt teuerste Spieler, Trainer, Trainingslager, Ausrüstungen, Lobbyisten, Sportmediziner, Ernährungswissenschaftler und wer weiß was alles, leisten kann. Und bei dem die Brasilianer durch ein gefoultes K.o. ihres besten Spielers schon Pech genug hatten.


    Welche Worte fand der deutsche Bundespräsident angesichts dieser Situation? Als es im Endspiel gegen Argentinien knapp wird, gibt er zu: „Ich war so emotional bewegt.“ Daß dies auch die andere Seite gewesen sein könnte, scheint ihm nicht in den Sinn gekommen zu sein: „Das war ein Nervenspiel, ich habe so gezittert und gebebt und mich gefragt: Wo ist die Mannschaft, die Brasilien mit 7:1 niedergemacht hat?“ Niedergemacht? Aus welchem Vokabelheft hat er denn das? Dagegen wurde kein Wort des Respekts oder der Achtung vor der Leistung der Brasilianer oder Argentinier bekannt. Nur ein Dank an Gott, daß es doch noch „geklappt“ hat. Wie sehr die lateinamerikanischen Katholiken mit ihrem Gott hadern mußten, war ihm offenbar egal. Ein Christ ohne Erbarmen?


    Die ins Triumphgeheul einfallenden Großmedien ließen das unhinterfragt durchgehen. In den sozialen Netzwerken und Leserkommentaren gab es Unwillen. Auf Spiegel online erklärte ein Blogger, dieses Gauck-Interview sei der „Tiefpunkt des Abends“ gewesen. Angesichts einer getwitterten Fotostrecke von Regierungssprecher Seibert zum Besuch von Merkel und Gauck in Buenos Aires twitterte eine Studentin zurück: „Ich würde die mächtigste Frau der Welt und den klerikalen Kasperl aus dem Osten jetzt lieber in Gaza sehen.“ Breit diskutiert wurden die Flugkosten der Reise angesichts der enormen Staatsverschuldung in Deutschland. Der Papst als Argentinier sei vernünftiger gewesen.


    Aber niemand hat, soweit ich sehe, den propagandistischen Gehalt des Wortes „niedermachen“ analysiert. Kein Journalist und kein Blogger hat sich daran erinnert, daß es sich um ein Lieblingswort aus dem „nazistischen Lexikon“ handelt. Victor Klemperer schreibt in seinem „LTI“: „Dem Verbum ´niedermachen´ merkt man die Wut auf den Gegner an.“ In den Heeresberichten sei es zu einer stereotypen Phrase geworden. Dort werde immer wieder darauf hingewiesen, „daß Banden keinen Pardon erhalten; besonders der ständig anschwellenden französischen Résistance gegenüber heißt es eine Zeitlang regelmäßig: soundso viele wurden `niedergemacht´“.


    Klemperers Beispiele lassen sich mühelos ergänzen. Der „Führer“ persönlich hat sofort nach dem Reichstagsbrand den führenden Ton angegeben: „Wir kennen kein Erbarmen, wer sich uns in den Weg stellt, wird niedergemacht. Das deutsche Volk wird für Milde kein Verständnis haben. Jeder kommunistische Funktionär wird erschossen, wo er angetroffen wird.“


    Auch die Information Nr. 321/2014 der Bundeszentrale für politische Bildung scheint dem Bundespräsidenten entgangen zu sein. Über die Soldaten der Wehrmacht heißt es dort: „Mit der größten Selbstverständlichkeit sprachen sie von `umlegen, `abknallen und `niedermachen´ . Und zwar in einem Ton, als ob heute jemand von Meetings im Geschäftsleben berichtet.“ Oder eben vom Fußball.
    Wie sehr die Sprachregelung auch die Geistlichen erfaßt hatte, läßt sich an der 1940 erschienenen Menge-Bibel ablesen. Luther ließ bis dahin Jesus in einem Gleichnis (Lukas 19,27) auch nicht gerade menschenfreundlich fluchen: „Doch jene meine Feinde, die nicht wollten, daß ich über sie herrschen sollte, bringet her und erwürget sie vor mir.“ Hermann Menge, der bis zu seinem Tod 1939 Revisionen an seiner Übersetzung vornahm, legte Jesus in den Mund: „Doch diese meine Feinde, die nicht wollten, daß ich ihr König werde, bringt her und macht sie nieder vor mir.“


    Niedermachen – nur ein Ausrutscher des emotionalen Pastors Gauck, den man nicht überbewerten sollte? Vielleicht. Wer aber selbst seine Prägungen so stark aus familiären Erfahrungen ableitet, wird nicht überrascht sein, wenn man sich fragt, welche Sprache der kleine Joachim von seinen Eltern, die er NSDAP-Mitläufer nennt, aufgenommen hat. Als Offizier der Kriegsmarine kannte sein Vater die Heeresberichte. Als er nach dem Krieg von einem sowjetischen Kriegstribunal verurteilt wird und für vier Jahre nach Sibirien verschwindet, wird Onkel Gerhard das große Vorbild des siebenjährigen Joachim, die „Richtschnur für sein Leben“. Gerhard Schmitt war zunächst Gruppenführer der SA beim Amt für Ausbildungswesen. Später wurde er Wehrmachtsoberpfarrer für den gesamten Marineabschnitt Ostsee. Auch ihm wird die Lingua Tertii Imperii nicht fremd gewesen sein. Seinen allgegenwärtigen Antikommunismus hat der Onkel jedenfalls über die ganze Zeit als DDR-Kirchenfunktionär gerettet. Joachim Gauck hat ihm immer die Treue gehalten. Als Bürgerrechtler Anfang November 1989 für ein besseres Reisegesetz auf die Straße gingen, hatte der privilegierte Gauck einen dringenderen Termin. Wie schon mehrfach zuvor, reiste er mit Hilfe der Stasi in den Westen. Diesmal zum 80. Geburtstag von Onkel Gerhard. Kein Kind kann für seine Verwandtschaft, aber inzwischen war Joachim groß geworden und für sein Tun und Sprechen selbst verantwortlich.


    Als Bundespräsident reist Joachim Gauck nun auffällig oft zu den Stätten, an denen der deutschen faschistischen Greuel gedacht wird. Das ist ehrenwert. Wie Bundespräsident Wulff reiste er nach Yad Vashem. So wie vor Angela Merkel kein Kanzler im KZ Dachau war, war vor Gauck kein Bundespräsident in Oradour-sur-Glane. Eine Spätfolge des angeblich verordneten DDR-Antifaschismus? Oder späte eigene Einsicht? Man würde es gern glauben. An Bescheinigungen für Gaucks Glaubwürdigkeit fehlt es jedenfalls nicht. Oder ist dies geschickte Taktik seiner Berater, die womöglich Äußerungen aus seiner vorpräsidialen Zeit vergessen machen wollen?


    Etwa ein Erinnern an seine Rede im Mai 2004 in der NS-Gedenkstätte Torgau, die auch die Opfer des Massakers in Gardelegen ehrt. Noch im April 1945 wurden dort über 1000 lästig gewordene KZ-Häftlinge, ganz nach dem Muster von Oradour, von der Waffen-SS und ihren Helfern bestialisch in einer Scheune verbrannt. Doch Joachim Gauck wollte die Gedenkstätte gleichwertig auch für vermeintliche Opfer des Stalinismus öffnen. Der Zentralrat der Juden und in Torgau von den Nazis inhaftierte Deserteure protestierten vergeblich. Geehrt werden sollten unter anderem die NSDAP-Funktionäre Walter Biermann und Arno Brake, die an dem Kriegsverbrechen in Gardelegen aktiv beteiligt waren und dafür vom sowjetischen Militärtribunal in Torgau zum Tode verurteilt wurden. Daß die nur einen Tag nach dem Massaker in Gardelegen eingetroffenen amerikanischen Truppen vor Entsetzen, wie Augenzeugen schilderten, 20 beteiligte NS-Männer an Ort und Stelle erschossen, erwähnte Gauck selbstredend nicht. Vollstreckte Todesurteile gegen Naziverbrecher sollen stalinistisches Unrecht bleiben. Weshalb auch die Kanzlerin in Dachau tunlichst vermied, die 268 vollstreckten Todesurteile der Amerikaner nach den „Dachauer Prozessen“ gegen die Hauptverantwortlichen im Holocaust zu erwähnen. Selbst nach 70 Jahren bleibt in Deutschland die Erinnerung an die Aufarbeitung von NS-Verbrechen selektiv.


    Die Überreste der Kriegsverbrecher Walter Biermann und Arno Brake wurden im Juni 2003 auf dem Hallenser Gertraudenfriedhof mit Stelen und „ewigem Ruherecht“ geehrt. Im gleichen Jahr plädierte Joachim Gauck zugunsten eines neu entfachten Nationalstolzes dafür, nun, da wir unsere Hausaufgaben in Sachen NS-Aufarbeitung hinreichend gemacht hätten, da wir „neurotisch auf der Größe unserer Schuld beharren“, auch daran zu denken, daß nicht alle Täter waren.


    In seinem verquasten Vortrag „Welche Erinnerung braucht Europa“ empfand Gauck 2006 das Gedenken an den Holocaust in seiner „Einzigartigkeit überhöht“, fürchtete, es könne „quasireligiös“ werden. Und somit „dem Verstehen“ entzogen werden. Man kann den, auch zum Scheitern verurteilten, Versuch machen, die perfektionierteste Massenmordmaschine der Weltgeschichte erklären zu wollen. Bei diesem Wahn wird immer ein unerklärbarer Rest bleiben. Kann man angesichts dessen den Holocaust gar verstehen? Verstehen setzt eine nachvollziehbare Motivation voraus. Man muß diese dann nicht teilen, aber eben doch verstehen. Christlicher Antijudaismus, die Wurzel des Antisemitismus, wird zur Erklärung hinzugezogen, aber doch nicht zum Verständnis. Gauck sprach sich jedenfalls gegen eine „ewige Hierarchie der verschiedenen Ausprägungen des Bösen“ aus, weil nämlich die Singularität der Shoah das Aufarbeiten der „Schuld an siebzig Jahren Staatsterror unterminieren“ würde, kommunistischem, versteht sich.


    Er war für das „Einbringen neuer Leidensschwerpunkte in den europäischen Diskurs“, so die Schuld der anderen, etwa die französische Kollaboration oder die „Orte mit doppelter Erinnerung“, wie Buchenwald, Sachsenhausen oder Torgau. Bei Dachau setzte seine doppelte Erinnerung schon aus, genau wie bei den übrigen 34 Konzentrationslagern auf deutschem Boden, die die Westalliierten zunächst als Gefangenenlager weiterführten. Sehr präsent war ihm dagegen das „lange vernachlässigte Erinnerungsgut: Deutsche als Opfer“. Dieses Thema sei keine Relativierung, sondern „Zeichen geistiger Gesundung“. Da sprach plötzlich ein Sieger der Geschichte.


    Klemperer nannte sein Buch im Untertitel: Die unbewältigte Sprache. Er war überzeugt, „die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein – im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hüllenlos offen.“


    So dürfen wir auch künftig gespannt sein, aus welchem Fettnapf ergebene Redakteure den in Peinlichkeit getunkten Bundespräsidenten nun wieder herausziehen müssen. „Niedermachen“ werden sie ihn nicht. Da können wir beruhigt sein. Nach zwei herbeipolemisierten Rücktritten von Bundespräsidenten hat der Wunschkandidat der wirtschaftstreuen Großmedien nun Narrenfreiheit. Aller guten Dinge sind nicht drei. Das kann sich der Staat nicht leisten. So werden wir weiter die Luft anhalten müssen, wenn unser derzeitiges Staatsoberhaupt, fern von Formulierungshilfen seines Büros, in freier Rede seinen Emotionen freien Lauf läßt.


    Der Beitrag erschien zuerst in der Zweiwochenschrift OSSIETZKY
    http://www.ossietzky.net/




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  3. #203
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    Das große US-Gefängnis - Niederschiessen, Niederknüppeln, Wegsperren, Umbringen



    Das große US-Gefängnis

    Niederschiessen, Niederknüppeln, Wegsperren, Umbringen

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    Das große US-Gefängnis

    Niederschiessen, Niederknüppeln, Wegsperren, Umbringen

    Autor: U. Gellermann
    Datum: 20. August 2014


    Ein Problem? fragt die US-Administration und fackelt nicht lange. Ist das Problem im Ausland, dann wird es weggebombt. Ist es im Inland, dann kommt die Nationalgarde. Und wer sich die Polizisten anschaut, der kann sie häufig nicht mehr von der Armee unterscheiden: Scharfschützen im Tarnanzug, die Augen unter dem Stahlhelm zu verbergen sind längst üblich, auch Panzer sind bei der Polizei zu entdecken seit das "Heimatschutz-Ministerium" Rüstungsgüter im Wert von 35 Milliarden Dollar großzügig an Bundes- und Ortspolizei verteilt hat. Ausgemusterte schwer gepanzerte Fahrzeuge, die in Afghanistan oder Irak eingesetzt wurden, fanden ihren Weg von der Armee zu Polizei im eigenen Land. Kein Wunder, dass in diesen Tagen der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die amerikanischen Behörden mahnt, das Demonstrationsrecht zu achten: Der Kampf gegen die eigene Bevölkerung wird immer militanter. Zum Beispiel in Ferguson.


    Mal wieder wurde in den USA, in Ferguson Missouri, ein Farbiger erschossen, nur weil er farbig war. Und wer gedacht hatte, mit dem tendenziell farbigen US-Präsidenten hätte sich der Rassismus in Nordamerika erledigt, der irrt. Auch die Annahme, die USA sei ein Staat der Freiheit, in deutschen Medien und auf Regierungsbänken heftig beteuert, kann mit einem halbwegs gründlichen Blick auf das amerikanische Gefängnis-System schnell ins Reich der Legende verwiesen werden: In keinem Land der Welt gibt es so viele Gefangene wie in den USA. Und in keinem Land der Welt werden sie so gründlich nach der Hautfarbe ausgesucht wie im Land der Freunde von Frau Merkel.


    Natürlich kann man in den USA auch ganz normal über die Straße gehen. Aber man sollte lieber nicht farbig sein. Denn die in den Vereinigten Staaten landesweit übliche stop-and-frisk-Strategie - wer einem Polizisten verdächtig erscheint, kann angehalten, untersucht und mal schnell verhaftet werden - trifft zu 80 Prozent Latinos und Afroamerikaner. Und nicht selten kommen die Verhafteten nur sehr spät oder nie wieder raus. Die USA haben noch vor China und Russland weltweit den höchsten Anteil von Gefangenen an der Gesamtbevölkerung. Weit mehr als zwei Millionen Menschen sind in den USA inhaftiert. Das entspricht einem Prozent der erwachsenen Bevölkerung und ist Weltrekord. Auch wenn die Mehrheit der US-Bürger europäisch also "weißen“ Ursprungs ist, sind in den Gefängnissen etwa zwei Drittel der Gefangenen "People Of Color" - überwiegend Afroamerikaner, etwa 42 Prozent, weitere 16 Prozent sind Hispanics und etwa fünf Prozent asiatischen Ursprungs. Längst ist dieser alltägliche Rassismus Gewohnheit geworden.


    Gewohnheit geworden ist auch die wachsende Zahl privater Gefängnisse: Im Jahr 2010 haben private Gefängnisse in den USA etwa 3 Milliarden Dollar verdient und kräftig für die Wahlkämpfe gespendet. Unter ihnen ist die "Corrections Corporation of America (CCA)" . Führend in der Knast-Branche hat das Unternehmen in 2010 1,67 Milliarden US-Dollar umgesetzt, betreibt mehr als 60 Anstalten in den USA mit 75.000 Insassen und über 17.000 Mitarbeitern. Natürlich werden die Aktien solch profitabler Betriebe an der Börse gehandelt. Wie die Papiere ihrer Kunden - unter ihnen sind IBM, Motorola, Compaq, Texas Instruments, Honeywell, Microsoft und Boeing - denn die Gefängnisindustrie verdient nicht nur an der staatlichen Zuwendung sondern auch an der Sklavenarbeit hinter Gittern. Dass die Praxis der im Strafrecht der USA verankerten "three-strikes laws" - Bestimmungen, die einem Straftäter nach dem dritten Vergehen automatisch "lebenslänglich" eintragen - den Profit erhöht, versteht sich. Denn auch die Dauer der Haft, seit 1998 hat sich die Zahl der über 60-jährigen Häftlinge landesweit verdoppelt, sichert langfristig Umsatz und Gewinn. Auch mit Greisen hinter Gittern ist gut Geldverdienen.


    Selbst wenn es dem beschlossenen Ende zugeht - wenn die zum Tode Verurteilten vergiftet, erhängt oder gegrillt werden - haben die Schwarzen eine klare Mehrheit: Zur Zeit sitzen mehr als 3.200 Männer und Frauen in den Todeszellen. Fast 42 Prozent der zum Tode Verurteilten sind Afroamerikaner, bei einem Bevölkerungsanteil von nur 12,8 Prozent. "Ich bin bekannt für meine Ironie," notierte einst der Dramatiker George Bernhard Shaw, "aber auf den Gedanken, im Hafen von New York eine Freiheitsstatue zu errichten, wäre selbst ich nicht gekommen". Die Ironie der Geschichte ist längst zum Zynismus geronnen: Die Führung des größten Gefängnisses der Welt schwafelt ständig über Demokratie und Freiheit. Über die Freiheit Anderer in anderen Ländern versteht sich. Von Afghanistan bis hin zur Ukraine. Und während deutschen Eliten diese Heuchelei nachplappern, werden Menschen in den USA jeden Tag niedergeschossen, niederknüppelt, weggesperrt und umgebracht weil sie die falsche Hautfarbe haben.




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    VG.

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    Krieg im 21. Jahrhundert - Das Deutsche Heer: Vorbereitung auf den Sieg im Gefecht



    Krieg im 21. Jahrhundert

    Das Deutsche Heer: Vorbereitung auf den Sieg im Gefecht

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    Krieg im 21. Jahrhundert

    Das Deutsche Heer: Vorbereitung auf den Sieg im Gefecht

    Autor: Jürgen Heiducoff
    Datum: 20. August 2014


    Unser Autor Jürgen Heiducoff ist nach fast 40 Jahren Dienst in zwei deutschen Armeen Anhänger der Friedensbewegung geworden. Über 20 Jahre war er auf dem Gebiet der militärischen Rüstungskontrolle, der Vertrauens- und Sicherheitsbildung und Abrüstung tätig. Die Teilnahme an Waffenstillstandsverhandlungen während des Kaukasuskrieges Rußlands in Tschetschenien und fast drei Jahre Einsatz in Afghanistan haben ihm gezeigt, dass Krieg und Gewalt in der heutigen Welt nicht zur Konfliktlösung geeignet ist. Er wurde im Rang eines Oberstleutnant aus der Armee entlassen. - Heiducoff sieht in der Bundeswehr einen klaren Sinneswandel von einer Abrüstungsperspektive hin zum Kriegsdenken.

    Unweit der deutschen Hauptstadt, im Landkreis Märkisch - Oderland liegt das Städtchen Strausberg.
    Am 30. August findet dort das traditionelle Friedensfest statt. Unter den Gästen werden wie alljährlich viele ehemalige Offiziere und Generale sein. Hier befand sich das Ministerium für Nationale Verteidigung der ehemaligen DDR und ein internationales Tagungszentrum des Warschauer Vertrages.
    Im Norden der Stadt ist auch heute noch ein Kasernenkomplex zu finden. Von einigen Modernisierungen abgesehen, hat sich infrastrukturell seit den 1980er Jahren nicht all zu viel geändert. Neu ist der Geist, der hier herrscht. Hier finden wir heute das neu aufgestellte Kommando Heer und die Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation (AIK).
    Nachdem die Strategie des Warschauer Vertrages nach 1987 konsequent auf Verteidigung ausgerichtet worden war, umfangreiche Rüstungs- und Streitkräftereduzierungen vorsah und auf einen Prozess der militärischen Vertrauensbildung orientierte, fand in dieser Strausberger Kaserne, wenn auch zähflüssig, eine erste Wandlung im Umgang zwischen den Militärblöcken statt.
    Hier wurde ein Verifikationszentrum aufgebaut – eine der Urzellen internationaler militärischer Kontakte und Vertrauensbildung. Offiziere wurden vorbereitet, die Inspektionen zum INF – Vertrag über die Beseitigung von Mittelstreckenraketen und die Manöverbeobachtungen sicherzustellen. Bereits im Sommer 1988 sind bei Großmanövern sowjetischer Truppen und der NVA ausländische Beobachter begleitet worden.
    Natürlich waren an den ersten Kontakten nur handverlesene Generale und Offiziere beteiligt. Aber es war ein Anfang getan. Und es begann ein tiefgreifendes Umdenken.
    Bei aller Skepsis und Zurückhaltung gab es in dieser Zeit auch Hoffnungen auf eine friedliche Welt.
    Heute, ein Viertel Jahrhundert später, haben sich diese Träume leider längst aufgelöst.
    Die Welt hat sich verändert. Sie ist kriegerischer geworden.
    Da bedürfte es eigentlich konstruktiver Friedensbotschaften. Doch leider kommen andere Signale aus Strausberg.
    Die AIK bildet die Jugendoffiziere aus, die in den Schulen für das Kriegshandwerk werben. Auch sonst pflegt die Akademie recht intensive Kontakte zu Hochschulen, aber auch zur Gesellschaft.
    „Krieg im 21. Jahrhundert“ lautet martialisch das Thema einer „Summer School“ der AIK in Kooperation mit der Universität Köln. Zielpersonen dieser Kriegsseminare, die am Weltfriedenstag beginnen, sind Masterstudierende und Promovierende in geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studiengängen. Langfristig soll der künftigen Elite und unserer Gesellschaft die naturgegebene Kriegsangst genommen werden. Es sieht so aus, als sehnten die Veranstalter den Krieg herbei. Als hätte unsere Gesellschaft keine anderen Probleme.
    Nebenher läuft an den Universitäten Augsburg und Bremen ein Forschungsprojekt zum Soldatentod.
    Heeresinspekteur Generalleutnant Kasdorf führt von Strausberg aus die Neuausrichtung und die auf weltweite Einsätze ausgerichtete Ausbildung der größten Teilstreitkraft. Im Klartext heißt das: Vorbereitung auf den Sieg im Gefecht, auf den Krieg – auf Tod, Verwundung und Traumatisierung.
    Kasdorf selbst ist gezielt für diese Funktion als Heeresinspekteur aufgebaut worden. Er gehört zu den Generalen mit der größten Einsatzerfahrung. Zwei Mal war er Chef des Stabes der Internatio-nalen Schutztruppe ISAF in Afghanistan, seine Vorgesetzten waren Viersternegeneräle der US Army. Von denen konnte er unmittelbar Aufstandsbekämpfung im zivilen Umfeld lernen.
    Bis zuletzt war er davon überzeugt, dass die Aufständischen besiegt werden können.
    Vom Einsatz her denken, das ist einer der Leitsprüche. Doch Einsatz, zum Beispiel in Afghanistan, das ist, wenn auch asymmetrisch, doch immerhin Krieg.
    Der Inspekteur besuchte vor einigen Wochen das Deutsche Einsatzkontingent in Mali. Kasdorf posierte mit Pionieren beim Übersetzen des Niger. 1)
    „Bei ... Konflikten müsse mit einer Vielzahl von Risiken und Bedrohungen in unterschiedlichen Regionen, zu unterschiedlichen Zeitpunkten, mit unterschiedlicher Intensität und in unterschiedlicher Kombination gerechnet werden … Die Fähigkeit zur Kontrolle urbaner Räume ist dabei zum Aufbau und Erhalt von Sicherheit und Ordnung unabdingbar“, sagte Kasdorf während einer Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V. 2)
    Ein klarer Sinneswandel von einer Abrüstungsperspektive hin zum Kriegsdenken in Strausberg.
    Hier werden in der Gegenwart die Grundprinzipien der Ausbildung des Heeres konzipiert. Ein Schwerpunkt wird auf die Fähigkeiten zum Kampf im urbanen Gelände gelegt. Dazu zählt vor allem die Fähigkeit zum Häuser- und Tunnelkampf. Laut „Welt am Sonntag“ vom 10.08.2014 wird „die Zusammenarbeit der Bundeswehr mit den israelischen Verteidigungsstreitkräften intensiviert. Wie der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Bruno Kasdorf, dem Verteidigungsausschuss des Bundestags mitteilte, sollen ... deutsche Soldaten nach Israel geschickt werden, um dort im Häuser- und Tunnelkampf ausgebildet zu werden. Es gehe um den Austausch von Einsatzerfahrungen sowie gemeinsame Ausbildungen und Übungen, erläuterte Kasdorf in seinem Schreiben an den Ausschussvorsitzenden Hans-Peter Bartels (SPD): "Das Heer strebt an, zeitnah israelische Ausbildungseinrichtungen zum Kampf im urbanen Gelände (einschließlich Tunnelkampf) bis zur Ebene einer verstärkten Infanteriekompanie zu nutzen." 3)
    Seit Jahrhunderten liegt der Schwerpunkt der Ausbildung deutscher Landstreitkräfte auf der Vorbereitung von Feldschlachten. Im Felde konnten sich reguläre Streitkräfte messen und zugleich zivile Verluste gering halten. Doch nun verzeichnen wir immer mehr eine Ausrichtung der Ausbildung auf den Kampf in Städten. Es bleibt spekulativ, welche Städte in welcher Region gemeint sein könnten. Und es liegt auf der Hand, dass künftig in diesem Umfeld von Kampf und Vernichtung verstärkt zivile Opfer einkalkuliert werden. Afghanistan lässt grüßen.
    Eine grauenhafte Perspektive des Einsatzes der Streitkräfte einer Demokratie.

    Im Folgenden weitere Auszüge aus Interviews, die General Kasdorf in der Vergangenheit gab:

    Interview des Deutschlandfunks vom 12.04.2007 mit dem damaligen Chef des Stabes ISAF, Generalmajor Kasdorf:
    „Simon: Was könnte die Schutztruppe insgesamt besser tun, wenn die Mitgliedsländer mehr Soldaten schickten?
Kasdorf: Wir wären natürlich wesentlich besser in der Lage, überall dort auch tätig zu werden, wo bisher die Regierung Afghanistans noch nicht tätig hat werden können auf Grund der Sicherheitslage und auf Grund der tatsächlich zu geringen Anzahl von NATO- wie auch von afghanischen Truppen.
Simon: Wenn Sie sagen, tätig werden, was meinen Sie damit dann?
Kasdorf: Ich habe eingangs ja gesagt, wir sprechen über die Unterstützung der afghanischen Regierung, und worum geht es hier vor allen Dingen? Es geht darum, die Hoheitsgewalt der afghanischen Regierung durchzusetzen in Gesamtafghanistan und die Voraussetzung zu schaffen, dass Wiederaufbau und Entwicklung stattfinden kann. Und nur über diesen Weg werden wir letztendlich auch in Afghanistan erfolgreich sein können.
    Simon: Gerade angesichts dieser Zahl, die Sie nennen, Generalmajor Kastorf, ist es für die ISAF ja sehr problematisch, dass gerade im Süden bei Angriffen der ISAF oder wo man eben Taliban sucht, versucht, sie zu finden, immer wieder auch Zivilisten ums Leben kommen. Das schadet Ihnen ja in der Bevölkerung. Gibt es da inzwischen neue, schärfere Anweisungen für die ISAF-Soldaten?
Kasdorf: Also Sie können eigentlich nicht von schärferen Anweisungen sprechen. Wir sind besorgt um jedes Menschenleben, und wir tun alles, was wir können, um afghanisches Leben auch zu schonen. Wir sehen hier einen anderen Trend, und deshalb, sage ich mal, zweifle ich, wenn ich das die letzten Monate verfolge, ob das wirklich so ist, dass es uns schadet, weil diejenigen, die Böses wollen, eigentlich keine Rücksicht mehr auf die Bevölkerung nehmen, und diese IED-Anschläge, also die improvisierten Sprengkörper, richten auch in der afghanischen Bevölkerung riesengroßen Schaden an, mehr als sie bei uns anrichten.“ 4)

    Interview „Die Welt“ mit Generalmajor Kasdorf am 05.10.2007:
    „WELT ONLINE: Viele der von Isaf eingenommenen Gebiete konnten in der Vergangenheit nur kurze Zeit gehalten werden. Dann nehmen die Taliban diese wieder ein. Sind es manchmal nicht nur kurzfristige Erfolge?
    Kasdorf: Man kann nicht sagen, dass die Gebiete zurückerobert werden. Wir sind den Taliban in jeder Hinsicht überlegen. Wenn sie sich in einer normalen konventionellen Auseinandersetzung mit uns messen, dann haben sie keine Chance. Dort wo sie operieren, schmeissen wir sie raus. Allerdings sind unsere Kräfte nicht zahlreich genug, dass wir im gesamten Land gleichzeitig sein können. Und so kann man sich immer wieder Gegenden suchen, wo die Taliban auftreten können. Wenn wir unsere Kräfte herausbewegen, kommen sie wieder zurück.
    WELT ONLINE: Können Sie die Bedenken des Bundestages und auch der deutschen Bevölkerung nachvollziehen ?
    Kasdorf: Nein. Zunächst muss man sich darüber im Klaren werden, was wir hier selber für Interessen haben. Ich habe einen vielleicht eher egoistischeren Ansatz: was sind eigentlich die Interessen Deutschlands in Afghanistan? Wir wollen verhindern, dass Afghanistan zum Ausbildungs- und Rückzugsgebiet von Terroristen wird, wir wollen verhindern, dass Afghanistan auf Dauer der größte Drogenproduzent wird. Wir wollen zusehen, dass die Region stabilisiert wird angesichts der unmittelbaren Nachbarschaft von drei, demnächst vielleicht sogar vier Nuklearmächten. Das sind deutsche Interessen, die viel zählen und hoch zu gewichten sind. Wenn man das alles bejaht, dann muss man auch das tun, was erforderlich ist, um dieses Ziel zu erreichen.“ 5)

    Interview FAZ mit Generalmajor Kasdorf 17.01.2008:
    „FAZ: Herr General, wie lautet Ihre Bilanz nach gut einem Jahr als Chef des Stabes, also als rechte Hand des Kommandeurs der Afghanistanschutztruppe Isaf?
    Kasdorf: Die Isaf-Bilanz sehe ich positiv. Wir haben von Anfang an die Initiative ergreifen können. Die Taliban hatten angekündigt, im Frühjahr eine großen Offensive zu starten. Das haben wir unterlaufen. Zusätzlich hat die afghanische Armee deutlich an Kapazität gewonnen. Ein gutes Beispiel ist die Operation in Musa Qala gewesen, wo die afghanische Armee tatsächlich in Führung war und wir sie dabei unterstützt haben.
    FAZ: Wie muss sich die Bundeswehr, die ihren Schwerpunkt und das Regionalkommando im Norden hat, auf die künftigen Entwicklungen einstellen?
    Kasdorf: Wir lernen alle gemeinsam, wie wir uns auf bestimmte Aktivitäten einstellen müssen. Auch die Bundeswehr. Da geht es um Ausbildung, auch um Ausrüstung. Man muss überlegen, welche Rolle schwere Ausrüstung künftig spielt. Wir sehen den Einsatz von Panzern und Panzerhaubitzen im Süden, was letztendlich nutzt, um eigenes Leben zu schützen. Ohne dass ich einen Panzerkrieg herbeireden möchte: Wenn man da drinsitzt, hat man einen besseren Schutz. Und hat gleichzeitig abschreckende Wirkung.“ 6)


    Quellen:

    1) http://www.deutschesheer.de/portal/a...sR0UAn0IjRw!!/

    2) http://www.deutschesheer.de/portal/a...EZGAa-YdRNFUd8 RHFp4hBXVVn_a5_gyNiwKdkCgEiWsfeOqEID3S80mYDd-o546 ry3I0ENgUSZYsS_ElR0ZJDHNiCQvJzIWAH1SnTVPrrf7LfKrDq Tm3lVk3x7pV8zTtv8QqT6g!/


    3) http://www.welt.de/politik/deutschla...soll-in-Israel den-Tunnelkampf-lernen.html

    4) Deutschlandfunk 12.04.2007 - http://www.dradio.de/dlf/sendungen/i...ew_dlf/614311/


    5) Interview „Die Welt“ mit General Kasdorf am 05.10.2007 -
    http://www.welt.de/politik/article12...eberlegen.html


    6) Interview FAZ mit Generalmajor Kasdorf 17.01.2008 -
    http://www.faz.net/aktuell/politik/a...n-1511618.html




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    VG.

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    Die Irren sind unter uns - Ganz Deutschland eine Rüstungs-Anstalt



    Die Irren sind unter uns

    Ganz Deutschland eine Rüstungs-Anstalt

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    Die Irren sind unter uns

    Ganz Deutschland eine Rüstungs-Anstalt

    Autor: U. Gellermann
    Datum: 25. August 2014


    Ein düsterer Wahn umweht Regierungs- und Medienzentralen in Berlin. Ein Wahn von Waffen, von Wichtigkeit und von Weltgeltung. Kaum jemand hat diesen Wahn bisher besser zusammengefasst als Frank Wahlig vom ARD-Hauptstadtstudio: "Die Front wird Wirklichkeit", ruft der Mann dem Zuschauer zu, "Deutschland liefert Waffen. Nur die Üblichen rufen weiter nach Gebetskreisen, Aspirin und Bäckereien und nach einem Abwarten, dass das Morden weiter ermöglicht. Das ist ein Politikwechsel. Deutsche Waffen in Kriegsgebiete: Das wird von jetzt an kein Tabu mehr sein. Dieser Bruch ist notwendig." Waffen in den Irak, das ist der nächste Schritt triumphierender "deutscher Verantwortung", der nächste Schritt deutscher Großmannssucht in die Abgründe internationaler Kriege.


    Doch nicht nur am Rand der politischen Macht, nicht nur in den Medien schreit es nach bewaffneter Bedeutung. Auch aus dem CDU-Strippenzieher Volker Kauder spricht die Besoffenheit der Geltungssucht: "Die Interessen unseres Landes" sagt er mit Blick auf den Kriegseinsatz im Irak, "und unsere Werte sind nicht immer deckungsgleich. Man kann sie nicht gegeneinander ausspielen." Was die deutschen Werte sind, das steht im Grundgesetz und seinem Gebot der Landes-Verteidigung. Was die deutschen Interessen sein sollten, sagt die deutsche Bevölkerung beharrlich in den Umfragen: Kein Soldat, keine Waffen ins Ausland. Doch der wirre Kauder - flankiert vom geschwollenen Gauck bis zum kranken Ehrgeiz der von der Leyen, die eine "Bereitschaft zum Tabubruch" fordert - ist an den Deutschen nicht interessiert. Er trifft sich mit dem schrillen Ton des ARD-Hauptstadtstudios: "Das deutsche Volk ist überwiegend gegen Einmischung und Verantwortung. Lichterketten wären sicherlich die leichtere Alternative". Sie scheissen auf das Volk. Und pflegen ihren Wahn.


    "Die sehr gute Trefferquote der MILAN und die leichte Schulung der Richtschützen machte sie zu einem der weitestverbreiteten Lenkflugkörper weltweit." So steht es im Verkaufsprospekt des handlichen Raketenwerfers, der demnächst aus Bundeswehr-Beständen in den Irak geliefert werden soll. Das Wort heißt WEITESTVERBREITET. Mal haben die Franzosen viele praktische MILANs im Wert von 168 Millionen Euro an die Gaddafi-Regierung geliefert. Dann wiederum machten die Diktaturen Saudi Arabiens und Katars viele MILANs der libysche Opposition gegen die Regierung zum Geschenk. Gesichtet wurde die mobile Wunder-Waffe auch schon bei der libanesischen Hisbollah-Miliz, im Tschad und ebenfalls in Syrien: Dort hantiert die oppositionelle, islamistische Al-Nusrah-Front - bis zum Streit mit dem eben noch befreundeten "Islamischen Staat (IS)" - mit dem Todes-Gerät wie ein Video belegt. Treffen demnächst im Irak MILANE auf MILANE? Erklimmt die wahnwitzige "deutsche Verantwortung" bald die gefährlich verblödeten Höhen der USA? Denn mit deren im Irak irgendwie hinterlassenen Militärzeugs terrorisiert der "Islamische Staat" zur Zeit jene Menschen, deretwegen das unverantwortliche Deutschland aus "humanitären" Gründen erstmal Waffen liefern will.


    Es werden die üblichen humanitären Gründe gewesen sein, mit denen die Kanzlerin sich bewaffnet hatte, als sie jüngst Lettland besuchte. Die Beistandspflicht der Nato stünde nicht nur "auf dem Papier" versicherte sie mit Blick auf die Ukraine, sie müsse "im Zweifelsfall natürlich auch mit Leben gefüllt werden". In Riga hätte sie gut Raimonds Graube treffen können. Der ist nicht nur Generalleutnant und Befehlshaber der lettischen Streitkräfte, der nimmt auch gern an Veranstaltungen lettischer SS-Veteranen teil. Solche Treffen, wie auch der jährliche Zug der "Lettischen Legion", ein SS-Gedenkmarsch durch Riga, werden den Regierenden notwendig sein, um jenes Drittel der Bevölkerung in Lettland zu bedrohen, der man Russisch als zweite Amtssprache ebenso verweigert wie die volle Staatsbürgerschaft. Mit diesem Problem der Russo-Phonie hat auch der ukrainische Präsident zu tun, den die Merkel als nächsten besuchte. Schon vorab hatte Regierungssprecher Seibert verkündet, bei den Gesprächen gehe es darum, Wege zu finden, um die Ukraine im Kampf gegen die Aufständischen zu unterstützen. Sollen nur MILANs aus den Restbeständen der Bundeswehr nach Kiew geliefert werden, um den Mord an der russischen Bevölkerung zu beschleunigen? Immerhin sieht das umnachtete EU-Ukraine-Assozierungsabkommen ja die militärische Zusammenarbeit und den gemeinsamen Anti-Terror-Kampf der Partner vor. Im Zweifelsfall wird sich Deutschland für eine mit Nazi-Ministern geschmückte Regierung einsetzen. Zumindest Geld sollte sich für den humanitären Bündnisfall finden lassen.



    Das sieht auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Patrick Sensburg im Irak-Fall so: "Es ist nicht damit getan, einfach Waffen zu liefern“. Sensburg will Bundeswehrsoldaten schicken. Nicht weit von ihm entfernt winkt der Grünen-Außenpolitiker Nouripour mit der Luftwaffe: "Natürlich kann auch das Militärische eine Rolle spielen, vor allem aus der Luft. Immer von deutscher Verantwortung in der Welt zu sprechen, und dann sich in die Büsche schlagen, wenn es ungemütlich wird, das geht nicht." Der grüne Militär-Experte Cem Özdemir weiß genau, dass man der deutschen Verantwortung im Kampf gegen den "Islamischen Staat" nicht "mit der Yoga-Matte" gerecht werde. Im verstörten Sprachgebrauch der Waffen-Narren verbleibt auch Aussenminister Steinmeier in einem Brief an die SPD-Abgeordneten: Es reiche nicht den kurdischen Kämpfern „anerkennend auf die Schultern zu klopfen“. Wer vorschnell Nein sage zu Waffen, „macht es sich zu leicht“.


    Der gewöhnliche deutsche Kriegs-Irre macht es sich ähnlich schwer wie die USA: Politische Probleme werden grundsätzlich mit Waffen gelöst. Die Erfolge sind weltweit zu besichtigen. Die Insassen der Rüstungs-Anstalt setzen auf Risiko. Und während sie anderer Leute Leben aufs Spiel setzen, halten sie sich für toll: Für Tabubrecher, für Vertreter deutscher Interessen, für Träger schwerster Verantwortung. So geht Paranoia. Gegen ihre aggressive Form hilft nur Wegsperren.





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    Humboldts Anschauung der Welt- In Deutschland gehören netto zwei Jahrhunderte dazu, um eine Dummheit abzuschaffen.



    Humboldts Anschauung der Welt
    In Deutschland gehören netto zwei Jahrhunderte dazu,
    um eine Dummheit abzuschaffen.

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    Humboldts Anschauung der Welt

    In Deutschland gehören netto zwei Jahrhunderte dazu,
    um eine Dummheit abzuschaffen.


    Autor: Botho Cude
    Datum: 25. August 2014
    -----
    Buchtitel: Kosmos
    Buchautor: Alexander von Humboldt
    Verlag: Die Andere Bibliothek



    Die Natur ist eine Gans, man muß erst sie zu etwas machen.
    Goethe /1/



    „Die Andere Bibliothek“ hat uns in der letzten Zeit mit einigen schätzbaren Großdrucken beglückt. Jetzt ist Alexander von Humboldts ursprünglich fünfbändiger „Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“ in einem voluminösen Wälzer von über 900 Seiten im Quart-Format neu aufgelegt worden. Beigefügt ist im Reprint der „Physikalische Atlas“ von Heinrich Berghaus, seinerzeit gedacht als Hilfsmittel beim Studium von Humboldts „Kosmos“.


    Alexander von Humboldt (1769 – 1859) war wohl eines der letzen Universalgenies. Und so befasst er sich im „Kosmos“ nicht nur mit den Geowissenschaften und der Astronomie. Auch die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte, die Entdeckungsreisen, Landschaftsmalerei und Naturdichtung sind Gegenstand seiner Betrachtungen. Seit Humboldts Zeit sind die Spezialwissenschaften in ungeheurem Maß fortgeschritten und ein Einzelner kann heute aus dem schier unendlichen Material schwerlich ein mehrbändiges Kompendium verfertigen. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass sich schon Humboldt bei seiner Ausarbeitung des „Kosmos“ die umfassende Unterstützung von befreundeten Fachgelehrten sicherte.


    Eckermann berichtet unter dem 11. Dezember 1826: Ich fand Goethe in einer sehr heiteren aufgeregten Stimmung. „Alexander von Humboldt ist bei mir gewesen“, sagte er mir sehr belebt entgegen. „Was ist das doch für ein Mann! Ich kenne ihn so lange und doch bin ich von neuem über ihn in Erstaunen. Man kann sagen, er hat an Kenntnissen und lebendigem Wissen nicht seinesgleichen. Und eine Vielseitigkeit, wie sie mir gleichfalls noch nicht vorgekommen ist! Wohin man rührt, er ist überall zu Hause und überschüttet uns mit geistigen Schätzen. Er gleicht einem Brunnen mit vielen Röhren, wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es uns immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt. Er wird einige Tage hier bleiben, und ich fühle schon, es wird mir sein, als hätte ich Jahre verlebt.“ /2/


    Damals beginnt Alexander von Humboldt den Stand der Naturwissenschaft seiner Zeit über die Erde und das Universum zu formulieren. Vor dem Berliner Publikum hält er im Winter 1826/27 Kosmos-Vorlesungen an der Universität und zeitgleich die populären Kosmos-Vorträge an der Singakademie. Sie bilden den Grundstock für sein Werk „Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“. Der „Kosmos“ erschien von 1845 bis 1862 in fünf Bänden und beschäftigte den Autor in den letzten 30 Jahren seines fast 90jährigen Lebens. Anders als die französisch verfassten wissenschaftlichen Hauptwerke über seine Forschungsreise durch Südamerika war der „Kosmos“, wie zuvor schon die „Ansichten der Natur“ (1808), zuerst für den deutschen Leser konzipiert und sollte ein großer buchhändlerischer Erfolg werden. Weit über 80.000 Exemplare wurden von Cotta verkauft. Wenn man Heinrich Berghaus Glauben schenken darf, erhielt Humboldt als Honorar für sein epochales Werk vermutlich insgesamt nur 5.000 Taler. /3/


    Sprachlich glanzvoll sind die ersten beiden Bände. Der Eingangsband enthält nach einleitenden Betrachtungen als „Naturgemälde“ eine geraffte Abschilderung des damals bekannten Weltraums und der Erde von gravitätischer Schönheit. Allerdings ähnelt unser heutiges durchgeknalltes Universum dem stationären Weltraum des Biedermeiers weniger als eine computergesteuerte Großbäckerei dem soliden Backofen aus „Hänsel und Gretel“. Auch Humboldts Ausführungen zur Naturgeschichte sind nur noch historisch zu nehmen.
    Der zweite Band eröffnet mit der Geschichte des Naturstudiums. Die Dichter und Denker der Völker werden herangezogen, beginnend mit Hesiods „Werken und Tagen“ über Vergils „Georgica“ und Lönnrots Sammlung des „Kalevala“ bis hin zu Bernardin de St. Pierres „Paul und Virginia“. Am Ende stehen Georg Forster und Charles Darwin. Dann widmet sich Humboldt der Landschaftsmalerei, insofern sie die Natur abschildert. Es folgt die Geschichte der Erkenntniß des Weltganzen (S. 240), als deren Ausgangspunkt Humboldt den Mittelmeerraum annimmt. Quellenforschung zur Geographie seit den alten Griechen, Geschichte der Eroberungszüge und Entdeckungsreisen und der Fortschritt von Astronomie und Naturwissenschaft sind fesselnde Lektüre auch für uns moderne LeserInnen.
    Der dritte Band des „Kosmos“ referiert den damaligen Erkenntnisstand der Astronomie. Der Sternhimmel und unser Sonnensystem werden abgehandelt. Der dynamische entwicklungsgeschichtliche Ansatz unterscheidet die Darstellung von den seinerzeit gängigen astronomischen Handbüchern. Der literarische Anspruch tritt zurück, die wissenschaftliche Materialsammlung dominiert.
    Im vierten Band wendet sich Humboldt den tellurischen Erscheinungen zu. In Erweiterung des Naturgemäldes aus Band Eins betrachte er die Erde als Ganzes (Größe, Gestalt usw.) Dann befasst er sich mit der Reaktion des Erdinnern, d. h. mit dem weltweiten Vulkanismus und resultierenden Veränderungen der Erdkruste. Die magmatischen Gesteine werden behandelt. Auch in diesem Band dominiert der Materialreichtum.


    Naturgemäß konnte der greise Autor mit einem solchem Monumentalwerk nicht zu Ende kommen. Der posthume fünfte Band enthält nur noch ein größeres Fragment zur Geologie (Vulkanismus, Gebirgsformationen) und den Apparat.
    Der beigelegte „Physikalische Atlas“ von Heinrich Berghaus, zuerst erschienen 1845-48 bei Perthes in Gotha, bietet auch die Teilgebiete, zu deren Ausarbeitung Humboldt aber nicht mehr gekommen ist: „Meteorologie und Klimatographie“, „Hydrologie und Hydrographie“, „Geologie“, „Magnetismus der Erde“, „Pflanzengeographie“, „Geographie der Tiere“, „Anthropographie“ und „Ethnographie“. /4/

    Der Apparat des fünften Bandes fehlt in der Neuausgabe, vermutlich um die einbändige Edition nicht unnötig aufzublähen. Interessierte LeserInnen werden auf den fünften Band der Erstausgabe verwiesen, der aber antiquarisch Goldstaub ist.
    Die Anmerkungen haben die Herausgeber zweckmäßig dem Text beigeordnet. Humboldt hatte sie seinerzeit ans Ende des jeweiligen Bandes gesetzt.
    In einem irrt die Editorische Notiz. Die zeitgleich erschienene vierbändige Ausgabe bei Cotta im Klein-Oktav ist durchaus nicht seitengleich mit der abgedruckten Erstausgabe.


    Der „Kosmos“ wandte sich an den bildungshungrigen Bürger des Biedermeiers. Er war ein herausragendes Produkt der naturwissenschaftlichen Aufklärung des 19. Jahrhunderts, beileibe kein Handbuch für Kolonisatoren. Die unendliche physische Welt bot keinen Platz mehr für Gott. Das machte Humboldts Weltbetrachtung den klerikalen Kreisen suspekt. Auch deshalb galt sein Charakter manchen Zeitgenossen als problematisch.
    Die Biographen schildern Humboldt durchweg als einen äußerst höflichen, viel zu großzügigen Menschen und allzu freimütigen Gesprächspartner. Wenn einer ein sehr langes Leben in einem bedeutenden Bekanntenkreis mit einem hervorragenden Gedächtnis und kritischer Weltsicht verbindet und den Mund nicht halten kann, pflegt einiges zusammen zu kommen.
    Im Jahr 1855 sprach der alte Herr zu einem Potsdamer Lehrer: „In Deutschland gehören netto zwei Jahrhunderte dazu, um eine Dummheit abzuschaffen, nämlich eins, um sie einzusehen, das andere aber, um sie zu beseitigen.“ /5/


    Anmerkungen

    /1/ Biedermann, Goethes Gespräche, Leipzig 1909, Bd. 2, S. 437
    /2/ Goethes Gespräche mit J.P. Eckermann, Leipzig 1908, Bd. 2, S. 279
    /3/ vgl. die Gespräche Alexander von Humboldts, Berlin 1959, S. 409
    /4/ Kosmos, Die Andere Bibliothek 2014, Editorische Notiz, S. 934
    /5/ Gespräche Alexander von Humboldts, Berlin 1959, S. 365





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    Wirtschaftskrieg gegen Russland - Erst mal Sanktionen für das Vaterland



    Wirtschaftskrieg gegen Russland

    Erst mal Sanktionen für das Vaterland

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    Wirtschaftskrieg gegen Russland

    Erst mal Sanktionen für das Vaterland

    Autor: U. Gellermann
    Datum: 01. September 2014


    Schizophrenie kann schön sein. Zumindest muss man das bei Regierungen wie der deutschen, der amerikanischen oder britischen vermuten. Deren Truppen treiben sich schon lange ohne jegliche Legitimation in Afghanistan rum oder auch im Irak. Die unterstützten - die USA und England mehr, die Deutschen weniger - mit Waffen und Geld in Libyen oder Syrien Separatisten. Rufen aber laut "haltet den Dieb", wenn etwas scheinbar Ähnliches von Russland in der Ukraine betrieben wird. Aber wenn man dann dringlich nach Beweisen für russische Untaten sucht, dann lagern die ausgewerteten Daten der Flugschreiber des Flug MH17 der Malaysia Airlines seit Wochen unveröffentlicht in Holland, die Protokolle des Funkverkehrs zwischen dem Flughafen Kiew und dem Absturzflugzeug liegen sogar seit Mitte Juli beim ukrainischen Geheimdienst SBU unter Verschluss, und die neuesten NATO-Satellitenbilder über russische Truppenbewegungen haben die Qualität schlechtester Hobby-Fälschungen. Macht nix, sagten die Steinmeiers im Dienste der USA beim jüngsten Außenminister-Treffen der EU und diagnostizieren eine "neue Dimension" in der Ost-Ukraine. So ist es bei Bewusstseins-Spaltungen: Der Balken im eigenen Auge macht die Splitter im fremden Auge erst so richtig sichtbar.


    Nun also noch mehr Sanktionen als zuvor. Verkündeten die über den faden Schein eines Gedanken erhabenen Lenker der EU am Wochenende in Brüssel. Fällt jemandem auf, dass hier ein dringender Wunsch der USA erfüllt wird? Denn das Handelsvolumen der EU mit Russland ist zehnmal größer als das zwischen den USA und Russland. Die USA verlieren nichts, wenn sie die Wirtschaftsbeziehung zu Russland abbrechen. Denn Sanktionen haben zuweilen Bumerang-Charakter: Man will Putin treffen und hat wenig später das krumme Holz am eigenen Kopf. Beispiel Deutschland: Russland steht unter den deutschen Handelspartnern an 11. Stelle. Mehr als 300.000 Arbeitsplätze hängen hierzulande vom Handel mit Russland ab. Deutsche Unternehmen haben in Russland rund 20 Milliarden Euro direkt investiert. Rund 200 Unternehmen mit deutscher Beteiligung sind in Russland aktiv. Und vor allem die Automobilindustrie hat große Pläne. VW-Chef Martin Winterkorn hatte sich schon die Hände gerieben: "Bis Ende 2018 investieren wir weitere 1,2 Milliarden Euro in Russland.“ Und, so ganz nebenbei: Deutschland bezieht 36 Prozent seiner Öl-Importe und 35 Prozent seiner Gas-Einfuhren aus Russland. Das kann ein kalter Winter werden, wenn Deutschland und die EU weiter den König des ukrainischen Gashahns, Petro Poroshenko und seine Milizen in der Ostukraine unterstützen. "Strafmaßnahmen" wollen die EU-Chefs gegen Russland verhängen. Als seien sie die Lehrer und Russland der Schüler. Aber die Lehrer handeln gegen die eigenen, die nationalen Interessen. Weil der Oberlehrer, der berühmte Experte für Menschenrechte Obama das so will.


    Putin ist nach dem Verständnis der USA dabei, ein schweres Verbrechen zu begehen, das die Herren Saddam Hussein (Irak) und Muammar al-Gaddafi (Libyen) bereits Leben und Staat gekostet hat. Auch die hatten überlegt ihr Öl nicht mehr auf Dollarbasis zu verkaufen. Nun denkt man Russland darüber nach Gas und Öl künftig in Rubel, Euro oder der chinesischen Währung Yuan zu handeln. So kann man es in Zeitungen in Österreich und der Schweiz lesen. In deutschen Zeitungen kaum: Die sind längst das Papier nicht mehr wert, auf dem sie gedruckt werden. Da die völlig verschuldeten USA - deren Staatsverschuldung unvorstellbare 17.556 Milliarden Dollar beträgt - ihre Vormachtstellung nur halten kann, wenn der Ölpreis weiter an den Dollar gekoppelt ist, kann sie Putins Ankündigung nur als Kriegserklärung begreifen. Denn nur wenn der an den Ölpreis gebundene US-Dollar als globale Leitwährung Bestand hat, kann die USA weiterhin billiges Papier bunt bedrucken, behaupten es sei echtes Geld. Und damit jene Militärmacht finanzieren, die in fast jeder Ecke der Welt fast jeden, den sie zum Gegner erklärt, unterwerfen kann. Da sind Sanktionen, auch wenn sie Europa Geld und Arbeitsplätze kosten, vergleichsweise harmlose Drohungen.


    Manche Drohungen schleichen sich an, sind kaum merkbar und doch erkennbar. Jüngst in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG: Eine Todesanzeige. An sieben Tote der Familie Pagenkopf, die von zwei Weltkriegen gefressen wurden, wird dort erinnert. Einer der Pagenkopfs blieb für immer in einer dieser blutigen Schlachten des Ersten Weltkrieges: Bei Craonne/Aisne. Auf dem Soldatenfriedhof im Departement Aisne liegen 11.089 deutsche Soldaten und 7.236 französische. Ein anderer der Familie kam aus Witebsk, damals Sowjetunion, nicht mehr lebend zurück. Der war im Zweitem Weltkrieg ein Soldat der Reichswehr. Nach der Eroberung vom eben diesem Witebsk durch die Deutschen wurde die gute Gelegenheit genutzt, um 15.000 Juden zu erschiessen. Über den Namen der Traueranzeige steht: "Sie starben für ihr Vaterland". Es ist wieder möglich, die militärische Mordmaschine des Kaiser-Reiches und den Vernichtungsapparat des Hitler-Reiches öffentlich zum Vaterland zu erklären. Schleichend kommt das Vaterland wieder in Mode. Ja, für ein richtiges Vaterland, da übernimmt man doch gern Verantwortung. Unverantwortlich jene Redaktion, die einer Trauer-Ode auf Militarismus und Faschismus einen schwarz umrandeten Platz einräumt. Einer der gefallenen Pagenkopfs hatte gerade mal sein Abitur gemacht: Gefallen. Wie niedlich das klingt, als sei der Abiturient gestolpert. Ja, man kann auch in Kriege auch reinstolpern. Wenn man nur lange genug die eigene Propaganda für die Wirklichkeit hält. Und so schleicht sich, nach neuesten Meldungen, die NATO an Russland ran. Fünf neue Stützpunkte wird es bald geben: Drei in den baltischen Staaten, zwei in Polen und Rumänien. Weil die gespenstisch wirre NATO Russland als "Bedrohung für die euroatlantische Sicherheit" einstuft. Deutschland wird dabei sein, wenn sich die NATO an Russland ran robbt. Demnächst könnte dann in Anzeigen stehen: Nach dem Hirntod der deutschen Regierung ist unser Sohn in Russland verschollen. Das deutsche Vaterland lässt grüßen.



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    Bizarres in Bayreuth - Wenn das der Wagner wüsste



    Bizarres aus Bayreuth

    Wenn das der Wagner wüsste

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    Bizarres aus Bayreuth

    Wenn das der Wagner wüsste

    Autor: Reyes Carrillo
    Datum: 01. September 2014


    "Horch Draudl, kummd die Mergl odda der Goddschalch des Johr a widder?“
    („Hör mal, Waltraud, kommen die Merkel oder der Gottschalk dieses Jahr auch wieder?“)


    Unsere die Waltraud fragende Freundin ist selbstverständlich frei erfunden. Es gibt keine(n) BayreutherIn, die nicht über die jeweilige detaillierte Liste derer im Kopf verfügte, deren traditionelle Premierenauffahrt zum Heiligen Gral des Festspiel-Theaters viele Hunderte von süchtigen Mit-Atmern prominenten Odems an die Straßenränder des Festtspielparks löckte. Wenige darunter, Störer ist zuviel gesagt, kämpfen aber mit antizipiertem, zuverlässigem Würgereiz in Anbetracht der eigentlich immergleichen unappetitlichen Bagage aus Politik, Wirtschaft, Kunst, Show usw., die da Frack- und Abendkleid lüpfend aus gewienerten Limousinen fällt und dreist umherlächelt. Gut, auch diese Gegen-An-Atmer sind selbstverständlich auf ihre Weise süchtig. Letztere findet man dann später schimpflallend beim dreizehnten „Zwick’l“-Bier (die Bierdeggelstrichla geben Auskunft) im „Herzogkeller“ wieder. Viele Mit-Atmer hingegen schleichen nach Vorstellungsende zum Künstlerlokal „Eule“, um dort vielleicht noch den beleidigten D-Prominenten zu treffen, der nicht auf den traditionellen „Staatsempfang der bayerischen Landesregierung“ im Neuen Schloss eingeladen ist. Und Costa, der in diesem Fall wirklich so heißt, wirklich vor langen Jahren aus Griechenland kam und wirklich Taxifahrer ist, sammelt dann in dieser langen Nacht zum Premieren-Kehraus ein paar Mit- und Gegen-An-Atmer, vereint und versöhnt nun im gemeinsamen Ausgeatmet-Haben, ein und freut sich jedes Jahr aufs Neue, ein kleines Rädchen dieser magischen Wochen Wagnerschen Hochamts sein zu dürfen. In dieser Zeit trägt er Anzug und Krawatte.

    Aber wo sind die Nazis, wo der braune Sumpf, wo diejenigen, die den langjährigen intimen Freund Bayreuths, den Führer, vermissen? Wo diese typische „Bayreuther Brühe“ aus den einen Parsifal in die Gehörgänge implantiert habenden und über Schwabs „Deutsche Heldensagen“ masturbierenden Großdeutschland-Träumern? Zur mehr oder weniger großen Enttäuschung eines jeden aufrechten Antifaschisten wird es dummerweise tatsächlich schwer, unter solcherart Begriffsbildern in Bayreuth fündig zu werden. Was freilich mitnichten meint, all dies gäbe es nicht – auch. Die Realität des fast imperialen Wagner-Anteils Bayreuths ist aber längst eine andere, eine entspannte, glaubhaft entspannte. Von den traditionellen, aufgemotzten, mal interessanten, meist langweiligen Fehden innerhalb des Wagner-Clans natürlich einmal abgesehen. Wäre dies anders (auch schon länger), dann hätten sich kaum Regisseure und Dirigenten wie Patrice Chéreau, Pierre Boulet, Christoph Schlingensief, Frank Castorf, Werner Herzog, Heiner Müller, Jürgen Flimm, Daniel Barenboim usw. nach Bayreuth verpflichten lassen. Deren oft heftige Leiden unter dem bizarren und verkrusteten Paten-Onkel Wolfgang Wagner waren vor allem dem Kampf um ihre eigene künstlerische Freiheit geschuldet. Bemerkenswert ist unter anderem auch die gemeinsame Zeitachse völlig divergierender „Aggregatzustände“ in Bayreuth Mitte der 1970er Jahre: Da ist auf der einen Seite die in die Annalen der Bayreuther Festspiele eingegangene „linke“ Ring-„Skandal-Inszenierung“ von Patrice Chéreau, 1976. Und auf der anderen Seite das ebenso große Aufmerksamkeit erregende filmische 5-Stunden-Mammut-Interview von Hans-Jürgen Syberberg von 1975 mit Winifried Wagner (der Busen-Freundin Hitlers), in der diese noch einmal eindringlich die Unbelehrbare gibt (Hans-Jürgen Syberberg: „Winifried Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried“). O-Ton Winifried: „Wenn der Hitler heute hier zur Tür reinkäme, ich wäre genauso fröhlich und so glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben, als wie immer."
    Chéreaus Inszenierung unter der musikalischen Leitung des Dirigenten und Komponisten Pierre Boulez wird von Linken überdies als sozusagen erste (und letzte) „materialistische“ Inszenierung auf dem Grünen Hügel gefeiert. Nach der Wut des Publikums und der Kritik bis hin zu wüsten Schlägereien 1976 setzte Wolfgang Wagner den Provokations-Ring in einem mutigen Jetzt-erst-Recht vier Jahre hintereinander auf den Bayreuther Speiseplan. 1980 schließlich verabschiedete sich diese Inszenierung mit legendären neunzig Minuten Applaus und 101 Vorhängen. Wolfgang Wagner stand in einer seltenen wiewohl segensreichen Gespaltenheit nicht nur für einen drögen inszenatorischen Traditionalismus, sondern auch für seine innovatorische Aufgeschlossenheit, polarisierende Gastarbeiter wie Chéreau, Boulez, Götz Friedrich oder Harry Kupfer nach Bayreuth zu locken.

    Mit Winifried an der Spitze und in gewisser Hinsicht auch mit Wolfgang verließen dann aber schließlich vor allem der letzte braune Stuhl und ein insgesamt zäher Konservatismus endgültig die Mauern des Festspielhauses und der von Haus Wahnfried.
    Die heutigen Bayreuther Wagner-Spiele also unter den Generalverdacht zu stellen, ihre braune Vergangenheit müsse quasi mit der Lindwurm-Kraft eines Siegfrieds dauerhaft an ihr kleben bleiben, verkennt die Realitäten oder will sie bewusst verkennen. Eine klare und deutliche Vergangenheitsbewältigung des gesamten Clans, die auch strengeren Maßstäben genügen würde, gab es indes in der Tat nicht. Der sich freilich anbietende Umkehrschluss führt jedoch auf eine längst von braunen Duftmarken befreite und damit sinnlose Fährte.

    Etwas anderes ist es, den Komponisten selbst, sein Wesen, sein Denken, seine Musik nicht zu mögen. Das bleibt natürlich jedem selbst überlassen, obschon sich – außer der Geschmacksfrage - um alle diese Fragen einige Mythen ranken, die dem Mann nicht gerecht werden. Richard Wagner, der wohl der in allen Einzelteilen sezierteste Komponist und Mensch der Musikgeschichte ist, war, was von niemandem ernsthaft bezweifelt wird, ein musikalisches Genie und hat vor allem mit seiner speziellen Harmonik die kompositorische Weiterentwicklung zu jener Zeit stark beeinflusst. Gesichert zudem ist, dass er – zwischenmenschlich - ein egoistisches Arschloch und eitler Sack gewesen sein muss, das und der alles und jeden nach seinem Nutzen für sich selbst beurteilte. Richard Wagner war darüber hinaus aber ein sehr politischer Genosse seiner sowieso sehr politischen Zeit. Doch wenn einer wie Springer-Chef Mathias Döpfner noch im Juli vergangenen Jahres im Stern-Interview Wagner als „einen rassistischen Reaktionär“ bezeichnet, dann klingt das zwar überraschend wohlfeil, sollte aber angesichts der Personalie, die dieses behauptet, ein gesundes Misstrauen generieren. Bis in linke (Fach-)Kreise hinein ist Richard Wagner längst vom eindimensionalen Vorwurf des Rassisten und Judenhassers befreit. Wagner wird hier – biografisch nachvollziehbar - als „Romantischer Linker“ gesehen, als Frühsozialist, der die vernichtenden Kräfte des aufkommenden Kapitalismus erkannte und fürchtete. In seinem Selbstbild begriff er sich sowieso als Revolutionär – musikalisch und politisch. Zu Wagners Pariser Zeit um 1830 war es unter den Frühsozialisten übrigens üblich, Kapitalisten und Juden als Synonym zu verwenden. Obwohl dies der damaligen Wirklichkeit freilich nicht standhielt, sondern sich aus den zu jener Zeit entstehenden Großbanken in jüdischem Besitz herleitete. So stellt Wagners gefürchtetes Elaborat „Das Judentum“ (in der Musik) die Juden gleichsam als Synonym für die Kommerzialisierung von jeglicher Kunst und Kultur dar. Wagners Hingezogensein zu den großen, schwülen Heldensagen des deutschen Mittelalters ist Teil seines Konzepts: Einer (natürlich von ihm) zu erschaffenden „deutschen Kunst“, eines komplexen „Gesamtkunstwerks“, das einst frei von jeglicher kommerziellen Ausbeutung die von ihm so erkannte revolutionäre Botschaft dieser Sagen verbreiten möge. Wagner visionierte eine Art von „Kunst-Religion“, die die Fähigkeit habe, gesellschaftliche Einheit (heute würde man wohl sagen: gesellschaftliche Solidarität) zu erzeugen und damit der Wucherung kapitalistischer Einzelinteressen vorzubeugen. Im Übrigen distanzierte er sich durchgängig von der nationalistischen und rassistischen Rechten seiner Zeit.
    Auch der Vorwurf, Wagner habe erst den Nationalsozialismus möglich gemacht, ist freilich genauso absurd wie seine umgekehrte Variante, Marx als Vorhut des Stalinismus zu betrachten. Verbriefte antijüdische Äußerungen Wagners sind zudem im Kontext seiner Zeit zu verstehen, in der dieses Juden-Bashing zum gängigen Repertoire des Bildungsbürgertums hüben und drüben des Rheins gehörte. Das mag nicht jede/r gerne hören (die Autorin früher inbegriffen!), aber die Fairness verlangt (leider?) solcherart entlastende Kontextuierung wahrzunehmen. Und last not least hatte sich Hitler in seinem Judenhass nie auf Richard Wagner bezogen. Auch dies ein hartnäckiger Mythos.


    Nein, das was Bayreuth mit seinen jeden Juli wie Heuschrecken einfallenden Wagnerianern gestern, heute und morgen so bizarr und skurril macht, ist die meist freakige Klientel selbst und die satirische Metamorphose eines temporär zu internationaler Bedeutung aufwachenden, biederen Provinzstädtchens mit Gartenzwergidylle. Es ist diese Mischung aus deutschtümelndem, internationalem (!) Bildungs- und Großbürgertum, intellektuellen Musik-Profilneurotikern, natürlich auch der Spezies mit eingebautem Wichtigkeits-Gen, dem armen, besessenen Schlucker aus Amazonien, der sein Leben für die Teilnahme an einer Generalprobe hingibt und natürlich das bunte Grüppchen, das sich Wagners Pathos einfach mal als Zwischendurch-Dröhnung geben muss.

    Ach ja: Frau Merkel war zur Premiere nicht da (aber später), auch nicht Herr Gottschalk, dafür aber Johannes B. Kerner.





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    Freiheit vor dem Volk - Mit CETA vorwärts zum Konzern-Recht



    Freiheit vor dem Volk


    Mit CETA vorwärts zum Konzern-Recht


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    Freiheit vor dem Volk

    Mit CETA vorwärts zum Konzern-Recht

    Autor: U. Gellermann
    Datum: 08. September 2014


    Es heulen die Triebwerke der Kampfflugzeuge über dem Irak, die USA versuchen die Trümmer ihrer Supermacht-Aggression von 2003 in diesem Teil der Welt klein zu bomben. Es rasseln die Panzerketten ukrainischer Regierungs-Truppen, um den USA einen weiteren Militär-Stützpunkt zu verschaffen. Nur leise klirren die Ketten des IWF, um noch ein Land und noch ein Land der ökonomischen Strategie Amerikas zu unterwerfen: Einige wenige sollen reich werden, die Mehrheit soll dafür mehr und mehr für weniger und weniger arbeiten. Und kaum hörbar, irgendwo im Hintergrund des martialischen Macht-Konzertes pfeift ein kalter, heimtückischer Fallwind, der die schäbigen Reste von Sozialem in der Sozialen Marktwirtschaft hinweg wehen soll: CETA. Das "Comprehensive Economic and Trade Agreement", das Allumfassende Handelsabkommen zwischen Kanada und der Europäischen Union, schon vor Jahren in geheimen Verhandlungen beschlossen, soll jetzt als Testfall für das noch staatsfeindlichere TTIP, das Freihandelsabkommen der USA mit der EU, durchgesetzt werden. Denn wo die US-Regeln gelten, da herrscht die Freiheit vor dem Volk. Es geht im Kern darum entgangene Profite einzuklagen. Vor Gerichten, die außerhalb der Gesetze stehen.


    Als die Freiheit der jungen Atomindustrie in Deutschland noch grenzenlos war, damals in den 50er Jahren, da begann die Liebes-Geschichte zwischen den Energiekonzernen und dem Staat. Der streute freizügig Steuer-Milliarden unter die Konzerne, um den Bau der Atomkraftwerke zu finanzieren. Viele Jahre und Billionen von Profiten später, als einer eigentlich ins Atom verliebten Kanzlerin, nach Fukujima, ein Wahldebakel drohte, wurde der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Es war einer der seltenen Momente, in denen die Sorgen und Ängste der Bevölkerung unmittelbar zu einer Maßnahme führten. Das Volk, so raunte es auf den Konzernetagen, das Volk will was und kriegt es? Unerhört. In den internationalen Rechtsanwaltskanzleien wurden die Akten gewälzt, die Smart-Phones angebrüllt und in schweren schwarzen Wagen fuhren die Lobbyisten von Hinterzimmer zu Hinterzimmer. Als das alles nichts mehr half, ging der Vattenfall-Atomkonzern vor Gericht. Denn irgendeine deutsche Regierung hatte vor Jahren ein besonders idiotisches EU-Abkommen unterzeichnet, das dem neuen CETA ähnelt. Und jetzt will Vattenfall 3,7 Milliarden vom deutschen Staat haben.


    Seit Anfang August liegt das CETA-Ankommen zur Unterschrift bei Wirtschaftsminister Gabriel vor. Angeblich will er es jetzt mal durchlesen. Ein Abkommen, das seit 2009 verhandelt wird. Jetzt aber, jetzt will er ganz schnell lesen der Minister: Doch mehr als einen Monat später mag der Minister immer noch nicht nein sagen. Er könnte ja irgendjemanden verärgern. Die internationalen Konzern oder gar die USA, deren Bündnisstaat Kanada ja nur eine Testabkommen für das TTIP in die Welt setzt. Und die deutsche Regierung hat schon mal eine Stellungnahme abgesondert: Prinzipiell seien "Investitionsschutzabkommen in Freihandelsabkommen zwischen entwickelten Rechtsstaaten" nicht erforderlich. Falls aber "das europäische Gesamtinteresse an diesen Freihandelsabkommen so überwiegend" sei, werde gegebenenfalls das "ausgehandelte Investitionsschutzabkommen hingenommen". So schreibt sie der Linkspartei, die mal nachgefragt hatte. Aber wenn es doch irgendwie erforderlich ist, lauert in diesem gewundenen Satz. Ja dann.


    Die Chemie-Industrie lauert schon. Hatte sie doch viel Geld in wunderbare Pestizide investiert, die dann vom Staat verboten wurden, nur weil hie und da nicht nur Insekten sondern auch Menschen am Pflanzenschutz eingegangen waren. So viel entgangene Gewinne, die man vor geheimen Gerichten wie sie von CETA und TTIP vorgesehen sind, einklagen könnte! Auch die Pharma-Industrie luchst auf Entschädigungs-Summen: Hatte man ihr doch immer wieder mal ein Medikament vom Markt genommen, bloß weil Patienten zu Krüppeln verkamen. Die Zigarettenindustrie führt gerade eine Test-Attacke gegen Australien: Philipp Morris verklagt dort die Regierung, die so unverschämt war den Zigarettenpackungen Bilder von Krebstumoren beizulegen. Was da an Profit entgangen sei, unglaublich. Ein relativ geringes Interesse zeigt bisher die Rüstungsindustrie. Man habe, so hört man aus Vorstandskreisen, bisher noch jeden ordentlichen Krieg durchbekommen. Wenn es allerdings so weiterginge und die Bundesregierung nur alte Lagerbestände in den Irak liefere statt frischer Mordware, müsste eine Klage erwogen werden. Ziemlich zuversichtlich beobachte man den Ukraine-Krieg. Hier ginge es schließlich um geostrategische Interessen der USA, in solchen Fällen sei der Rechtsweg noch nie zum Zug gekommen.


    Um dem Sigmar Gabriel das Lesen zu beschleunigen und das CETA-Abkommen abzulehnen hat CAMPACT eine Unterschriften-Kampagne auf den Weg gebracht, die wir den Lesern der RATIONALGALERIE nicht vorenthalten wollen:


    www.campact.de/Ceta-stoppen




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    VG.

  10. #210
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    Weniger Mitte, mehr Rand - Randglossen eines linken Radikalen



    Weniger Mitte, mehr Rand

    Randglossen eines linken Radikalen

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    Weniger Mitte, mehr Rand

    Randglossen eines linken Radikalen

    Autor: U. Gellermann
    Datum: 08. September 2014
    -----
    Buchtitel: Grenzen, Ränder, Niemandsländer
    Buchautor: Jochen Schimmang
    Verlag: Nautilus



    Nur eimal in der langen Kette kluger, wohlformulierter Nachdenklichkeit in seinem Buch über "Grenzen, Ränder, Niemandsländer" irrt der Schriftsteller Jochen Schimmang. Von den Plätzen weiß er zu erzählen, denen er misstraut weil sie zu wenig Rand sind. Aber eine Ausnahme lässt er zu: Den Ludwig-Kirchplatz in Berlin lobt er als "ein großartiges Versteck". Doch an eben diesem Platz haust die "Stiftung Wissenschaft und Politik", jener Denk-Tank, aus dem die Bundesregierung ihre außenpolitischen Pläne zapft. Wie jenen, zu dem, was denn aus aus Libyen werden sollte, nach dem Sieg der "Opposition". Der Plan für die Ukraine bleibt noch in seinem Schubladen-Schlupfwinkel. Aber bald könnte er mitten unter uns sein. So, wie die Stiftung längst Mitte, nicht Rand von Regierungs-Entscheidungen ist.


    Es ist ein fantastisches Licht in das Jochen Schimmang die Wirklichkeit taucht. Magisch und erhellend zugleich kann sein schmales und doch reiches Buch auf Leser wirken. Kein Wunder, hat doch der Autor schon als Junge zeitweilig in einem Bungalow gelebt. Und Bungalow, so steht es in der Wissensmaschine Internet geschrieben, ist nur das von Engländern verballhornte Wort für "Bengalisches". Bengalische Hütten wollten die Kolonienbesitzer mit ihren Flachdach-Bauten nachahmen. Dass ausgerechnet dem Bungalow der Schimmangs ein Dachboden zu eigen war, muss dem Magischen hinzugerechnet werden. Auf dem Dachboden lag einer der Fluchtorte des kleinen Jochen. Hier hatte er sein temporäres, herrschaftsfreies Niemandsland, hier schrieb er sich aus der Welt, um sie vom Rand aus besser beobachten zu können.


    Alle, fast alle drängeln in die Mitte: Die Parteien, Wohnungsinhaber, wer will denn schon am Rand wohnen, auch die mit dem herrschenden Geschmack, leben so medioker wie möglich. Und wer nach Berlin zieht, der vermeintlichen Mitte des Landes, stellt der Autor fest, der will unbedingt in den Bezirk "Mitte". Schimmang zieht das Randständige, das Aussenseiterische vor und wurde so selbstverständlich zum Linken. Sein radikales Lesebuch ist üppig mit Zitaten und literarischen Hinweisen versehen. Immer um einen Gedanken zu vertiefen. So, wenn er Oscar Wilde zu den Armen zitiert, denen "jede Grazie fehlt, jede Anmut der Rede, jede Zivilisation oder Kultur". Aber, schreibt Schimmang mit etwa drei Ausrufezeichen, aber der englischen Arbeiterklasse, den Armen im Kampf gegen Margaret Thatcher, fehlte es nicht am Begreifen des Antagonismus. Dem Wissen davon, dass zwei Klassen sich unversöhnlich gegenüberstehen. Und so erkennt er dann vom Rand her, dass die einst selbstbewusste Klasse sich im Zuge der De-Industrialisierung als Personal in Call- und Shopping-Zentren aufgelöst hat. So ruft er denn der neuen Mitte, den Smarties in den Londoner Finanz-Zentren zu, dass die Thatcher leider dreißig Jahre zu spät gestorben ist.


    Mitten in der Verteidigung des Randes als Standort, spricht Schimmang den Leser, den "lieben Leser", ganz direkt an. Was ein wenig altertümlich wirkt, das warnt hochmodern vor der Heimat-Tümelei: "Der Schritt vom regionalen Widerstand zum Heimatverein ist leider nicht besonders groß". Ist zu lesen und das Bild der vielen regionalen Kämpfe, in denen die jeweilige Landschaft verteidigt wurde, erinnert an die dort entstandenen GRÜNEN, die heute für die ganze, große Heimat Verantwortung übernehmen wollen: In Afghanistan schon lange, vielleicht demnächst auch in der Ukraine. Dass andere Leute auch eine Heimat haben und dass die nicht immer so idyllisch aussieht wie die deutschen Ländle und doch von denen selbst gegärtnert werden muss, macht der Autor mit einem einzigen wunderbaren Satz klar. Über das vereinte Deutschland und seine Nachbarstaaten schreibt er, es sei "mitten unter ihnen, wohl genährt . . . und immer voller echter Sorge um Europa, das nur gedeihen kann, wenn es auf den dicken Mann in seiner Mitte hört."


    Voller Aktualität, wenn auch in zeitlose Sprache gekleidet und in der Retrospektive, erzählt der Autor über das Nachkriegs-Westdeutschland, in das sein Vater mit nur einem Arm zurückkehrte. Über das Wort "Zusammenbruch" statt "Befreiung" wird berichtet, über die neuen Funktionäre der Macht, die doch häufig die alten waren und wieder gibt es den Verweis auf ein anderes Buch: "Das haben wir nicht gewollt" von William Sheridan Allen, in dessen "German Town" Schimmang seine Heimatstadt wieder erkennt. So erfahren wir, selten genug in der ernsten Literatur, noch ein Happy-End: Im April 1945 hielt der NSDAP-Chef des Ortes eine Rede. Er drohte jedem, der die Stadt ohne Erlaubnis verlasse, die standrechtliche Erschiessung an. Nach der Rede verließ er die Stadt in Zivil und wurde, eher versehentlich, von den anrückenden Amerikanern erschossen. So können Orte am Rand, nur ganz kurz versteht sich, zur Mitte der Geschichte werden. Leider machte das Beispiel keine Schule.



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